Der Niedergang der Klostermedizin

Heilkunde und Historie – von den weisen Frauen bis zur Phytotherapie. Was folgte nach der Entstehung der Heilkunde? Die Klöster als medizinische Versorger und Vorreiter der Kräuterkunde sowie deren Niedergang.

Waren es zunächst die Kräuterweiber und Heilerinnen, denen die Medizin unterlag, schufen anfangs vornehmlich die griechischen Gelehrten Schriften über das Heilwissen, so wurde im Rahmen der Christianisierung Mitteleuropas die Kirche der Mittelpunkt der Wissenschaften und Lehren.

Im Mittelalter hochgeachtet, übernahm sie zudem die medizinische Versorgung des Volkes, welches zwar weiterhin im Geheimen der Volksmedizin frönte, zudem aber auch auf die Klöster zurückgriff.

Während die Klostermedizin hoch im Kurs stand, sich den antiken Werken zuwandte, wurden im Süden Europas bereits die ersten Schulen gegründet; verschiedene Orden gründeten neue Klöster, vereinten jedoch mehr und mehr scholastische Medizin mit der Heilkräuterkunde. Der Beginn, altes Wissen zu normen und zu rationalisieren. Langsam kam somit die Wende.

Der Niedergang der Klostermedizin

Als die mitteleuropäischen Gelehrten langsam begannen, antikes Wissen zu verwerten und die Texte von Galenus und Hippokrates wiederzuentdecken, kam es im südlichen Europa bereits zur Gründung von Krankenhäusern, Medizinschulen und gar Universitäten. Südlich von Neapel entstand die berühmte Schule von Salerno.

Die Klöster wandten sich eigener Beobachtung und dem Quellenstudium zu. Neue Impulse brachte Hildegard von Bingen, sich selbst als Ungebildete, als indocta bezeichnend. Religiös-moralische Betrachtungen wurden hier mit heilkundlichen Anweisungen verbunden. (1233 bemühte sich Papst Gregor IX. um die Heiligsprechung der Äbtissin, die scheiterte, weil die notwendigen Dokumente als verloren gegangen galten.)

Bereits im 10. und 11. Jahrhundert begann der Bildungselan der Klosterschulen nachzulassen. Weltliche Aufgaben rückten ferner, Bildung und Heilung wandelten sich in Liturgie und Kontemplation und neue Orden entstanden. Franziskaner, Dominikaner, Zisterzienser bildeten neue Klöster, der Epoche der Klosterheilkunde folgte die der so genannten scholastischen Medizin, die als eigenständiges Fach an den medizinischen Hochschulen gelehrt wurde.

Die Schriften Salernos wurden aufgenommen, man war bestrebt, sich die neuen akademischen Medizin-Lehren anzueignen. Ein berühmtes Beispiel für die enge Umschlingung von klösterlichem Heilwissen und scholastischer Medizin ist Albertus Magnus (um 1200 bis 1280). Der als „Doktor universalis“ bezeichnete Dominikaner war Theologe, Philosoph und Naturforscher. Er versuchte, Pflanzen zu klassifizieren, wobei er Schriften aus der Schule von Salerno und viele andere Traditionen mit seinen Erkenntnissen zu einem botanischen Kompendium verband, welches auch medizinische Aspekte enthielt.

Der „Schwarze Tod“

brachte auch Missernten, Mangelernährung, Schwächung der Menschen und die Überfüllung von Städten mit sich, als der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit im 13. und 14. Jahrhundert Einstand hielt. Die Klöster gaben ihre umfassende medizinische Versorgung auf. Ihre Vorrangstellung ward somit aufgehoben.

Die Pest verbreitete sich, nicht zuletzt durch die Verletzung einfacher hygienischer Grundregeln und Gebote, Europa verlor zwischen 1315 und 1317 ein Drittel seiner Bevölkerung. Ärzte waren machtlos. Aderlass kam ins Gespräch, erneut, ebenso der Gebrauch von Chemikalien wie Quecksilber und Arsen. Die Verwendung von Heilpflanzen ging zurück; das Credo des Hippokrates „ungewöhnliche Fälle verlangen ungewöhnliche Arzneien“ wurde zu wörtlich genommen, die rasante Zuname von Giften und Abführmitteln nahm rapide zu.

Nahezu rechtzeitig trat ein Mahner auf den Plan, der im Umgang mit Giften zur Vorsicht, zur richtigen Dosierung riet: Paracelsus, Arzt und Naturforscher, eigentlich Theophrastus Bombastus von Hohenheim genannt. „Die Dosis macht das Gift“, so seine Worte, bis heute mehr als bekannt. 1493 im Kanton Schwyz geboren, studierte er in Italien, begab sich dann auf eine mehr als zehnjährige Wanderung durch nahezu alle Länder Europas. Er predigte zeitlebens die Empirie und die praktische Arbeit. Genau beobachten, Erfahrungen sammeln, Zeit mit den Patienten zu verbringen war von Wichtigkeit; in seinem Weltbild griff er zudem auf eine der ältesten medizinischen Theorien zurück: Die Signaturenlehre. Diese besagt, dass bereits die äußere Gestalt einer Pflanze, ihr Geruch, ihre Farbe, Zeichen sind auf das Innere, also die Heilwirkung und die entsprechenden Krankheiten, auf die die Wirkung abzielt. Erneut finden wir zurück zum Volkswissen, zum Basiswissen jeder medizinischen Ausbildung. Wenn auch nicht „bewiesen“, in Studien belegt.

Der „Boom“ der Kräuterbücher

Mit Erfindung des Buchdruckes durch Gutenberg im 15. Jahrhundert erlebten die Bücher antiker und mittelalterlichen Autoren eine Renaissance. Übersetzungen kamen, Überarbeitungen, Bildung nahm zu. Bibliotheken entstanden und mit ihnen ein wachsendes Publikum.

Im Barockzeitalter erreichte die Klosterkultur einen neuen Höhepunkt, der zu neuem Engagement in Wissenschaft und Medizin führte, die Entwicklung der Pharmazie vorantrieb. Missionierungen, freiwillig oder zwangsweise, begannen, Neues wurde kennen gelernt, Unbekanntes kam hinzu, der Heilpflanzenanbau erlebte eine neue Blüte, dass noch im 18. Jahrhundert Apotheken gegründet wurden, die neben dem Eigenbedarf der Mönche auch das Umfeld mitversorgten.

Erst die Säkularisation in Deutschland im Jahre 1803 beendete die medizinische Versorgung durch die Klöster in Gänze. Als Ersatz für die französischen Eroberungen links des Rheins wurden damals die Hoheitsrechte und der Besitz von vier Erzbistümern, 18 Bistümern etc. konfisziert und teils zerstört. Damit kam Klosterheilkunde gänzlich zum Erliegen. In Ländern wie Österreich wurde sie weitergeführt, in Italien betreiben heute viele Klöster erneut den Anbau und Verkauf von Heilpflanzen, in Russland sichern sie oft die medizinische Versorgung, ebenso in Südamerika und Afrika.

Die Spurensuche innerhalb der Kirchen und Klosterapotheken steht erst am Anfang. Viel Wissen wurde offenbart, andere Unterlagen sind verschollen. Vieles liegt noch unter verstaubten Buchdeckeln verborgen, wartet auf moderne Prüfungen. Das Wissen der Antike, des Mittelalters bestimmt die Phytotherapie noch heute.

Die Entwicklung chemischer Pharmazeutika hat den Gebrauch von Heilpflanzen und das Wissen um ihre Anwendung verdrängt. Zugleich bringen Gesundheitsreform, Kosten und die Erinnerung an Vergessenes auch eine neue Chance mit sich.

Das Wissen der Vorvergangenheit, welches teils auch durch die Kirche selbst zerstört worden ist – wenngleich sie fleißig notierte und so am Leben hielt – wird schwerlich nur wieder greifbar werden. Dennoch bleibt es, den Sieg der sanften Medizin in der heutigen Entwicklung zu verfolgen, auf neuere Erkenntnisse und das vergessene Wissen zu vertrauen.

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