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Mitbewohner: Gespenst. Was nun?

Dinge verschwinden, Gläser zerbrechen, Haustiere meiden bestimmte Räume – deutet das wirklich auf eine „Präsenz“ hin? Familie W. in Melk ist davon überzeugt.

„Doch, bei uns spukt es.“ Der Hausherr – er möchte nicht, dass sein Name genannt wird – nickt bedächtig. „Seit wann wir das wissen? Naja, ganz genau wissen wir es, nachdem wir eine Freundin gebeten haben, sich das Ganze einmal anzuschauen. Sie hat es uns ausgependelt. In diesem Haus“, er weist auf den hübschen, von viel Grün umgebenen Bau, „sind oder waren zwei Seelen gefangen. Aber es muss auch noch einen“, er sieht liebevoll seinen Frau an, „nein, wahrscheinlich zwei Kobolde geben. Sie wissen schon, diese kleinen lästigen Biester, die alles verstecken und verräumen.“ Seine Frau beeilt sich, hinzuzufügen: „Ja, es stimmt, wir sind nicht mehr die Jüngsten. Es kommt schon vor, dass ich meine Brille nicht wiederfinde, weil ich einfach vergessen habe, wo ich sie hingelegt habe. Aber da ist unlängst etwas passiert, das hat mit simplem Zerstreutsein wirklich nichts mehr zu tun!“

Wenig später sitzen wir mit einem Glas Frizzante auf der Terrasse. Kein Anschein von einer Präsenz ist zu spüren. Für mich. Das Paar erzählt, dass es sich vor siebzehn Jahren in dieses Dorf verliebt habe, vor allem in dieses Häuschen, das damals wenig mehr als ein Rohbau war. „Die Fenster waren drin, das Dach war drauf, Wasser war da. Dass es schon mehr als zehn Jahre leer stand, hat uns nicht gestört. Ein Unglücksfall der Vorbesitzer hat die Fertigstellung verhindert. Wir haben uns nichts dabei gedacht, aber vielleicht hätte uns das zu denken geben sollen“. Die beiden sehen sich an. Dann sagt er: „Nein, das hat damit gar nichts zu tun, sicher nicht!! Der Knabe war einfach unvorsichtig.“ Und zu mir: „Der Sohn des Bauherrn hatte einen Motorradunfall, war querschnittgelähmt. Er sollte den Hof übernehmen, und seine Schwester und seine Eltern wollten hier leben. Das ging dann natürlich nicht mehr, und so brachen sie den Bau ab.“

Das Haus wollte uns nicht

Es begann ganz harmlos. Handwerker kamen zu spät oder gar nicht, Termine mussten verschoben werden, weil irgendwelche Materialien nicht geliefert wurden, Vorgaben wurden nicht eingehalten oder ignoriert. „Unser Fliesenleger hat in Windeseile die Fliesen im Wohnzimmer verlegt – und dann waren es die falschen! Gottseidank ist unser Baumeister früher gekommen als geplant, der ließ alles wieder rausreißen, der Fliesenkleber konnte gerade noch abgewaschen werden.“ Oder die Sache mit der Haustüre: sie war fix bestellt, und als sie abgeholt werden sollte, war sie nirgends zu finden. Man hatte sie irrtümlich jemand anderem verkauft. „Ja gut, das ist alles erklärbar, das kommt einfach vor.“ Natürlich war das Haus nicht, wie versprochen, zum ausgemachten Termin fertig, aber auch das ist noch nicht ungewöhnlich.

Es begann mit nächtlichem Gelärme

„Am meisten haben wir zwei Stadtpflanzen uns auf die Stille gefreut, das Grillenzirpen in der Sommernacht und so.“ Schon in der zweiten Nacht wurden sie von fürchterlichem Getöse aus dem leeren Wohnzimmer geweckt. „Mein Mann ist mit dem Handscheinwerfer nachschauen gegangen. Da war nichts. Keine Maus, keine Katze, kein Wiesel, nichts. Aber kaum hatte er das Licht wieder abgedreht, ging es wieder los.“ Das wiederholte sich jeden Donnerstag. Sonst nie.

Der seltsame Donnerstag

Die komischen Sachen passierten immer an Donnerstagen. An einem Donnerstag rutschte den Handwerkern die gläserne Duschwand aus den Fingern und zerschellte in abertausend kleine Teilchen. „Und das, nachdem wir mehr als zwei Monate auf dieses Glaszeug gewartet haben!“ erinnert sich sie seufzend. „Es war auch ein Donnerstag, als die abgehängte Decke montiert worden ist, und dem Monteur beim allerletzten Handgriff der schwere Hammer aus der Hosentasche gefallen ist und ein paar Fliesen zerschlagen hat.“ Es war auch ein Donnerstag, als ein Freund mit seinem Hund zu Besuch kam. Der Hund wollte nicht an der Treppe vorbeigehen. Er kniff den Schwanz ein und rutschte rückwärts Richtung Haustüre. „Von dort aus hat er begonnen, unseren Treppenaufgang zu verbellen. Er konnte sich gar nicht beruhigen.“

Die Präsenzen auspendeln

Das Pendel einer Freundin verriet, dass an der verbellten Stelle im vorigen Haus ein Mann zu Tode gekommen war. Und es verriet auch, dass sich genau dort, wo die gläserne Duschwand zersprungen ist, einer der Vorbesitzer aufgehängt hat.

Sofortmaßnahmen

„Das hat uns natürlich irgendwie zu denken gegeben.“ Die beiden sehen sich an, dann spricht er wieder: „Gefangene Seelen, das war schon unheimlich. Unsere Freundin riet uns, an den Stellen Kerzen aufzustellen, oder Räucherstäbchen. Aber das war uns zuwenig. Wir wollten ja nicht mit diesen Präsenzen leben. Auf ihre Empfehlung haben wir dann heimlich einen Schamanen kontaktiert, es sollte ja keiner unserer Nachbarn erfahren. Er hat dann ein Löse-Ritual veranstaltet. Seither ist Ruhe.“ Wirklich keine Präsenzen mehr?

Gibt es Kobolde, ja oder nein?

„So ganz massiv haben wir nichts mehr gespürt, aber ab und zu, wenn diese Sucherei wieder ganz schlimm ist, nimmt meine Frau das Räucherpfännchen und eine spezielle Mischung an selbstgezogenen getrockneten Kräutern („Salbei und Lavendel“, wirft sie ein) und geht ausräuchern. Dabei murmelt sie etwas („Ich spreche laut und deutlich! Geh mit Gott, aber geh, sage ich!“) Ja, gut! Ich hör nicht hin. Und dann findet sie ihr Zeug wieder.“

Es gibt Kobolde!

„Eines muss ich noch erzählen“, sagt sie. „Es ist noch gar nicht so lange her, da wollte ich eine Information in einem meiner Bücher überprüfen. Ich hatte das Buch am Abend zuvor in der Hand gehabt und auf das Regal gestellt, auf dem alle in Gebrauch befindlichen Bücher abgestellt werden. Aber da stand es nicht. Drei Tage lang habe ich überall gesucht. Dann wurde es mir zu blöd. Ich habe mich mitten in meinen Arbeitsraum gestellt und laut und deutlich gesagt: Es ist gut. Du hast Deinen Spaß gehabt. Ich habe dir den Trottel vorgespielt. Ich brauche dieses Buch dringend und zwar jetzt. Bitte gib es mir zurück!“ Sie sieht mich eindringlich an. „Ob Sie es glauben oder nicht, kaum hatte ich diese Worte gesprochen, fiel mein Blick auf dieses Buch. Es stand genau da, wo ich begonnen hatte zu suchen!“