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Wie entwickelt sich die persönliche Bindung und das Urvertrauen?

Bindungsfähigkeit und die Bereitschaft, anderen Menschen zu vertrauen, entwickelt sich bereits frühkindlich. Späteres Erlernen ist deutlich schwerer.

Die Fähigkeit, sich jemandem anzuvertrauen und sich mit ihm zu befreunden, entwickelt sich im heranwachsenden Menschen erst allmählich. Der Säugling sei mit einigen angeborenen Reaktionen mit seiner Mutter verbunden. Er sucht aus angeborenem Drang den Kontakt. Mittels seiner Greifreflexe könnte er sich sogar festklammern, wenn seine Mutter noch einen Pelz hätte. Die Mutter wäre zunächst das Objekt, welches Schutz bietet, an dem man sich festhalten und saugen kann. Diese Triebhandlungen seien die eigentliche Wurzel der Bindung zwischen Mutter und Kind.

Liebe und Sicherheit zählt mehr als Nahrung

Bereits in den ersten Lebenstagen würde sich ein Kind beruhigen, wenn man es aufnimmt, streichelt oder anspricht. Körperpflege und Nahrung seien dafür nicht die unbedingten Voraussetzungen. Die entstehende Bindung an die Eltern ist eine individualisierte, tiefe Sozialbeziehung. Bindungen an andere Pflegepersonen wären hingegen eher bedürfnisorientiert, vorübergehend und austauschbar. Die Elternbindung entwickelt sich um so stärker, je schneller Eltern auf das Weinen des Babys reagieren und um so häufiger sie den Sozialkontakt einleiten. Etwa ab der vierten Lebenswoche richtet ein Kind seine Aufmerksamkeit auf das Gesicht der Eltern, wobei die Augen eine besondere Bedeutung besitzen. Mit Augenkontakt und dem Säuglingslächeln werden positive mütterliche und väterliche Gefühle aktiviert. Das positive Vertrautheitsverhältnis festigt sich.

Zur Fixierreaktion entwickeln sich weitere Kontaktinitiativen

Im zweiten Lebenshalbjahr reifen weitere Verhaltensweisen, die Kontakt herstellen. So löst das Plappern eines Säuglings Antworten aus. Es komme zu Lalldialogen. Dies könne man als Wurzel wechselseitiger Gespräche werten. Sehr beglückend würde auch das Jauchzen eines Kleinkindes wirken. Schon im ersten Jahr streckt es Gegenstände auffordernd entgegen. Man soll sie nehmen und auch wieder geben. Kleinkinder beginnen Dinge zu werfen, damit sie jemand aufhebt und zurückbringt. Auch beginnen sie mit ausgestreckter Hand oder dem Zeigefinger auf Umweltdinge zu weisen. Eine Geste, die aufgrund kulturvergleichender Beobachtungen bei allen Völkern gleich sei. Gleichfalls wäre das Füttern eine soziale Kontaktgeste. Das Kind beginnt, andere zu füttern. Schon in sehr frühem Alter lösen Kinder mit bestimmten Initiativgesten Sozialkontakte aus, um zu bestärken, Dialoge einzuleiten und zum Spiel aufzufordern. Viel Initiative gehe direkt vom Kind aus.

Anschlussverhalten entsteht bereits im ersten Lebensjahr

Je mehr schon im ersten Lebensjahr auf die Kontaktaufforderungen eines Kindes eingegangen wird, desto stärker bildet sich die soziale Bindungsfähigkeit heraus. Finden diese Aufforderungen hingegen wenig Resonanz, wird die soziale Entwicklung empfindlich behindert. Die Neigung zu einer individualisierten Bindung wäre zwar bereits angeboren. Hinzu reift im zweiten Lebenshalbjahr noch die Fremdenfurcht, welche die Stärke der Bindung an eine Anschlussperson verstärkt. Jedoch basiert die menschliche Entwicklung wie bei jedem anderen Organismus auf Reifungs-, Wachstums- und Differenzierungsvorgänge. Auch wenn die Kontaktsuche und die Neigung zur persönlichen Bindung bereits im Erbgut vorprogrammiert ist, muss trotzdem der Kontakt auch ermöglicht und die dialogische Auseinandersetzung mit der Umwelt auch gewährt werden. Urvertrauen und Bindungsfähigkeit entfalten sich schon in der frühesten kindlichen Entwicklung. Nur in einem bindungsoffenen Umfeld kann die Fähigkeit zu tiefen Sozialbindungen reifen.

Sozialverhalten als genetische Anlage und Lernerfahrung

Genetische Voraussetzungen sind immer nur Chancen. Bieten sich in der frühen Kindheit nur mangelhafte Möglichkeiten für enge Kontakte, könne das deutliche Schäden im Sozialverhalten bewirken. Sicher würden sich diese Schädigungen später durch neue Lernerfahrungen überwinden lassen. Jedoch ist dieser Lernprozess deutlich erschwert und wird oft nur durch therapeutische Unterstützung erfolgreich. Massive Anstrengungen, Selbstbeobachtungen und Selbsterkenntnisse wären im Erwachsenenalter dafür erforderlich. Frühkindliche Erfahrungen lagern tief im Unterbewusstsein. War das frühkindliche Vertrauen ausgeprägt, wird bereits eine hohe Bindungsbereitschaft vorhanden sein. Gegenteilig könne die wiederholte Verlusterfahrung der ersten und engsten Bezugsperson (zumeist der Mutterfigur) dazu führen, dass das Interesse an emotionalen Beziehungen früh an Bedeutung verliert. Es würde dann zu ichbezogeneren Verhaltensweisen kommen und das Interesse richtet sich mehr auf materielle Dinge. So könne die Haltung eines Distanzlosen entstehen, der leicht Kontakte knüpft, ihnen jedoch keinen tieferen Inhalt gibt und sie mit gleicher Leichtigkeit wieder löst.

Bindungsfähigkeit entsteht durch Reifungsprozesse

Grundhaltungen eines Menschen entwickeln sich in Reifungsmustern. Damit aus Zuneigung Vertrauen zu anderen wachsen kann, sind passende Erfahrungen nötig. Es handelt sich gewissermaßen um “vorgesehene” Ereignisse, die im Entwicklungsprogramm eines Menschen an diesen Stellen offen sind. Das Kleinkind lernt im Dialog, dass immer jemand da ist, der es freundlich umsorgt und seine Bedürfnisse befriedigt. Daraus resultiert die positive Grundhaltung, dass man sich auf seine Mitmenschen verlassen kann. Urvertrauen entsteht als wichtige Voraussetzung für positive Offenheit gegenüber anderen, für die Fähigkeit zur Freundschaft und für die Fähigkeit, andere Menschen lieben zu können. Ohne Urvertrauen kommt es zu einer Entwicklungsstörung – zum Verlassenheitssyndrom. Wachsen Kinder ohne liebevolle Zuwendung auf, so würden aus ihnen Erwachsene voller Hass werden. Dann bestimme eher ein Urmisstrauen ihre Haltung. Ständiges Misstrauen erzeuge seelisches Leid, da das Bedürfnis nach erfüllendem Sozialkontakt zu den Grundbedürfnissen des menschlichen Daseins zählt.

Menschen sind keine vorprogrammierten Opfer ihrer frühkindlichen Erfahrungen. Bewusstes Leben bedeute immer auch lebenslanges Lernen und Reifen. Es sei jedoch für Erwachsene sehr anspruchsvoll und anstrengend, fehlendes Urvertrauen durch positive Sozialerfahrungen zu überwinden.