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    Categories: Technik

Das parallele Weiterleben nach dem Tod im digitalen Netz

»Wenn ich sterbe, bin ich nicht mehr da.« Das war einmal. Jetzt gibt es DeadSocial, LIVESON, »If I die«, Planneddeparture, Semno und digitale Friedhöfe.

Es ist beruhigend zu wissen, dass man nach seinem Tod nicht so ganz vergessen wird. Wenn ein Geist auch tatsächlich nicht eine einzige Taste am PC mehr bedienen kann, so darf der Verstorbene jetzt doch im digitalen Netz »spuken« und weiter sein (Un-)Wesen treiben. Vielleicht bekommt er sogar einen Platz auf dem virtuellen Friedhof. Zudem besteht die Möglichkeit, eine digitale Inventur des Verstorbenen durchzuführen, die man dann seinen Erben stolz präsentieren lassen kann. Das Leben nach dem Tod eines aktiven Social Networkers kann jetzt gesichert werden, denn es wird an vielen Apps und Programmen gearbeitet, um für das Überleben im Netz gewappnet zu sein.

Verschicken geplanter Nachrichten und Posts nach dem Ableben

Man möchte der Tochter lebenslang einen Geburtstagsgruß schicken oder der Ehefrau mit einer lieben Nachricht am jährlichen Hochzeitstag seine ewige Liebe beweisen? Auch ein Post »Mir geht es gut auf der Wolke und was macht ihr so?« kann noch viele Jahre nach dem Tod die eigene Pinnwand am Leben erhalten. Jedoch auch Beleidigungen, Schuldzuweisungen oder das Strafen durch unangenehmes Stalken sind problemlos und vor allem leider straffrei möglich, was der Hauptkritikpunkt an www.DeadSoci.al ist.

Dieses kostenlose, soziale Netzwerk wurde von James Norris in London erschaffen, damit Nutzer nach dem Tode noch Nachrichten, Fotos, Videos, Statusmeldungen, Musik oder auch private Nachrichten in Facebook, Twitter und Linkedin zu den vom Nutzer festgelegten Terminen erstellen können. Wenn eine beauftragte Person des Verstorbenen den Tod bei DeadSocial meldet, fängt das Programm an, zu laufen.

Die in Israel entwickelte Facebook-App »If I die« funktioniert ähnlich wie DeadSocial, ist jedoch nicht kostenlos und muss von drei beauftragten Facebook-Freunden durch eine Todesanzeige in Gang gesetzt werden. Dann ist der Versand von Textnachrichten und Videos möglich.

Normalerweise besitzt das Facebook-Konto eines Verstorbenen einen so genannten »Denkmalstatus«, wobei die Pinnwand zwar für Postings geöffnet ist, aber Freundschaftsanfragen nicht mehr möglich sind. Bei Facebook und Twitter sollen die Angehörigen entscheiden, ob der Account des Verstorbenen gelöscht wird oder bestehen bleiben soll.

Imitierte Tweets nach Vorlage der Gewohnheiten des Verstorbenen

Nach dem Motto »Auch wenn dein Herz zu schlagen aufhört, wirst du weiter twittern.« kopiert und imitiert www.LIVESON.org zu Lebzeiten mit einem komplizierten Algorithmus das Verhalten, die individuelle Sprach- sowie Twittergewohnheiten des Nutzers. Noch vor dem Tod kann der User im Rahmen seines Schattenkontos überprüfen, wie LivesOn seinen Account weiterführen wird. Dabei hat er die Möglichkeit die so erstellten Tweets als gut oder schlecht zu markieren und somit seinen persönlichen Algorithmus mitzuprägen. Ein Beauftragter des Verstorbenen bestimmt nach dessen Tod die Ingangsetzung und Dauer der Laufzeit von LivesOn. Im Jahr 2013 soll dieser Onlinedienst verfügbar sein.

Die Vorteile, Bedenken, Probleme, Reaktionen sowie die unterschiedlichen Hoffnungen und Ziele der Nutzer, durch solch ein lernfähiges Programm mit einem kürzlich Verstorbenem kommunizieren zu können, verbunden mit einer Liebesgeschichte, ist Thema des Romans »Der Algorithmus der Liebe« von Laurie Frankel.

Digitale Friedhöfe und Social-Accountverwaltungen

Als kreatives und leicht zugängliches Werkzeug zur Trauerbewältigung wurden die Online-Friedhöfe www.strassederbesten.de sowie www.emorial.de entwickelt, wobei auch Facebook mit der Denkmalfunktion des Verstorbenen-Accounts ein ähnliches Ziel verfolgt. Die Einrichtung von virtuellen Grabmalen, einer Gedenkseite sowie einem Kondolenzbuch sind nur einige der Möglichkeiten auf diesen Seiten.

Im Laufe eines aktiven Internetuser-Lebens haben sich sehr viele Zugangsdaten, Präsenzen, Fotos sowie Benutzerprofile im weltweiten Internet angesammelt. Daher haben sich www.planneddeparture.com und www.semno.de darauf spezialisiert, den Erben diese Netzdaten möglichst übersichtlich zu präsentieren und eine Möglichkeit des Löschens oder Weiterführen zu eröffnen.

Digitale Nachtod-Aktivitäten sind heiß umstritten

Wenn man bedenkt, dass auch nach dem Tod bekannter Persönlichkeit noch unveröffentlichte Bücher und Autobiografien der Künstler herausgegeben werden, so ist die Idee nicht neu, einen Verstorbenen wieder aufleben zu lassen.

Es ist der Wunsch sehr vieler Menschen, nicht nach dem Tode vergessen zu werden oder irgendetwas zurückzulassen. Früher sollte ein Baum gepflanzt, ein Kind geboren und ein Haus gebaut werden, die den Verstorbenen überleben. Mit DeadSocial und LIVESON kann jeder Verstorbene unabhängig von seinen finanziellen Voraussetzungen im Rahmen des Internets nahezu unsterblich bleiben.

Auch das Gefühl, den wichtigen Personen in seinem Leben nach dem Tod noch etwas mitteilen zu können, beruhigt den einen oder anderen Nutzer.

Dennoch jagt einem ein kalter Schauer über den Rücken, wenn plötzlich die Nachricht eines längst Verstorbenen im Posteingang eintrifft. Die Angst, dass es sich um schlechte, beleidigende oder angreifende Bemerkungen handelt, denen man der toten Person nichts mehr entgegensetzen kann und die momentan gesetzlich auch nicht belangt werden können, erhöht noch erheblich das schlechte Gefühl.

Ebenso werden Twitternachrichten von Verstorbenen für Realisten entweder langweilig oder verhindern ein Loslassenkönnen und behindern somit die Trauerarbeiten. Viele halten diese Netzwerke und Apps daher schlicht für geschmack- und pietätlos.

Gegen den Online-Friedhof und die digitale Nachlassverwaltung gibt es im Grunde wenige Einwände, zumal sie die Trauerbewältigung und die Nachlassbearbeitung auch erheblich erleichtern.