X

Wie entsteht Zwanghaftes Verhalten?

Ursachen von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Der Psychologe Fritz Riemann beschreibt die Entstehung einer zwanghaften Persönlichkeit aus einer Grundangst vor Risiken und erklärt die Entwicklung von Zwangssymptomen.

Der deutsche Psychotherapeut und Psychologe Fritz Riemann (1902-1979) erarbeitete in seiner tiefenpsychologischen Studie “Grundformen der Angst” 1975 die Grundzüge von zwanghaften Persönlichkeiten. Er schrieb über den auslösenden Aspekt unbewältigter Angst, die der Entstehung zwanghaften Fühlen, Denkens und Handelns ursächlich voraus geht.

Zwanghaftes Denken und Handeln entsteht nach Riemann als extreme Reaktion auf die Angst vor Wandlung, Unsicherheit und Vergänglichkeit. Er zählt die zwanghafte Persönlichkeitsstruktur zunächst zur Normalstruktur mit gewissen Akzentuierungen, die jedoch bei entsprechender Einseitigkeit Grenzwerte erreichen und sich in die pathologische Variante der Zwangsneurosen steigern kann.

Zum Grundaspekt zwanghafter Persönlichkeiten

Die Sehnsucht nach Dauer und das Streben nach verlässlicher Wiederkehr von Gewohntem und Vertrautem gehört zu den Grundzügen des menschlichen Wesens. Zwanghafte Strukturen können sich um so stärker entwickeln, je heftiger jemand die Veränderung fürchtet. So entwickeln Betroffene Gegenstrategien, wollen möglichst immer alles beim Alten belassen.

Zwanghafte Gefühle sind durch das Bedürfnis geprägt, immer das Gleiche, Bekannte und Vertraute wiederherstellen und wiederfinden zu wollen. Gegen jede Neuerung wird sich so wirkungsvoll wie möglich gewehrt. Neuen Erfahrungen wird ausgewichen oder sie als schon Bekanntes uminterpretiert.

Überhöhte Sicherheitsbedürfnisse begünstigen Zwänge

Die Angst vor dem Risiko und vor Veränderungen bietet den Grundimpuls für die Zwangentstehung. Fritz Riemann beschreibt zwanghafte Grundängste als Gleichnis zu einem Menschen, der erst bereit ist, das erste Mal ins Wasser zu gehen, wenn er schon schwimmen kann. Da sich die Bedingung nicht im Vorfeld erfüllt, verwehrt er sich selbst grundelementare Erfahrungen.

Der Tod ist die fokussierte Grundangst, die von zwanghaften Menschen nicht bewältigt ist. Sie drückt sich im extremen Festhalten an Traditionen aus, führt zu Dogmatismus, Konservatismus und Fanatismus bei Betroffenen. Dem zwanghaften Menschen fällt es schwer anzunehmen, dass es im Bereich des Lebendigen keine unveränderlichen Prinzipien gibt.

Selbst- und Fremdkontrolle bestimmt Zwanghafte

Zwanghafte Persönlichkeiten leben mit der ständigen Befürchtung, dass alles sofort unsicher werden würde, wenn sie sich öffnen, locker und spontan werden würden. Ihre Verdrängung aller ihnen unangenehmen Lebensumstände erzeugt eine ständige Angespanntheit, ein fortlaufendes sich “Zusammennehmen”.

Sie wehren sich gegen ungewohnte und unerwartete Ereignisse durch virtuos beherrschtes Zaudern, Zögern und Zweifeln. Dieses quälend Entscheidungslose versucht irritierend Unkontrollierbares abzuwenden. So bleiben Zwanghafte auch oft bei ständigen Vorbereitungen von Vorhaben, ohne Geplantes je ausführen zu können.

Alles Aufgestaute verstärkt den seelischen Druck

Da sich Verdrängtes zunehmend anstaut, verstärkt sich bei Zwanghaften schrittweise der seelische Druck und sie benötigen immer mehr Zeit und Aufwand, um ihre unterdrückten Befindlichkeiten nicht hochkommen zu lassen. Zwanghafte haben nur eine Chance auf therapeutische Entlastung, wenn sie sich mit ihren verdrängten Gefühlen auseinandersetzen und sie annehmen.

Verdrängte Risikoangst fördert Zwangssymptome

Ordnung wird zu Pedanterie, Konsequenz zu Starrheit, Ökonomie zu Geiz, Eigenwille zu Eigensinn. Ein zwanghaft veranlagter Mensch macht sein Leben “unlebendig”, er ist immer auf der Suche nach dem “richtigen” Weg und verdrängt dabei seine Angst vor dem Risiko, die ihn auf die Abwege zur Entwicklung von Zwangssymptomen und Zwangshandlungen führt.

Ursprünglich in der Funktion entstanden, Angst zu binden, verselbstständigen sie sich rasch. Zwänge werden zu einem “inneren Müssen”, zwingen sich dem Betroffenen auf. Auch wenn er sie als sinnlos erachten, muss er sie ausführen. Wasch-, Grübel-, Zähl- und Erinnerungszwang sind solche Zwangshandlungen. Immer, wenn Betroffene ihren Zwang unterbinden wollen, setzen sie die darin gebundenen Ängste frei.

Zwänge entwickeln sich Schritt für Schritt

Fritz Riemann beschreibt, wie Zwänge bildhaft beschrieben Metastasen entwickeln und sich aus recht harmlosen Kontrollzwängen monströse Zwangsysteme bilden können, die den Betroffenen fast ununterbrochen beschäftigen und seine Alltagskompetenz zerstören. Der Zwangskranke selbst erlebt das Ausführen müssen seiner Zwangshandlung wie unter einer fremden Macht stehend, er fühlt sie als entfremdende Handlung vom eigenen Ich.

Zwangsgedanken entziehen sich der Steuerung

Zwang kann innerlich oder äußerlich entstehen und sich ausbreiten. In innerseelischen Prozessen werden Zwangsgedanken, zwanghafte Wünsche oder Impulse als “böse” Gedanken empfunden und immer wieder ohne Eigenkontrolle gedacht. Sie werden mit Gegengedanken oder neutralisierenden Handlungen bekämpft. In schweren Fällen kann es zu verletzenden Selbstbestrafungen kommen.

Beschreibung des zwanghaften Menschen

Riemann beschreibt einen präzise planenden Menschen, einen konsequent korrekten Perfektionisten. Er besitzt einen “Detailfetischismus”, ist ordentlich, fleißig, beständig, zuverlässig und verantwortungsbewusst.

Zwanghafte Menschen legen einen hohen Wert auf Zucht und Ordnung, Gesetz, Genauigkeit und Solidität. Sie führen Aufgaben mit großer Sorgfalt, Gründlichkeit und Geduld aus. Eine zielbewusste Planung soll jedes Risiko minimieren. Sie besitzen oft hohe Sachkenntnis und sind häufig in machtausübenden Berufen zu finden.

Solange es ihnen gelingt, ihre zwanghafte Seite in Balance zu den anderen Grundeigenschaften (depressiv, schizoid, hysterisch) zu halten, können sie nach Einschätzung des Psychotherapeuten Riemann ein relativ normales, wenn auch von Grundanspannungen belastetes Leben führen. Kippt die Anlage in immer umfangreichere Zwangshandlungen oder Zwangsgedanken, verläuft die Zwangsentwicklung dynamisch und kann zum vollständigen Verlust der Alltagskompetenz führen.