Fehlende Anerkennung oder das Scheitern der Liebe

Es gibt einen effektiven Grund für das Scheitern der Liebe: Er liegt in der Schwierigkeit, sich gegenseitig anzuerkennen.

Es sah so gut aus für Charles und Emma Bovary. Er, ein gut situierter Landarzt mit besten Zukunftsaussichten. Sie, eine junge, hübsche und gebildete Frau voller Optimismus und Lebensfreude. Was sollte da schief gehen? Vor allem liebte er sie und blickte voller Stolz auf den Schatz, den er sein eigen nennen durfte. „So war er also glücklich und aller Sorgen ledig. Eine Mahlzeit zu zweit, ein abendlicher Spaziergang auf der Hauptstraße, ein Gleiten ihrer Hand über das glatt anliegende Haar, der Anblick ihres Strohhutes, der an einem Fensterriegel hing, und viele andere Dinge noch, von denen Charles niemals geglaubt hätte, daß sie mit Lustgefühlen verbunden seien, bildeten für ihn jetzt eine Bürgschaft für die Beständigkeit seines Glücks“ (Gustave Flaubert, Madame Bovary, Reclam, Leipzig, 2003, Seite 38). Das böse Ende ist bekannt. Sie nahm sich das Leben, er war körperlich, seelisch und finanziell ruiniert und starb am gebrochenen Herzen.

Der Mensch benötigt die Anerkennung des Anderen

Glücklicherweise endet nicht jede Beziehung so tragisch. Und dennoch fragen sich viele Menschen, warum es eigentlich so schwer ist, die anfängliche Begeisterung füreinander zu erhalten. Sicherlich gibt es viele Gründe dafür und manches ist den Eigenheiten der jeweiligen Partner geschuldet, ohne verallgemeinert werden zu können. Aber vielleicht lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht allgemeine Gründe gibt, welche die Liebe scheitern lassen. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre glaubte, einen solchen Grund gefunden zu haben. Es ist der mit jeder menschlichen Existenz verbundene Identitätsmangel des Bewusstseins und das damit einhergehende Verlangen nach Anerkennung durch den Anderen. Nun ist Anerkennung sicherlich ein allgemeineres Phänomen als Liebe. Man möchte von seinem Chef anerkannt werden oder von seinen Arbeitskollegen, aber man möchte nicht unbedingt von ihnen geliebt werden. Dennoch ist die wechselseitige Anerkennung der Liebenden von besonderer Relevanz, denn von dem geliebten Menschen übersehen zu werden, ist absolut vernichtend.

Man braucht die Liebe des Anderen für die eigene Identitätsfindung

Selbstverständlich schillert das Wort „Liebe“ in vielen Bedeutungen und es wird wohl kaum möglich sein, diese Vielfalt in einem Artikel zu erfassen. Deswegen ist es wichtig, die kontextbezogene Bedeutung dieses Wortes möglichst genau zu definieren. Zunächst sollte klar sein, dass Liebe hier nichts mit der körperlichen Begierde zu tun hat. Vielmehr möchte der Liebende, dass der Geliebte ihn liebevoll anblickt. Der Liebende beabsichtigt also, unter dem liebenden Blick des Anderen seine eigene Identität zu finden. Warum ist das so wichtig? Gemäß der Bewusstseinstheorie Sartres ist die menschliche Existenz von einem grundsätzlichen Identitätsmangel geprägt. Man erlebt die Welt in der Weise, dass einem die eigene Existenz zum Problem wird. Wer bin ich? Wozu bin ich auf der Welt? Diese Fragen kann der Mensch niemals für sich allein beantworten. Mit anderen Worten: Für sich allein betrachtet wäre der Mensch einem unerträglichen Identitätsmangel ausgeliefert. Die liebende Funktion des Anderen besteht nun darin, diesen Mangel zu beheben. Nach Sartre ist dieser Versuch allerdings stets zum Scheitern verurteilt.

Die Liebe muss scheitern, weil sie widersprüchlich ist

Der genannte Identitätsmangel hat auch eine andere Seite: die Freiheit. Denn gerade wegen des Mangels an Identität bin ich frei, mich selbst zu bestimmen und diese Selbstbestimmung muss jederzeit erneut bestätigt werden. Wenn nun der Liebende liebevoll von dem Geliebten angeblickt werden möchte, dann wird er von ihm abhängig. Da der Andere frei ist, wird diese Abhängigkeit zur Gefahr für den Liebenden, denn die Freiheit des Anderen ist als Freiheit nicht verlässlich. Deshalb versucht der Liebende den Anderen zu faszinieren. Mittels der Faszination strebt er danach, sich der Freiheit des Anderen zu bemächtigen und somit aus dieser Freiheit eine Unfreiheit zu machen. Dieses Vorhaben ist jedoch widersprüchlich. Denn sollte es tatsächlich gelingen, verwandelt sich die Freiheit des Anderen in einen Liebesmechanismus und verfehlt seinen eigentlichen Zweck. Man möchte ja nicht von einer Liebesmaschine geliebt werden, sondern von einem freien Menschen. Gelingt die Faszination aber nicht, dann bleibt das Verhältnis eine ständige Gefahr für den Liebenden. Denn die Liebe droht jederzeit, sich in Gleichgültigkeit oder Hass zu verwandeln. Auf diesem Boden können Eifersucht und Angst prächtig gedeihen. Wenn die Faszination gelingt, scheitert die Liebe, gelingt sie nicht, scheitert sie auch. Die Liebe ist ein Dilemma.

Ein weiterer Grund für das Scheitern der Liebe ist deren Wechselseitigkeit

Der Liebende will vom Geliebten liebevoll angeblickt werden. Dasselbe gilt aber auch für den Geliebten in Bezug auf den Liebenden. Die Liebe soll also wechselseitig sein. Nun ist ein solches Verhältnis des wechselseitigen Blickes sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Wenn ich dabei bin, den Anderen in seiner Identität zu bestätigen, dann kann er mich nicht bestätigen. Wer kennt nicht die Situation, dass man stundenlang über den Anderen geredet, seine Probleme und seine Pläne erörtert hat, aber bei dem Versuch, seine eigene Person ins Gespräch zu bringen, kläglich gescheitert ist. Der Andere möchte eben seine Identität realisieren und nicht meine.

Charles und Emma Bovary scheiterten an einem Mangel wechselseitiger Anerkennung

Charles Bovary war ein anerkannter Landarzt und eigentlich zufrieden mit seinem Dasein. Was ihm fehlte, war der liebevolle Blick seiner Frau. Sie fand ihn langweilig, banal, so gar nicht ihren romantischen Idealvorstellungen entsprechend. Wenn er doch wenigstens ein bedeutender Arzt wäre. So kam Charles Bovary auf den Gedanken, durch eine gewagte Operation berühmt zu werden. Die Operation misslang gründlich. Zu seiner Banalität und Langweiligkeit gesellte sich nun auch noch das Odium des Versagers. Sein Ruf als Arzt war ruiniert, die Anerkennung seiner Frau rückte in unerreichbare Ferne. Umgekehrt verlangte Emma die Bestätigung ihrer romantischen Ideale: die große Liebe, die aufwühlenden Gefühle, den lyrischen Überschwang. Stattdessen hatte er nur plumpe Küsse, linkische Anhänglichkeit und bürgerlichen Alltag zu bieten. Ihre Liebe scheiterte, weil sie sich gegenseitig nicht anerkennen konnten.

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