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Spracherwerb – So erlernen Kinder ihre Muttersprache

In der Regel erlernt jeder Mensch seine Muttersprache. Es ist das Selbstverständlichste der Welt, aber wie läuft der Lauterwerb eigentlich genau ab?

Unter normalen Umständen lernen alle Kinder ihre Muttersprache. Doch wie schaffen es kleine Babys eigentlich vom banalen Schrei zum ersten Wort bis hin zu ganzen Sätzen? Die Anforderungen an das Kind sind dabei immens, das sollte einem bewusst sein. Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen haben sich der Spracherwerbsforschung angenommen, doch selbst bis heute ist der Spracherwerb nicht bis ins letzte Detail geklärt. Dennoch konnte anhand vieler Beobachtungen zumindest der Verlauf erfasst werden, der sich wie folgt gestaltet.

Erste Phase: der Schrei

Sofort nach der Geburt fängt ein Baby an zu schreien. Der Schrei, der eine Frequenz von 400-600 Hz hat, lässt sich als artspezifisches Lautmuster einstufen. Er dient zum Einen als Warnsystem der Überlebenssicherung, informiert über den Zustand des Babys und erweitert zudem die Lungenkapazität.

Ab der 2. Woche verändert sich das Bild des Schreis, denn das Baby verwendet nun differenzierte Klangmuster, um auch verschiedene Zustände anzugeben. Außerdem treten neben dem Schrei erste Grundlaute auf.

Zweite Phase: Gurren

Mit ca. 6 Wochen realisiert ein Kind erste melodische Modulationen aus Anklängen an Vokalen und weichen Gaumenlauten. Der Eindruck von Gurrlauten entsteht jedoch erst durch die Wiederholungen dieser Laute.

Mit 3-4 Monaten beginnt dann die Phase der stimmlichen Expansion. In dieser Zeit beginnt ein Kind mit seiner Stimme zu spielen und probiert so das Potential seines Stimmapparats aus. Es erlangt somit die Kontrolle einzelner Stimmregister und entwickelt Stück für Stück Modulationen der Melodik, Intensität sowie Klangfarbe. Darüber hinaus nehmen Kinder zu der Zeit aktiv an reziproken Lautnachahmungsspielen teil und erste Laute entstehen. Dazu gehören:

  • vokalartige Laute:/e/, /I/, /?/
  • konsonantähnliche Laute: /h/
  • glottaler Verschlusslaut:/?/
  • Konsonanten: /k/, /g/

80 Prozent der Gesamtproduktion machen die vokalartigen Laute aus.

Dritte Phase: Babbeln

Beim Babbeln, welches im Alter von 6 Monaten einsetzt, kann man erstmals von einer systematischen Produktion sprechen, bei der Konsonanten mit Vokalen kombiniert werden.

In dieser Phase entwickelt sich zudem der Vokaltrakt des Kindes langsam in Richtung der Erwachsenen. Das heißt, bis zum 3. Monat hat der Vokaltrakt eines Babys eher die Gestalt eines nicht-humanen Primaten. Was einfach bedeutet, dass das Kind auch bis zu diesem Zeitpunkt physiologisch gar nicht in der Lage ist Sprache zu produzieren und artikulieren.

Mit 7-10 Monaten beginnt die Phase des repetitiven Silbenplapperns. Hier erhöht sich stark der Gebrauch von Konsonanten (/b/, /m/, /d/ kommen hinzu) und erste Silben aus systematischen Paarungen von Konsonanten und Vokalen entstehen. So beginnt ein Kind Silben wie „ba“, „da“ oder „ma“ zu verwenden. Dies geschieht zunächst einzeln und wird später als Verdopplungen in der Form „dada“, „mama“ oder „gaga“ realisiert. Diese Form bezeichnet man auch als „reduplicated babbling“.

Mit 11-12 Monaten babbelt ein Kind dann auch Kombinationen aus unterschiedlichen Vokalen und Konsonanten, wie „bada“ oder „dadu“ (variegated babbling). Das Lautrepertoire nimmt zudem weiter zu.

Vierte Phase: Das erste Wort

Neben dem Babbeln, welches weiter genutzt wird, gebrauchen Kinder im Alter von ca. 12 Monaten dann auch erste Wörter. Diese bestehen zumeist aus einfachen Konsonant-Vokal-Silben. Das Vokabular der Kinder besteht dann aus ungefähr 30 Wörtern, wie beispielsweise „Mama“, „Mimi“ oder „Wauwau“.

Mit18 Monaten kommt es zu einer sprunghaften Ausweitung des Lexikons, dem sogenannten „vocabulary spurt“. Hier steigt das Vokabular von 50 auf 100 Wörter an.

Der Zeitraum, nämlich zwischen 10-18 Monaten, wird ebenso als Phase der Einwortäußerungen oder auch Holophrasen bezeichnet.

Kinder verwenden zu dieser Zeit meist Nomen, Verbpartikel und Adverbien. Außerdem wird langsam die Syntax erlernt. So verwendet das Kind dann schon Verneinungen und Frageintonationen usw.

Erste Syntax-Anwendungen: Zweiwortäußerungen

Zwischen 18 und 24 Monaten benutzt das Kind schon Äußerungen bestehend aus zwei Worten. Beispiele hierfür sind „Papa weg“, „B(r)ot aufessen“ oder „Is´n das?“. Die Syntax entwickelt sich immer weiter, was an der Nutzung einiger Pluralformen oder des Genitiv „s“ erkennbar wird.

Ausbau der Syntax: Drei- und Mehrwortäußerungen

Mit 2-4 Jahren wir die Satzstruktur immer komplexer. In der ersten Phase (2,0-2,6 Jahre) wird die einfache Syntax ausgebaut und die Wortstellung gefestigt. Zudem werden einzelne Sätze gesprochen, Flexionen sowie erste hierarchische Strukturierungen erworben.

Die zweite Phase (2,6-4,0 Jahre) zeichnet sich durch komplexere Sätze, wie „Gestern war ich mit Mama beim Doktor“, aus. So sind Relativsätze oder Konjunktionalsätze keine Seltenheit.

Bezüglich der Syntax geht der Lernprozess immer weiter, besonders in der Schule werden syntaktische Formen erlernt und gefestigt. Doch letztendlich lernen Menschen ein Leben lang, denn das Vokabular erweitert sich immer weiter, wenn auch nicht mehr in diesem extremen Ausmaß.