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„Placebos“. Sind Scheinmedikamente erlaubt?

Messbare Wirkung oder Manipulation? Scheinmedikamente haben offensichtlich gewisse Wirkungen, aber nicht in ausreichend messbarer Weise. Darf man sie dennoch einsetzen?

Ein Placebo ist eine Substanz ohne eigentliche pharmakologische Wirkung, die einem Patienten oder einer Versuchsperson verabreicht wird. Als Placebo-Effekt bezeichnet man die Erfahrung, dass eine solche Substanz dennoch zu Zustandsveränderungen führen kann, und zwar positiver oder negativer Art. Eine positive Reaktion wäre ein therapeutischer Effekt, zum Beispiel Schmerzfreiheit oder Schlafenkönnen, eine negative das Auftreten von Nebenwirkungen wie Schwindel oder Benommenheit. Die Verteilung von positiven und negativen Reaktionen ist dabei annähernd gleich. „Placeboempfindlich“ scheinen etwa 30% aller Personen zu sein. Der Placeboeffekt hängt sowohl von der Einstellung des Kranken wie auch der des Therapeuten ab. In den Reaktionen gibt es Geschlechtsunterschiede zwischen Männern und Frauen.

All dies schien gesichertes Wissen seit fast fünfzig Jahren zu sein. Allerdings: die hier angegeben Effekte beziehen sich zum großen Teil auf subjektive, nicht auf objektive Zustandsveränderungen von Patienten oder Versuchspersonen.

Wissenschaftliches und ethisches Problem

Jetzt bekommt die Placebodiskussion einen neuen Aspekt. Da Placebos natürlich viel preiswerter sind als die wirksamen Arzneisubstanzen, wurde ernsthaft diskutiert, sie vermehrt einzusetzen, wenn, ja wenn eben ein messbarer Erfolg zu verzeichnen wäre. Bestechend der Gedanke, vielleicht doch mit weniger Gefahren durch das Medikament selbst (Nebenwirkungen) und gleichzeitig mit geringeren Kosten therapeutisch eingreifen zu können!

Die Problemlage ist allerdings längst nicht geklärt. Einmal, da die diesbezüglichen Studien meist auf subjektiven Angaben der therapierten Personen fußen. Damit sind korrekte Vergleiche und Schlüsse, die zu allgemeinen Therapierichtlinien führen könnten, praktisch ausgeschlossen. Dazu kommt aber ein wichtiger ethischer Aspekt: kann, darf man im Zeitalter der viel diskutierten Autonomie des Patienten, seiner Selbstentscheidung und Selbstverfügung, die gezielte Täuschung als Suggestion, als „heilende Lüge“ überhaupt einsetzen?

Die Frage ist noch nicht beantwortet. Allerdings hat sie zu einem neuen, kritischeren Umgang mit dem Placebo-Effekt geführt. So weisen neuere Analysen immer öfter darauf hin, dass die meisten angegebenen Placebo-Effekte mitnichten bewiesen seien. Eine kritische Durchsicht der vorliegenden Veröffentlichungen ergab, dass Angaben zu Größe und Häufigkeit des Placebo-Effektes oft stark übertrieben oder gar gänzlich falsch waren. Was kann Placebo-Effekte vortäuschen? Spontane Schwankungen der Symptome einer Krankheit zum Beispiel, auch der Gesamtverlauf der Krankheit selbst. Immerhin: dass das Phänomen Placebo-Effekt existiert, wird nicht angezweifelt. Sicher ist vor allem, dass zwei Dinge eine Rolle spielen: die (positive) Erwartungshaltung des Patienten und die optimistische, ebenfalls also positive Informationsvermittlung durch den Therapeuten.

Nicht schaden allein noch kein Nutzen

Noch viel weitergehende Forschung wird nötig sein, um einmal ganz grundlegende Fragen im Zusammenhang mit dem Placeboeffekt zu beantworten, eine Abgrenzung vorzunehmen zu Effekten von z.B. Psychotherapie oder verschiedenen Methoden der komplementären Medizin, – die nicht in diesem Sinne Placebo-Effekte sind, wo aber der Wirkmechanismus der Methode nicht genug geklärt ist,- und um außerdem offene ethische Fragen zu klären. Einrichtungen wie das Institut für biomedizinische Ethik an der Universität Zürich (www.ethik.nzw.ch) beschäftigen sich mit dieser Problematik. Auch das Zentrum für medizinische Ethik ZME Bochum veröffentlichte in seiner Schriftenreihe „Medizinethische Materialien“ Wichtiges zum Thema.

Das bereits von Hippokrates bekannte, aus der römischen Antike weiter überlieferte “ nil nocere“ (nur nicht schaden!) ist weiterhin gültig, in der Therapie von Krankheiten reicht es aber oft nicht aus. Vereinfacht: ein Glas Wasser schadet ganz sicher nicht (hat keine Nebenwirkungen), aber eine Wirkung im Sinne von Therapie als nachweisbarer Veränderung eines krankhaften Zustandes auch nicht. Endziel der Forschung muss sein, möglichst wirksame und gleichzeitig möglichst nebenwirkungsarme Stoffe herzustellen beziehungsweise in der Natur zu finden, die therapeutisch wirksam sind. Die neue Diskussion um Placebos könnte auch hier ihre Verdienste haben.