Friendscout-Konzern beklagt Kommerz in der Liebe

Mit geschicktem Guerilla-Marketing erreicht Friendscout die Medien. Ein Verein will die deutsche Kusskultur retten – und begeistert damit Journalisten. Erst beim zweiten Blick wird klar: es geht um Geld und Marketing, nicht um die Liebe

Es sieht alles nach biederer, urdeutscher Vereinskultur aus. Im oberbayrischen Farchau gibt es einen Verein, der hat sich vorgenommen, die Deutschen zu mehr Küssen zu bewegen – schließlich hat eine Studie von TNS Infratest ergeben, dass Deutschland im europaweiten Vergleich beim Küssen ganz hinten liegt. Der Verein nennt sich Kussfreunde e.V., hat eine Satzung, einen Vorstand und natürlich Formulare für Mitgliedsanträge.

Auch einen Vereinszweck gibt es, und der ist im Vereinsregister des Amtsgerichtes München hinterlegt: „Die Föderung und Weiterentwicklung der Kuss-Kultur in Deutschland und Europa.“ Und weil der Vereinszweck so schrecklich romantisch ist, muss der Vorstand auch schrecklich romantische Sachen sagen. Zum Beispiel, dass die wahren Gefühle nicht vom schnöden Mammon ausgenutzt werden dürfen: „Die Blumen-, Parfüm- und Süßwarenindustrie“ müssten zurücktreten hinter „die wahren Motive wie Liebe und Zuneigung.“ Es ist der Aufstand der großen Emotionen gegen das kalte, böse Geld.

Doch wer genauer hinguckt, der ahnt: während Blumen-, Parfüm- und Süßwarenindustrie zurücktreten müssen, darf eine andere Branche profitieren: die Partnersuche-Industrie im Internet. Denn hinter dem Kitsch scheint ein großer Konzern zu stecken, dessen Interesse an der Liebe äußerst finanzieller Natur ist: Friendscout24.

Friendscout steht alleine da in der Medienlandschaft

Während viele andere Singlebörsen mit großen deutschen Verlagshäusern verflochten sind, steht Friendscout24 in der deutschen Medienlandschaft einigermaßen alleine da – und das bedeutet: schlechte Abdruckchancen für Pressemitteilungen aus dem Hause Friendscout, die PR-Abteilung kann noch so viel Wirbel verursachen – berichtet wird darüber kaum, der Name Friendscout kommt in den Medien viel zu selten vor.

Und da kommen jetzt die Kussfreunde e.V. ins Spiel, und vor allen Dingen in die Marketing-Strategie von Friendscout. Wann immer dieser knuddelige Verein mit dem romantischen Vereinsziel eine öffentliche Aktion startet, wird darüber berichtet – und das nicht zu knapp: Kuss-Wettbewerbe, Aufführungen, städtische Kussboxen, das alles wird von den Redaktionen begeistert aufgenommen. Und dann wird auch immer der Sponsor des Vereins lobend mit erwähnt: Die Friendscout24 GmbH.

Eine ausgeklügelte Marketing-Strategie hat Erfolg

Friendscout24 scheint aber nicht nur ein freundlicher Sponsor im Hintergrund zu sein; vielmehr sieht es so aus, als seien die Kussfreunde mehr eine ausgekoppelte Marketing-Truppe der millionenschweren Singlebörse – und zwar mit ziemlich gut durchdachter Strategie: Am Anfang stand die teure Umfrage, die die Deutschen als Verlierer im europaweiten Kuss-Vergleich herausarbeitete – in Auftrag gegeben übrigens von Friendscout24.

Daraufhin gründete ein gewisser Marko Wanke die Kussfreunde e.V. – der pflegt guten Kontakt zur Marketing-Direktorin von Friendscout, Tanja Biller. Den Internet-Auftritt der Seite dirigiert die Werbeagentur Sassenbach – zu deren Kunden gehört zufällig auch die Friendscout GmbH.

Marko Wanke jedenfalls scheint recht kommerzielle Ziele zu verfolgen: neben seinem Amt als Vorsitzender der Kussfreunde verdient er sein Geld als Geschäftsführer einer Event-Agentur. Schon im Sommer 2008 hatte er für eine PR-Aktion mit Friendscout zusammengearbeitet.

Wenn die Liebe Geld abwirft

Der Verein allerdings will weiter nichts mit dem schnöden Mammon zu tun haben: man verfolge „ausschließlich gemeinnützige und mildtätige Zwecke“, heißt es in der Satzung. Nur dann nämlich gibt es die Möglichkeit, dass Zahlungen an den Verein als Spenden von der Steuer abgesetzt werden können.

Sollten die Kussfreunde trotzdem aus Versehen Geld verdienen, ist klar, wo das hinfließt. In der Satzung heißt es: „Bei Auflösung des Vereins […] fällt das Vermögen an Herrn Marko Wanke, der es nur für gemeinnützige Zwecke verwenden darf.“ Vielleicht ja so etwas gemeinnütziges wie eine neue Werbekampagne für Friendscout.

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