Die Brennnessel (Urtica Dioica L.)

Mehr als nur eine echte Alternative zur Baumwolle. Die Brennnessel ist jedem bekannt und in unseren Regionen eher unbeliebt. Neben ihrem Dasein als Unkraut in heimischen Gärten ist sie jedoch besonders vielfältig.

Schon vor langer Zeit hat sich die Brennnessel als Volksheilmittel, Gemüse- und Futterpflanze bewährt, geriet aber aus verschiedenen Gründen in Vergessenheit. Neuerdings gilt die pflegeleichte und damit wirtschaftliche Pflanze wieder als nachwachsender Rohstoff unter anderem für die Herstellung von Textilien. Nach ökologischen Kriterien verarbeitet ist dieser Stoff feiner als Hanf, atmungsaktiv und für Allergiker bestens geeignet.

Herkunft und Botanik

Die Große Brennnessel gehört zur Familie der Urticaceae (lat. von urere = brennen) und ist eine ausdauernde, 50 bis 150 cm hohe Ruderalpflanze. Stängel und Blätter sind mit langen Brennhaaren besetzt, die bei Berührung mit der Haut ein schmerzhaftes Nesselgift absondern. Die mit Ausnahme der Tropen und der Polarregionen weltweit verbreitete Brennnessel blüht von Juni bis September. Die Brennnesseln bestehen aus getrennt geschlechtlichen, also männlichen und weiblichen Pflanzen, die bis zu 12 Jahre und älter werden können. Die Große Brennnessel enthält unter anderem:

  • Vitamin A und C,
  • Karotinoide,
  • Gerbstoffe,
  • Beta-Sitosterin,
  • Eisen,
  • Kieselsäure,
  • histaminähnliche Substanzen sowie
  • Glukokinin.

Die Rinde des Stängels ist von Bastfasern durchzogen. Auf Grund dieser Bastfasern und der zahlreichen Wirkstoffe ist die große Brennnessel sehr vielseitig nutzbar.

Gesundheitliche Vorteile

Seit dem Altertum ist die Große Brennnessel als Heilpflanze bekannt. So werden beispielsweise Tees aus Brennnesselblättern (Urticae folium), aus der Wurzel (Urticae radix) sowie eine Tinktur aus Brennnesselkraut (Urticae herba) eingesetzt. Die Blatt- und Krautdroge hilft bei

  • Frühjahrsmüdigkeit,
  • Harnwegsentzündungen,
  • Blasenschwäche,
  • Ödemen,
  • rheumatischen Beschwerden, und auch bei
  • Milch- und Eisenmangel;
  • außerdem bei Allergien,
  • unreiner Haut und Schuppenflechte.

Die Tinktur soll Kopfhautschuppen bekämpfen und bei sprödem, glanzlosem Haar helfen. Die Wurzeldroge kann bei einer gutartigen Prostata- Vergrößerung hilfreich sein. Die Brennnessel als Saft, Tinktur oder abgekocht soll blutreinigend, harntreibend und entfettend wirken sowie schmerzhafte Rheuma- und Gichterkrankungen lindern gegen Blutungen vieler Art in Lunge, Magen oder bei zu starker Menstruation helfen. Die nährstoffreichen Nesselblätter können als gesundes Gemüse Mangelerscheinungen vorbeugen. Auch in der Homöopathie findet Urtica dioica vielseitige Anwendung.

Erste Anwendungen

Funde von Nesselüberresten konnten auf zirka 3.000 v. Chr. zurückdatiert werden und belegen die traditionelle Nutzung der Pflanze. Die Verwendung der Brennnesselfasern als Rohstoff für Textilien ist nicht neu, da sich die langen und reißfesten Fasern der Brennnessel sehr gut eignen, um daraus strapazierfähige und langlebige Kleidung zu machen. Tuchgewebe, Fischernetze und Taue wurden schon von alters her daraus hergestellt. Schon im Mittelalter wurden die in der Rinde der Pflanzenstängel steckenden Faserbestandteile zur Produktion von Garn und Nesseltuch genutzt. Ab dem 15. Jahrhundert versuchte man, die Pflanze zu kultivieren, bis schließlich die Baumwolle aufkam. 1723 wird in Leipzig eine Nesselmanufaktur gegründet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Baumwolle knapp, was der Faserpflanze wieder zu zunehmender Beliebtheit besonders bei der ärmeren Bevölkerung verhalf. Bis zum zweiten Weltkrieg fand sie verschiedene Verwendung und wurde in Deutschland hauptsächlich zur Herstellung von Armeekleidung eingesetzt. Aber auch

  • Zeltstoffe,
  • Rucksäcke und
  • saugfähige, weiche Handtücher,
  • Strümpfe,
  • „knitterfreie“ Kleiderstoffe,
  • Bettlaken sowie
  • feste Stricke

wurden bis 1945 aus der Pflanze hergestellt. Durch die Entwicklung der Chemiefaser wurde die Brennnessel aus Industrie und Handel verdrängt und geriet damit wieder in Vergessenheit.

Heutige Verwendung

Inzwischen haben die Generationen verlernt, wie man aus Brennnesseln Stoffe machen kann. Erst durch das verstärkte Auftreten von Allergien in den letzten Jahren und der damit verbundenen erhöhten Nachfrage nach für Allergiker geeigneten Naturwaren, wurde die Entwicklung und Herstellung marktfähiger Stoffe aus der Brennnessel wieder voran getrieben. Die Optimierung der Anbau-Methoden und das Aussuchen und Vermehren spezieller Sorten ermöglichten die Herstellung erster hochwertiger Brennnesselstoffe. Sie sind dabei sehr preiswert und können nach höchsten ökologischen Kriterien hergestellt werden. Allerdings ist der Aufbereitungsprozess der Brennnesselfaser relativ aufwendig. Weiterhin entsteht durch Wässern und Pressen der Fasern ein Vlies, welches sich als Innenverkleidung von Autotüren oder auch als Verpackungsmaterial eignet.

Verarbeitung zu textilem Gewebe

Eine tausend Jahre alte Technik macht aus der Brennnessel einen glänzenden weichen Stoff, eine marktfähige Alternative zur Baumwolle. Die bis zu drei Meter hohe Fasernessel muss nur etwa alle 10 bis 15 Jahre neu gepflanzt werden, ist während des Wachstums anspruchslos und daher für die umweltverträgliche Landwirtschaft interessant. Sie weist im Verhältnis zur wilden Brennnessel einen deutlich höheren Gehalt an Fasern auf. Waren es bei der wilden Brennnessel nur etwa 3 Prozent, kommt man heute auf eine Ausbeute von bis zu 20 Prozent. Die faserreichen Pflanzen können allerdings nur aufwändig über Stecklinge vermehrt werden. Für die Verarbeitung werden die Nesseln einmal jährlich gemäht. Dann werden die getrockneten Pflanzen mittels Alkalibad und Dampfdruck behandelt, sodass einzelne Nesselfasern übrig bleiben. Diese ähneln nach einem weiteren Waschvorgang (Reinigung mit patentiertem Bio-Verfahren durch Enzyme) der Baumwolle und können so weiterverarbeitet werden. Daraus entstehen nun Stoffe, Bettwäsche, Hemden und Jeans und viele andere Textilien. Diese sind nicht hautunfreundlich – wie man im ersten Moment vermuten würde. Im Gegenteil, es handelt sich um Stoffe, die weder jucken, noch kratzen oder auf der Haut brennen, sondern sich weicher und leichter als Seide anfühlen. Außerdem sind es keine sackartigen Gewänder, sondern eher modische Schnittmuster.

Ökologie

Beim Brennnesselstoff handelt es sich um einen vollständig in Deutschland produzierten Luxusstoff. Die Brennnessel schützt sich selbst durch die in ihren Brennhaaren enthaltene Säure vor unliebsamen Gästen. Außerdem leben Schädlinge und Nützlinge auf der Pflanze in einem ausgewogenen Verhältnis. Im Gegensatz zum Anbau der Baumwolle kann daher bei der pflegeleichten Brennnessel auf künstliche Bewässerung und den hohen Einsatz von Düngern und Pestiziden verzichtet werden. Damit die Pflanze trotzdem gegen Unkrautbestände existieren kann, wird alle sechs bis acht Wochen ein Kröpfschnitt (Abschneiden der obersten 25 cm) durchgeführt. Der gesamte Produktionsablauf ist umweltfreundlich und völlig frei von Chemikalien. Eine Kompostierung des Endprodukts ist daher möglich. Dies steht im Gegensatz zur problematischen Entsorgung vieler anderer Produkte. Darüber hinaus liefert die Brennnessel im Vergleich zur Baumwolle eine gleich bleibende Qualität. Ab einer Anbaufläche von 10.000 Hektar würden die umweltfreundlichen deutschen Brennnessel-Stoffe nicht mehr als indische Baumwollstoffe kosten.

Das volkswirtschaftliche Interesse an nachwachsenden Rohstoffen ist derzeit groß, die EU fördert den Faseranbau, die Nutzung der Brennnessel eröffnet der Textilwirtschaft völlig neue Märkte und sie ist nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten eine echte Alternative zur Baumwolle.

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