Der Einfluss frühkindlicher Erfahrungen in unserem Leben

Das Modell des „zyklisch-maladaptiven Verhaltensmusters“ beschreibt hervorragend unsere Beziehungsstruktur zu den Mitmenschen und uns selbst gegenüber!

Haben Sie schon mal einen sommerabendlichen Spaziergang durch die leeren Straßen Ihrer Stadt unternommen? Die tagsüber so brennenden Sonnenstrahlen verblassen zunehmend in warmen, orangenen Tönen; die modernen Bürotürme werfen angenehme, kontinuierlich länger werdende Schatten; und die hitzige Tagesluft macht Platz für eine wohltuend erfrischende Brise. In einem solchen Moment – stellen Sie sich bitte vor – erblicken Sie einen Arbeitskollegen auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Er scheint in Ihre Richtung zu schauen, und doch können Sie dies nicht mit Sicherheit beurteilen. Er grüßt Sie nicht, wendet sein Gesicht ab und marschiert vorbei. Was denken Sie in diesem Augenblick? Welche Gedanken schießen in Ihren Kopf?

Die meisten selbstbewussten, psychisch gesunden Menschen urteilen, der Kollege habe sie schlicht übersehen. Aber zu welchem Urteil käme eine unsichere, depressive Persönlichkeit, die in ihrem Leben immer sozial ausgegrenzt war?

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass dieselbe äußere Situation, dasselbe äußere Ereignis bei zwei Personen mit unterschiedlicher Vergangenheit zu zwei vollkommen unterschiedlichen Interpretationen der Situation führen kann. Der Selbstbewusste glaubt, sein Kollege habe ihn schlicht übersehen, der Unsichere wiederum meint, der – vielleicht bis dato nette – Mitarbeiter wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. So einfach dieser Sachverhalt in unseren Ohren klingen vermag, verstehen wir eigentlich die Tragweite dieser Feststellung?

Die Welt um uns stellt einen gedanklichen Konstrukt dar. Sie ist eine Interpretation unserer Erfahrungen, Wissen und unserer Persönlichkeit.

Wir interpretieren unsere Welt nämlich stets durch ein gedankliches Konstrukt aus unseren Erfahrungen, angeeignetem Wissen, und unserer Persönlichkeit. Wir beurteilen sie unaufhörlich durch eine getönte Brille aus vielen kleinen-, und großen Hypothesen, die wir über dieses Leben erworben haben. Da jedem Menschen eine andere Biographie innewohnt, begreift jeder von uns deshalb diese Welt auch unterschiedlich. Doch welche Konsequenz hat diese unterschiedliche Bedeutungszuweisung?

Für den stabilen, gesunden Menschen ist die obige Situation bereits mit der erwähnten Feststellung passe. Der Depressive hingegen wird sich womöglich in seiner Minderwertigkeit bestätigt fühlen und die Beziehung zu seinem Kollegen überdenken. Vielleicht wird er sich ihm gegenüber am nächsten Morgen emotional abweisend verhalten. Der nette Kollege wiederum – irritiert durch jene Reaktion – könnte ebenfalls mit Rückzug reagieren. Unser instabiler Akteur, gefangen in seinen Vorstellungen, würde diese Handlung wiederum als Bestätigung seiner Eingangshypothese auffassen und das Verhalten mit sozialer Distanz beantworten; das Ende der kollegialen Beziehung wäre nun eine mögliche Folge!

Die psychosomatische Medizin bezeichnet diese Zusammenhänge zutreffend als zyklisch maladaptive Verhaltensmuster. Diese „Zirkelschlüsse“ hinterlassen für die Betroffenen häufig den Eindruck der Richtigkeit ihnen zugrunde liegender Gedanken, haben inhaltlich jedoch keinen objektiven Wahrheitsgehalt. Denn handelt die Person nach anderen Eingangsvorstellungen, findet sie entsprechend andere Ergebnisse vor. Diese Reaktionsmuster verstärken aber unsere Verhaltensweisen und üben damit mächtigen Einfluss auf unser tägliches Leben aus. Sie kommen häufig und in vielerlei Situationen vor und sind keineswegs nur im Zusammenhang mit der Depression vorstellbar und existent.

Das Modell des zyklisch-malaptiven Verhaltensmusters beschreibt eine sich selbst-unterhaltende Schleife unserer Gedanken und aus ihnen abgeleiteter Handlungen.

Erstmals von Strupp und Binder im Jahre 1984 beschrieben und später von Tress (1995) um biographische Ersterlebnisse erweitert, basiert die Persönlichkeit eines Menschen nach dem Modell des zyklisch-maladaptiven Verhaltensmusters auf seinen zwischenmenschlichen und innerseelischen Erfahrungen. Alle seine charakterlichen Facetten, sein Verhalten, Denken und Gefühle stehen in Verbindung mit seinen frühkindlichen Bindungserfahrungen.

Erhält ein heranwachsendes Kind von seinen Bindungspersonen aktive Liebe, Bestätigung und Schutz in angemessener Dosierung, wird es eine gesunde, sichere Persönlichkeit entwickeln. Andernfalls kann das Kind unangemessene, kontroproduktive Verhaltensweisen ausbilden (Vgl. 1).

So lernen wir durch Identifikation mit elterlichen Verhaltensweisen unseren Mitmenschen so zu begegnen, wie unsere Eltern früher uns behandelt haben. Psychosomatiker fassen diesen Sachverhalt plakativ als “Wie du damals mir, so ich heute den anderen” zusammen.

Durch Introjektion elterlichen Verhaltens wiederum akzeptieren und behandeln wir uns selbst, wie unsere Bezugspersonen früher uns gesehen und behandelt haben. Im günstigsten Fall besteht das aus Selbstakzeptanz, Selbstschutz und Selbstliebe. Im ungesundesten Fall aber empfindet der Mensch gar Hass gegen seine eigene Person, weil es von den Eltern missachtet wurde.

Schliesslich erwartet die Person durch Internalisierung elterlicher Handlungen von anderen Menschen so behandelt zu werden, wie seine Eltern ihn behandelt haben. Er trägt eine konkrete Erwartungshaltung an seine Mitmenschen heran. Sowohl positive Vorstellungen, Hoffnungen und Wünsche, als auch unsere Ängste und Befürchtungen gehören in diesen Bereich. Besonders deutlich wurde die Existenz unterschiedlicher Erwartungshaltungen mit ihren Folgen in unserem Eingangsbeispiel vor unsere Augen geführt (Vgl. 2).

Einige anschauliche graphische Darstellungen über zyklisch-maladaptive Verhaltensmuster verschiedener Persönlichkeitstypen wie ängstlich-deppressiver Persönlichkeitstypus, narzistische Persönlichkeiten, oder Borderliner können Sie auf den Webseiten der Rhenischen Kliniken Düsseldorf finden.

Verstehen Sie Ihre Persönlichkeit als Produkt der Identifikation, Introjektion und Internalisierung elterlicher Verhalten. Lernen Sie alte inadäquate Verhaltensweisen gegen neue, erfolgreichere Strukturen einzutauschen.

Zusammenfassend kann attestiert werden, dass unsere Persönlichkeit maßgeblich durch die Begriffe der Identifikation, Introjektion und Internalisierung bestimmt wird. Sie formen unser Verhalten wie ein Zirkelschluss, welcher unsere Grundannahmen immer von neuem bestätigt. Unsere „objektive Wahrheit“ in dieser Welt stellt sich damit, zumindest teilweise, tautologisch wie eine selbsterfüllende Prophezeiung dar. Hier lässt sich deshalb gut nachvollziehen, wie wirkmächtig unsere Erwartungshaltung sich in unserem Leben auswirken kann.

Einen praktischen Rat fürs Leben kann uns das Modell mitgeben: Achten Sie auf Ihr Verhalten den Mitmenschen und sich selbst gegenüber. Vergleichen Sie Ihre Gedanken und Handlungen mit dem Verhalten Ihrer frühen Bezugspersonen Ihnen gegenüber. Sie werden nicht nur erstaunliche Erkenntnisse über Ihre Persönlichkeit gewinnen, sondern manche alte kontraproduktive Verhaltensweisen gegen neue, erfolgreiche Denkweisen austauschen.

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