Die Psychologie des Sammelns und die Geschichte der Sammelbilder

Der Mensch sammelt gerne, zum Beispiel Gemälde, Briefmarken oder Sammelbilder. Dabei sagt man dem Sammler allerlei psychische Macken nach.

In diesem Frühjahr dürfte der Sammelbilderhersteller Panini wieder massenhaft Bildchen verkauft haben, denn es ist WM-Jahr und für viele Fußballfans heißt das, im Vorfeld des Ereignisses die Konterfeis der Fußballstars zu sammeln und ins Album zu kleben. Dabei folgen sie einem uralten Trieb, denn die Sammelei, heißt es gemeinhin, sei noch auf die Steinzeit zurückzuführen, als das Sammeln für den Menschen ein überlebensnotwendiger Urinstinkt war. Weil man heute keine Nahrung mehr sammeln muss, der Drang zu sammeln aber erhalten blieb, häuft der Mensch nun andere Dinge an. Millionäre legen sich eine Kunst-, Antiquitäten- oder Rolls-Royce-Sammlung zu, und wer sich das nicht leisten kann, sammelt Bierdeckel, Kronkorken, Streichholzschachteln, Telefonkarten, Schlümpfe oder eben Sammelbildchen.

Sammeln und Psychologie: Sammler und ihre Macken

Wer in den Medien Informationen über das Sammeln sammelt, findet erstaunlich viele Zeitungsartikel, Radiosendungen und Internetbeiträge, die sich mit des Sammlers psychischem Zustand befassen. Vom Wunsch nach Macht, über die Suche nach im Alltag fehlender Anerkennung bis zur Vernachlässigung der eigenen Person und des sozialen Umfelds sowie Flucht vor dem Alltag und der Realität wird allerlei aufgeführt, und ja: krankhaft kann das Sammeln schließlich werden, wenn es extreme Züge annimmt. Schließlich erfährt man noch, dass Freud in der Sammelleidenschaft eine Ersatzbefriedigung zur Kompensation unerfüllter sexueller Wünsche sah.

Andere philosophieren über das Schicksal des Sammlers, denn der wahre Sammler, heißt es, will schließlich besitzen und das komplett, weshalb auch keine Sammlung ausschließlich glücklich macht, denn immer fehlt irgendein Stück und liefert somit Anlass zur Trauer und zur Sorge, ob es wohl gelingen wird, dieses fehlende Stück zu erhaschen. Umgekehrt geht’s auch. Dem Sammler, so ist andernorts zu lesen, geht es nicht um das Besitzen, sein Glück liegt vielmehr darin, dass die Sammlung nie vollkommen ist und es immer ein Stück gibt, wonach man noch streben kann. Zumindest als leicht spleenig und verschroben gilt der Sammler den meisten.

Geschichte der Sammelbilder: Stollwerck, Liebig und die ersten Fußballsammelbilder

Über all diese Aspekte denkt der gewöhnliche Sammler von Sammelbildern vermutlich eher selten nach, und sieht man sich auf den zahlreichen Seiten von Sammlern für Sammler im Internet um, so ist das kein Wunder, muss er doch viel Zeit damit verbringen, etwa Bilderserien aus vergangenen Jahrzehnten, bis zurück zu den Anfängen zu sammeln. Diese liegen einige Zeit zurück, bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Kölner Schokoladenfabrikant Franz Stollwerck (1815-1875), erstmals in Deutschland Sammelbilder in seine Schokoladentafeln mit einwickeln lassen, einige andere Firmen wie Liebig, Hersteller eines von Justus von Liebig entwickelten Fleischextrakts waren bald gefolgt und die Bildersammelei wurde sehr populär.

Tiere, Sagen- oder Märchenmotive, aber auch Serien mit deutschen Kriegsschiffen und Heerführern aus dem Krieg von 1870/71 oder Motive aus den deutschen Kolonien waren darauf abgebildet. 1892 brachte Liebig die ersten Fußballmotive heraus, Stollwerck folgte Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit wurden die Sammelbilder noch populärer, denn nun lagen auch in den Zigarettenpackungen Bilder, die allerdings nicht mehr so hochwertig gedruckt waren. Für die Firmen waren die Bildchen nicht nur ein wichtiges Werbemittel, sondern sie sorgten auch dafür, dass der Kunde, wenn er eine Bilderserie komplett wollte, stets die gleiche Kaffee-, Margarine- oder Schokoladenmarke kaufen musste.

Nazipropaganda mit Hilfe von Sammelbildern

Die Sammler hinterfragten solche wirtschaftlichen Aspekte wohl ebenso wenig wie die Motive. So spiegelten die Kolonialbilder die rassistische Einstellung jener Zeit wieder, Bilder mit Kriegsschiffen und Heerführern wollten für den Krieg begeistern. In besonderem Maße für ihre Zwecke benutzten die Nationalsozialisten die Macht der Sammelbilder. Nicht nur gab es in Goebbels‘ Propagandaministerium eine Prüfstelle, die jedes Sammelalbum vor der Veröffentlichung begutachtete und notfalls zensierte, das Ministerium nahm auch Einfluss auf die Themen, um die nationalsozialistische Herrschaft zu festigen. Alben zeigten Bilder von Propagandamärschen und widmeten sich vor den Olympischen Spielen 1936 ausführlich der angeblichen Überlegenheit der Deutschen. Hitler nutzte Sammelbilder außerdem, um sich dem Volk als Staatsmann zum Anfassen zu präsentieren, so ließ er sich etwa beim Füttern von Rehen abbilden. 1942 war es mit den Sammelbildern und -alben jedoch vorbei, denn für solche Dinge waren nun keine wirtschaftlichen Kapazitäten mehr vorhanden.

Das Millionengeschäft mit den Sammelbildern

Heute widmen sich Sammelbilder Spongebob, den Simpsons oder eben nach wie vor dem Fußball – vor Turnieren den WM- und EM-Sammelbildern und ansonsten den Bundesligabildern, die es seit Einführung der Liga im Jahr 1963 ebenfalls gibt. Man kann sie, sieht man von Ferreros Duploriegeln und Hanutawaffeln ab, allerdings mittlerweile meist als eigenständiges Produkt in Tütchen kaufen, und oft stecken nostalgische Motive hinter der Sammelei. So erinnern sich zum Beispiel ältere Sammler von Fußballbildern noch an die Weltmeister von 1954, als nach der gewonnenen WM die Begeisterung für Fußballsammelbilder wieder enorm war und viele Turek, die Walterbrüder, Morlock und Rahn im Sammelalbum verewigen wollten. Mit dem Sammler von früher gemeinsam, hat der heutige Sammler, dass ihn wohl kaum interessiert, wer mit seiner Sammelleidenschaft viel Geld verdient. Das Bildersammelgeschäft ist längst ein Millionengeschäft, in dem die Firma Panini den Markt fast komplett erobert und ehemalige Konkurrenten, etwa die Firma Bergmann, die sich Ende der sechziger Jahre zum Marktführer in Deutschland entwickelt hatte, verdrängt hat.

Sammelbilder zur WM

Hat man seinen Streifzug durch diverse Sammlerseiten beendet, hat man so kuriose Sachen erfahren erfahren, wie jene, dass es einen „Bund deutschsprachiger Sammler von Zippofeuerzeugen“ gibt und ja: Es gibt Menschen, die als Erwachsene noch Lahm, Mertesacker oder Schweinsteiger sammeln und auf diese Weise gerne mal dem Alltag entfliehen. Zumindest leicht spleenig und verschroben scheinen Sammler also tatsächlich zu sein − und damit so wie die meisten Menschen, die sich als Fußballfans im Stadion höchst merkwürdig aufführen und eher selten fragen, wer an all den Trikots, Schals und eigenartigen Kopfbedeckungen verdient, die als Extremsportler das Letzte aus sich herausholen, als Künstler maßlose Bewunderung genießen wollen, als Politiker aus lauter Machtgier die Familie vernachlässigen und so weiter und so fort… Deshalb wird das Sammeln wohl so schnell nicht aussterben, und ein paar Monate bevor am Juni die WM in Brasilien beginnt, dürfte es auch wieder WM-Sammelbilder geben.

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