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Folgen von Gedächtnisverlust bei Alzheimer

Gedächtnisstörungen bei Alzheimer-Kranken führen zum Verlust der narrativen Identität und zur Entstehung einer narrativen Maske.

Demenz wird als Verlust von erworbenen intellektuellen Fähigkeiten bezeichnet. Infolge einer Hirnschädigung passt sich der Betroffene einem früheren Entwicklungsniveau an. Die kognitiven Störungen (das Wahrnehmen, Denken, Erkennen betreffend) machen sich bei verschiedenen Handlungsabläufen bemerkbar: So steht zum Beispiel der Demente mit dem Schlüssel in der Hand und weiß nicht, wie er die Türe öffnen soll. Typisch sind auch Orientierungsstörungen; egal ob es sich um die eigene Wohnung oder unbekannte Räume handelt. Die Gedächtnisstörungen betreffen besonders das neu Gelernte.

Bei der Demenz vom Alzheimer-Typ werden Defizite „überspielt“ und als Erfolge dargestellt. Die Erinnerungslücken füllt ein Dementer mit Einfällen, die er für Erinnerungen hält.

„Narrative Maske“

Bei jedem Menschen ist die Identität seiner selbst eigentlich immer eine „erzählte (narrative) Identität“. „Im Fortschreiten der Alzheimer Demenz wird diese vom Menschen ‚erzählte Identität’ zunehmend zu einem virtuellen Objekt, eben einer Maske narrativer Natur“.

Der französische Philosoph Paul Ricoeur (1913 – 2005) beschreibt in seinem Konzept die narrative Identität „als das Bild des Menschen von sich selbst, welches er im Erzählen von sich hervorbringt und sich dabei zugleich bewusst macht“. Demnach ist solch eine Identität als „erzählbare, unverwechselbare Selbstbezüglichkeit“ zu verstehen. „So gesehen ist die narrative Identität in ständiger Bildung und Auflösung begriffen“.

Das bewusst erzählbare Selbstbild entsteht aus Erlebnissen und Ereignissen und erfordert „einerseits einen Zugriff auf bereits Vergangenes als auch andererseits ein Neulernen von Erlebtem“. Sowohl das Neugelernte wie auch Zurückliegende muss nicht nur miteinander abgeglichen werden, sondern auch bewusst explizierbar (verbal wiedergegeben) sein.

Folgen von Alzheimer auf die narrative Identität

Unentbehrlich erscheint dabei die Möglichkeit des Erinnerns. Wenn jene beeinträchtigt wird, koppelt sich die narrative Identität von aktuellen Veränderungen ab. Es fehlt die Selbstbezüglichkeit zur Gegenwart, es fehlt die gestaltende Perspektive. Die narrative Identität erstarrt zur Maske.

„Mit dem Begriff der ‚narrativen Maske’ ist hier eine ‚narrative Identität’ gemeint, welche unabhängig von den sonstigen Veränderungen der Identität relativ stabil vom Erkrankten erzählt wird und so wie ein maskenhaftes Selbstbild vor der für andere erkennbaren Identität steht“.

Dies ist ein Resultat der frühzeitigen Zerstörung der explizierenden Funktionen des Gedächtnisses. Unter explizitem Gedächtnis versteht man Inhalte, an die man sich bewusst erinnert und die man verbalisieren kann. Implizites Gedächtnis bedeutet das Unbewusste, Prozedurale, das sich nicht verbalisieren lässt. Der Alzheimer-Kranke behält im frühen Stadium noch ein implizites Gedächtnis.

Maske als Orientierung für die Alzheimer-Kranken

Die narrative Maske erfüllt eine wichtige Aufgabe: Sie wird zu „einer stabilen autopsychischen Orientierung“. Bei akuten Verwirrtheitszuständen vermutet man ihren Verlust. Zur Verwirrung kommt meist bei den Veränderungen. Eine Veränderung stellt zum Beispiel ein Urlaub oder eine Krankenhausaufnahme dar.

Anderseits lassen die häufigen depressiven Verstimmungen von den Alzheimer-Kranken die Schlussfolgerung zu, dass die Kranken ihre eigene Defizite und auch ihre Maske wahrnehmen.