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Neue Krebsmedikamente umstritten und extrem teuer

Eine neue Generation von Arzneimitteln gegen Krebs kostet etwa 60.000 Euro pro Therapiejahr, der Nutzen ist oft nur gering – außer für die Pharmaindustrie.

Hochpreisige Spezialmedikamente gegen Krebs, Rheuma und Multiple Sklerose sind nach einer jüngsten Erhebung Ausgabentreiber Nummer eins bei den Krankenkassen. Von den neu eingeführten, besonders teuren Präparaten hätten rund 40 Prozent keinen zusätzlichen Nutzen, sagte der renommierte Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske bei der Vorstellung des Arzneimittelreports 2010 der größten deutschen Krankenkasse Barmer GEK.

Alleine Krebsmittel, bei denen eine Therapie Kosten von oftmals etwa 60.000 Euro im Jahr für einen Patienten – in Einzelfällen bis über 100 000 Euro – kostet, haben laut Report einen Anteil von einem Fünftel an den gesamten Arzneimittelausgaben. Der Anteil von Spezialpräparaten an allen Verschreibungen beträgt lediglich zwei Prozent.

Wenige Monate längeres Leben mit Nebenwirkungen

Laut Spiegel (Ausgabe 20/2010) drängen momentan Dutzende neuer Krebsmedikamente auf den Markt, deren Nutzen fraglich ist. Oft verlängern sie das Leben des schwer erkrankten Patienten im Vergleich zur meist wesentlich preisgünstigeren Standardtherapie lediglich um wenige Monate – dazu nicht selten verbunden mit unangenehmen Nebenwirkungen wie Übergeben, Durchfall, ständige Erschöpfung oder Herzprobleme.

Nutznießer sind vor allem die Hersteller dieser Spezialmedikamente. Jetzt wehren sich behandelnde Ärzte, denn die astronomischen Preise gefährden zur Zeit knapper Kassen das Gesundheitssystem. Für diese Art von neu entwickelten Medikamenten dürfen bislang in Deutschland die Hersteller einen beliebigen Preis festsetzen, den die Krankenkassen zahlen müssen und der in der Regel weit höher als beim selben Präparat im Ausland ist.

Teure Krebsmittel mit geringer Wirkung bei hohen Entwicklungskosten

Einerseits sagen Ärzte wie Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe am Helios Klinikum Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass die meisten Medikamente nur eine geringe Wirkung hätten und die Preise deshalb übertrieben hoch seien. Andererseits argumentieren die Pharmakonzerne, dass die neuen Krebsmittel immense Forschungsmittel verursachten, aber nur wenigen Patienten verordnet werden könnten. Daher müsse der Preis so hoch sein. So betragen nach Angaben des Branchenverbandes vfa die durchschnittlichen Entwicklungskosten eines Medikaments etwa 800 Millionen US-Dollar.

Röslers Pharma-Sparpaket

Die Steigerungsraten der 20 ausgabenstärksten Medikamente lagen im vergangenen Jahr bei der Barmer GEK meist zwischen 12 und 25 Prozent – bei einem durchschnittlichen Zuwachs über alle Medikamente von sechs Prozent. Den stetig steigenden Arzneimittel-Ausgaben will Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) mit einem Pharma-Sparpaket beikommen. Als ersten Schritt dazu hat der Bundestag am 18.06.2010 einen deutlich erhöhten Zwangsrabatt und ein Preismoratorium beschlossen. Dadurch sollen die gesetzlichen Krankenkassen bis Ende 2013 jährlich um gut eine Milliarde Euro entlastet werden. Mit der Neuregelung steigt der gesetzlich festgelegte Zwangsrabatt für bestimmte Arzneimittel. Zudem werden die Arzneimittelpreise bis Ende 2013 auf dem Stand vom 1. August 2009 eingefroren, um zu verhindern, dass der Preisstopp noch durch nachträgliche Aufschläge der Pharmaindustrie unterlaufen werden kann.

Rösler hat die explodierenden Kosten für Arzneimittel im Blick, um die momentan klammen Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung zu schonen, der im kommenden Jahr ein Defizit von elf bis 13 Milliarden Euro vorhergesagt wird. Daher planen Gesundheitspolitiker der Bundesregierung empfindliche Kürzungen und den Versicherten drohen weitere Zusatzbeiträge. Gesundheitsforscher Glaeske sprach sich dafür aus, neuen patentgeschützten Medikamenten zunächst nur eine befristete Kassenzulassung zu geben und sie dann neu zu bewerten.

Unter 10.000 statt 50.000 Medikamente ausreichend

Der neue oberste Pharmaprüfer Jürgen Windeler hält einen Großteil der auf dem deutschen Markt erhältlichen Medikamente für überflüssig. „Die Zahl von 50.000 Medikamentenvariationen könnte ohne Qualitätsverlust vielleicht auf ein Zehntel sinken, in jedem Fall auf unter 10.000“, sagte der künftige Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) dem Wochenmagazin „Focus“.

„Nutzlose Behandlungen“ sollte man aus der Erstattungspflicht für die gesetzliche Krankenversicherung herausnehmen, sagte Windeler. Das verschaffe Raum für „wirkliche Fortschritte.“ Der Pharmaprüfer strebt eine Verringerung der Anzahl der Medikamente über Einzelbewertungen und keine generellen Maximalkosten pro Behandlung an, um bestimmte Patientengruppen nicht zu benachteiligen. Windeler tritt zum 1. September 2010 die Nachfolge des nach offizieller Version über Spesenabrechnungen gestolperten Institutsleiters Peter Sawicki an. Nach Ansicht vieler Beobachter war dieser vor allem in seiner Tätigkeit als zu pharmakritisch aufgefallen.

Rekordumsätze für Pharmaindustrie sowie aggressive Werbung und Marketing

Derweil vermeldet die deutsche Pharmaindustrie für das Jahr 2009 Rekordumsätze. Nach Angaben des Branchenverbandes vfa betrug der Umsatz mit Arzneimitteln im vergangenen Jahr 30,9 Milliarden Euro und lag damit um 4,5 Prozent über dem Umsatz des Jahres 2008. 31 Arzneimittel mit neuen Wirkstoffen wurden in Deutschland eingeführt – mithilfe der genannten enormen Entwicklungskosten pro Medikament. Daher ist es der Pharmabranche wichtig, diese Medikamente durch die Krankenkassen bezahlen zu lassen und nicht durch eine seit Jahren geplante Kosten-Nutzen-Bewertung, ob ein Zusatznutzen zu bereits existierenden Arzneimitteln besteht, oder andere politische Maßnahmen zu verlieren. Mit aggressiven Werbe- und Marketingmaßnahmen sowie Arzneimittelstudien, deren Unabhängigkeit umstritten sind, versucht die Pharmabranche folgerichtig ihre hohen Kosten wieder hereinzuholen.

Gegen den Trend stieg die Zahl der Arbeitsplätze in der Pharmaindustrie in Deutschland, in den Jahren 2003 bis 2008 um 8,5 Prozent. Die forschenden Pharma-Unternehmen beschäftigten im vergangenen Jahr rund 90.000 Mitarbeiter. Dies erklärt ihren starken Einfluss auf das Gesundheitswesen, da es der Politik und insbesondere Kandidaten in Wahlkreisen mit vielen Arbeitsplätzen im Pharmabereich nicht daran gelegen ist, Arbeitsplätze zu gefährden. Umso bemerkenswerter sind die geplanten Sparmaßnahmen durch Gesundheitsminister Rösler in diesem Bereich, zu denen der vfa sich erwartungsgemäß folgendermaßen äußert: „Es ist durchaus möglich, dass durch die Verschlechterung der politischen Rahmenbedingungen sowie durch die Konzentration der Branche ein Arbeitsplatzabbau stattfindet“, so Susan Knoll, Geschäftsführerin Kommunikation im vfa.

Politische Rücksicht auf Pharmalobby oder letzte Hoffnung für Krebspatienten?

Warum hat das genannte IQWiG, dessen Gutachten dazu führen, ob die Krankenkassen verordnete Medikamente bezahlen müssen, neben diversen anderen Präparaten ausgerechnet die extrem teuren neuen Krebsmedikamente nicht unter die Lupe genommen? Ist es die angesprochene Rücksicht auf die Pharmalobby? Sind es ethische Bedenken, schwerkranken Krebspatienten auch die letzte Hoffnung auf das Anschlagen eines neuen „Wunderpräparats“ zu nehmen? Wir wissen es nicht, aber wir sollten genau bedenken, wie wir unser immer noch vorbildliches deutsches Gesundheitswesen im Angesicht enormer technisch-wissenschaftlicher Möglichkeiten und einer alternden Bevölkerung effizient und bezahlbar halten können – sonst fährt es gegen die Wand.