Ausgewanderte Wörter – Deutsche Begriffe in anderen Sprachen

Germanismen sind in aller Welt beliebt – und zwar nicht nur „Kindergarten“ und „Sauerkraut“. Auch „kapputti“, „Dummkopf“ und „is-das-soo“ sind längst international.

„Ich war mal in Moskau, saß mit einigen Russen in der Küche. Da hörte man draußen etwas krachen – und plötzlich riefen alle laut durcheinander: ‚feijerwerk‚! Ein deutsches Wort, obwohl sonst nur russisch gesprochen wurde …“. Lutz Kuntzsch wurde sofort hellhörig: Von deutschen Wörtern in anderen Sprachen wusste er natürlich, kannte viele Beispiele – aber dass feijerwerk in Russland so bekannt war, überraschte ihn dann doch.

Und so kam der Wissenschaftler von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden auf die Idee, nach weiteren deutschen Begriffen im Ausland zu fahnden – nach Entlehnungen oder Germanismen, wie es offiziell heißt.

Die beliebtesten deutschen Wörter

Ganz neu war die Forschung nach deutschen Wörtern in aller Welt auch damals natürlich nicht. 1999 hatte Andrea Stiberc ein Buch dazu herausgegeben. Darin: eine „Hitliste der häufigsten Entlehnungen“ – angeführt von Begriffen wie Zickzack und WalzerKobalt und Zimt, die allesamt in zehn Sprachen benutzt werden. Auf den weiteren Plätzen folgten Kitsch und SchnapsHinterland und WeltschmerzSchnitzel und Brezel. Und Kindergarten und Sauerkraut sowieso.

Suche in aller Welt

Sprachexperte Kuntzsch aber war nach seinem feijerwerk-Erlebnis neugierig geworden auf weitere Beispiele. Also rief die Gesellschaft für deutsche Sprache in ihrer Zeitschrift Mitglieder und Sprachinteressierte in aller Welt auf, deutsche Wörter zu einzuschicken – und die Resonanz war riesig. Tausende Menschen berichteten über Begriffe, die es mehr oder weniger unversehrt in andere Sprachen geschafft hatten – manchmal kam nur ein einziges Wort, manchmal wurden lange Listen geschickt.

Norwegischer alkoholgehalt, englischer turnverein

Ein norwegischer Deutschlehrer beispielsweise reichte gleich etwa 50 Wörter ein – von alkoholgehalt und angst über dunkel, finger und gras bis hin zu kunst, landsmann, ledig und scheferhund. Besonders häufig wurde aus dem Englischen berichtet – von bierstube, blutwurst, kaffeeklatsch, erbswurst, kinder, kirche, turnverein, wehmut, um nur einige wenige zu nennen. „You are a dummkopf„, kann man möglicherweise genauso im Alltag zu hören bekommen wie „Let’s go to the turnverein!“

Aber auch in ganz anderen Ecken dieser Welt spricht man Deutsch – zumindest ein kleines bisschen: In Nigeria sagt man mitunter is-das-soo, in Sizilien sachertorte und strudel, in der afrikanischen Sprache Suaheli kollege, in Rumänien abzibild. Und in Italien kann man il hinterland milanese, das Mailänder Umland, besuchen.

Sprache auf Reisen

„Sprache ist immer in Bewegung“, erläutert Lutz Kuntzsch. „Generell ist es ein ganz normales Phänomen, dass sich Sprachen gegenseitig beeinflussen. Das war schon immer so.“ Zwar kann selbst er längst nicht bei jedem Wort die Reiseroute erklären – aber einige klare Gründe gibt es schon.

Da ist zunächst die geografische Nachbarschaft. „Viele Menschen gerade in Grenzgebieten pendeln zwischen zwei Ländern“, so der Linguist. Da ist der Einfluss ziemlich klar. Andere deutsche Wörter sind im wahrsten Sinne des Wortes ausgewandert – nämlich mit Menschen, die ausgewandert sind. Oft schon vor hunderten Jahren – im Wortschatz aber leben einzelne Begriffe weiter, zumindest mehr oder weniger so, wie sie mal waren. Besonders in Russland und Amerika ist auf diese Weise viel deutsches Sprachgut heimisch geworden. Bis heute wird in manchen russischen Gegenden zum hochzeijtsfeste eingeladen – mit ribblekuchen und schnaps auf der Speisekarte. Im Englischen spricht man gelegentlich über bierstube und kirche, über quatsch und schmierkäse.

Typisch deutsch: bratwurst und besserwisser

Besonders gerne werden deutsche Wörter verwendet, wenn es um (vermeintlich) deutsche Eigenschaften und Eigenheiten geht: In England und Amerika wird gelegentlich von angst oder german angst gesprochen, wenn von einer hierzulande beobachteten besonderen Sensibilität die Rede ist, vor allem auch in Bezug auf Umweltangst. Warum Schweden gerne von besserwisser sprechen, sei dahingestellt. Als typisch Deutsch zumindest gelten im Ausland gemuetlichkeit und wanderslust – und werden gleich übernommen. Genauso wie bratwurst und wirtschaftswunder.

„Grundsätzlich besteht in einer Sprache die Bereitschaft, anderes Wortgut aufzunehmen, wenn es eine Benennungslücke gibt, wenn das eine oder andere nicht so genau in der eigenen Sprache ausgedrückt werden kann“, erklärt Sprachexperte Kuntzsch. „Im Chinesischen zum Beispiel gibt es kein Wort für ‚Fingerspitzengefühl‘ – und so wurde es einfach aus dem Deutschen übernommen.“

gemuetlichkeit im Schrebergarten

Allerdings: Längst nicht jedes Wort im Ausland, das ursprünglich aus Deutschland kommt, hat seine Bedeutung beibehalten. So steht gemuetlichkeit heutzutage mal für Bierkneipe, mal für Schrebergarten und mal für Sofaecke. Imbissstuben werden gerne auch als wienerschnitzel bezeichnet, mit müsli ist in Schweden jegliche Gesundheitskost gemeint. Kaputti ist in Suaheli nicht nur etwas, das nicht funktionsfähig ist, sondern bedeutet auch „bewusstlos“ oder „ohnmächtig“. Was halbkaputti genau ist, wurde nicht überliefert – wohl aber, dass auch dieses Wort existiert.

Immer auf der Suche

Lutz Kuntzsch jedenfalls ist ganz begeistert über die vielen Zuschriften, die er bekommen hat. Und hält selbst natürlich bei seinen zahlreichen Reisen ins Ausland ständig die Augen und Ohren offen. Kürzlich ist er wieder fündig geworden: Auf einem Sammeltaxi in Russland entdeckte er die Aufschrift marschrutka – frei nach dem deutschen Wort ‚Marschroute‘.

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