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Veränderung und Neubeginn in der älteren Generation

Immer häufiger kommt es vor, dass sich Paare jenseits der silbernen Hochzeit scheiden lassen. Wie kommt es dazu und können sie die Beziehung noch retten?

„Bis dass der Tod Euch scheidet“ hat heute kaum noch Gültigkeit. Hört oder liest man von einer silbernen oder gar goldenen Hochzeit, ringt es einem fast schon Bewunderung ab. Man fragt sich, wie es ein Paar so lange miteinander ausgehalten hat. Ist es wirklich ein Aushalten oder hat ein solches Paar ein Geheimrezept für ewige Liebe? Ist es nach so vielen Jahren überhaupt noch Liebe und wenn nicht, was ist es dann?

Eine ganz normale Ehe

Eine ganz normale Ehe verläuft in der Regel mit Kennen- und Lieben lernen, Heiraten, Karriere- und Familienplanung und eventuell noch Hausbau So weit so gut. Doch irgendwann, nach vielleicht zwanzig Jahren, kommt der Zeitpunkt, an dem die Kinder das Haus verlassen und die Karriere ihren Weg gefunden hat. Die Partner haben ihre Hobbys, ihre Freunde und ihre sozialen Verbindungen gut im Griff. Doch was ist mit der Zweisamkeit? Viele haben zu diesem Zeitpunkt längst verlernt, miteinander zu sprechen. Dies ist nicht gleich zu setzen mit Sprachlosigkeit. Man hatte ja die Kinder, die Berufe, das Haus – Dinge über die es immer etwas zu reden gab. Wenn jedoch die Kinder flügge werden, man beruflich fest im Sattel sitzt und es am Haus außer kleinen Reparaturen oder Renovierungsarbeiten nichts mehr zu tun gibt, tritt oft eine Stille zwischen den Partnern ein. Je nach Mentalität wird diese Stille lange ertragen. Man bleibt zusammen – aus Gewohnheit, weil alles ruhig läuft, manchmal auch, weil man vom Leben nichts mehr erwartet.

Miteinander reden lernen

Erträgt einer der Partner die Stille nicht mehr, mehren sich die Gedanken darüber, was das Leben noch zu bieten haben könnte. Dieser Partner versucht mit dem Anderen zu reden. Das stößt nicht immer auf Verständnis. Scheint der Andere mit dem jetzigen Dasein zufrieden zu sein oder keine Notwendigkeit für Veränderungen zu sehen, wird es sehr schwierig. Viele Paare haben zu diesem Zeitpunkt das miteinander über sich selbst reden verlernt. Dieses miteinander Reden beinhaltet auch das Offenlegen von Gefühlen, mit dem sich vor allem Männer in dieser Lebensphase schwer tun. Gewohnheit ist einfacher als Veränderung. Veränderung kann auch wehtun. Bevor eine Ehe in diesem Stadium zum Scheitern verurteilt wird, sollte die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ist es noch Liebe?

Nicht selten stellen die Partner in Frage, ob es noch Liebe ist, was sie für den Anderen empfinden. Die Schmetterlinge gehören schon längst der Vergangenheit an. Man hat sich im Leben eingerichtet und der Partner gehörte eben immer dazu. Zu sagen „Ich liebe Dich“ zeugt nicht immer von wirklich empfundener Liebe. Oft ist es eine tiefe Verbundenheit, die entstanden ist. Sie ist nicht weniger wert, gepflegt zu werden. In der Lebensphase, in der sich nun Einiges geändert hat, biete gerade die tiefe Verbundenheit oder Zuneigung eine große Chance, auch die Liebe neu zu entdecken. Manchmal ist auch hier Hilfe notwendig. Die Partner haben über viele Jahre hinweg verlernt, offen über ihre Gefühle und Empfindungen dem Anderen gegenüber zu reden. Auch die Sexualität hat sich verändert. Bei Manchen ist sie sogar in der Versenkung verschwunden. Sex ist zwar kein Muss für eine gute Beziehung, kann aber als Tüpfelchen auf dem i bereichernd sein.

Was tun, wenn es einfach nicht mehr passt?

Selbst wenn Hilfsangebote angenommen wurden und die Partner offen miteinander reden können, ist das Ergebnis nicht immer die Weiterführung der Beziehung. Manchmal sieht man auch, dass trotz verbliebener Zuneigung keine echte Partnerschaft mehr möglich ist. Eine Trennung nach so vielen gemeinsamen Jahren und Erlebnissen fällt schwer. Dennoch ist sie manchmal die bessere Lösung. Sie bietet die Möglichkeit, in der so genannten zweiten Lebenshälfte noch einen Neubeginn zu wagen. Sich trennen und zunächst einmal sich wieder selbst kennen zu lernen mit allen Bedürfnissen, die vielleicht schon lange nicht mehr erfüllt wurden, ist ein Lernprozess. Dieser dauert individuell lange. Möglicher Weise ist man anschließend bereit für eine neue Beziehung. Nicht unmöglich, aber eher selten, ist das Wiederaufgreifen der bisherigen Partnerschaft.

Ein Neubeginn, losgelöst von alten Mustern

Ein Neustart in eine Beziehung jenseits der Fünfzig verläuft völlig anders als eine Beziehung in jungen Jahren. Berufs- und Familienplanung sind passe´ und im Idealfall können eigene Bedürfnisse und Wünsche an den Partner konkret angesprochen werden. Dies ist keine Garantie für die Vermeidung von Fehlern, aber durchaus ein reiferer Beginn. Wer nicht den Fehler begeht, einen neuen Partner um jeden Preis finden zu wollen, sondern sich seiner selbst bewusst ist, wird auch in einer länger dauernden Zeit ohne Partner zu einer Zufriedenheit gelangen, die für eine neue Beziehung nur von Vorteil sein kann. Zufriedenheit mit sich selbst, innere Gelassenheit und die Fähigkeit, eigenständig leben zu können, bieten eine völlig neue Basis für eine Partnerschaft.