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Die unsichtbaren Symptome der Multiplen Sklerose

Die sichtbaren Symptome der Multiplen Sklerose lassen sich nicht verbergen. Doch was ist mit den Symptomen, die man nicht sieht?

Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems von Gehirn und Rückenmark. Sie ist die häufigste neurologische Erkrankung des jungen Erwachsenen, die zu einer Behinderung führen kann und in Schüben verläuft.

Was assoziieren die meisten Menschen mit dem Begriff „Multiple Sklerose“? Das sind doch die Kranken, die sich nicht „normal“ fortbewegen können und meistens im Rollstuhl sitzen?! Diese Reaktion ist eine der vielen Mythen, die über diesem Begriff schweben. Die MS bindet einen Menschen nicht zwangsläufig an den Rollstuhl; dank verbesserter Behandlungsmöglichkeiten, Medikamenten und der Physiotherapie kann eine Behinderung – körperlich wie geistig – heutzutage eingegrenzt und hinausgezögert werden.

Das Thema dieses Artikels sind die nicht sichtbaren Symptome der MS. Neben den leicht sichtbaren Symptomen gibt es nämlich tatsächlich eine Menge unsichtbare Symptome der Krankheit. So genannte neuropsychologische Symptome wurden bereits in Beschreibungen der Multiplen Sklerose im 19. Jahrhundert dargestellt: Schwerbesinnlichkeit, Probleme bei abstrakten Aufgaben, Gedächtnisschwäche. Die hier aufgeführten Symptome können die Lebensqualität ganz erheblich einschränken. Depressionen über den Verlauf des Lebens mit der Krankheit, Probleme in der Arbeit oder mit dem Partner und dem ganzen sozialen Umfeld sind nur einige Beispiele. Die so genannte „Fatigue“ (abnorme Ermüdbarkeit) und kognitive Störungen (neuropsychologische Störungen) sind weitere unsichtbare Symptome der MS. Alle drei haben nichts mit meist vermuteter Faulheit oder Verweigerung zu tun und sind ernstzunehmende Empfindungen, die der Behandlung bedürfen.

Das Symptom der Depression bei Multipler Sklerose

Die Zeit der ersten Diagnosestellung kann eine Zeit des Haderns und Grübelns sein; traurige Verstimmung und Verzweiflung quälen. Daraus entstehende Reaktionen können Interesselosigkeit/Freudlosigkeit, fehlendes Selbstvertrauen/Selbstwertgefühl, Reizbarkeit, Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen und im schlimmsten Fall Todesgedanken sein. Störungen des Gefühlslebens sind bei MS nicht selten. Die Ursachen von Depressionen sind offensichtlich multifaktoriell, wobei sowohl biologische wie psychosoziale Faktoren für bedeutsam erachtet werden. Zur Therapie stehen zahlreiche psychotherapeutische und medikamentöse Verfahren zur Verfügung. Weder eine MS, noch eine Depression sollten unbehandelt bleiben.

Das Symptom der Fatigue bei Multipler Sklerose

Erschöpft sein nach dem Duschen, große Hitze im Sommer. Abnorme Ermüdbarkeit, die so genannte Fatigue, ist ein nur schwer zu verstehendes, jedoch sehr häufiges Symptom bei der MS. Über drei Viertel der MS-Erkrankten leiden nach Schätzungen unter derartigen Beschwerden. Vorschnelles Nachlassen von Muskelkraft, Gehfähigkeit, aber auch Konzentrationsfähigkeit und Sehschärfe wirken sich zum größten Teil auf Berufsfähigkeit und soziales Leben behindernd aus. Die abnorme Ermüdbarkeit nimmt im Laufe des Tages zu und kann zu einem Hauptsymptom der Krankheit werden. Auffällige Müdigkeit und ähnliche Symptome können von anderen Menschen leicht falsch interpretiert oder missverstanden werden. Deshalb ist es wichtig, den Chef und die Kollegen am Arbeitsplatz über den Verlauf und die möglichen Auswirkungen der Krankheit zu informieren.

Da die Ursachen der Fatigue bislang nicht geklärt sind, setzen die Therapien an der Behandlung der Symptome an.

Das Symptom der kognitiven Störungen bei Multipler Sklerose

Die Formulierungen „kognitve“ oder „neuropsychologische Störung“ werden sinngleich verwendet. Viele bemerken derartige Störungen nicht, und wenn doch, dann wird verdrängt. Jeder erreicht einmal den Punkt, an dem es ihm so vorkommt, als hätte er nichts geschafft. Doch tritt diese Feststellung öfter auf, sollte speziell bei MS-Patienten durch ein neuropsychologisches Testverfahren geprüft werden, wo aus gesundheitlichen Gründen die Defizite liegen. Das macht meistens Sinn, wenn durch die kognitiven Störungen Probleme im Alltag entstehen. Als Wegweiser für den Alltag sollten regelmäßige Pausen, das Einplanen von Zeit, um nicht unter Druck zu geraten, das Minimieren von Störquellen und Ablenkung und das Planen von anstrengenden Aufgaben zu einer günstigen Tageszeit stehen. Das diese Wegweiser auf der Arbeitsstelle kaum umsetzbar sind, wenn nicht entsprechendes Verständnis vorhanden ist, ist kein Geheimnis. Auch bei kognitiven Störungen sind mehrere Behandlungsansätze möglich – medikamentöse und nicht medikamentöse. Entspannungstechniken, körperliche Fitness und Aufmerksamkeitsübungen sind wichtig für das Erhalten der eigenen kognitiven Reserven. Sie können nach dem „Zur-Ruhe-bringen“ der MS durch eine immunologische Behandlung immer wieder ausgeübt werden.

Im Leben zählt nicht nur die Anzahl der Jahre, die jemand lebt, sondern auch die Tatsache, ob es gute und schöne Jahre sind. Lebensqualität als Maßstab der MS-Behandlung setzt die Benennung und auch Behandlung der unsichtbaren MS-Folgen voraus.