Kostenexplosion im Gesundheitswesen

Den Krankenkassen fehlen 2010 etwa 7,5 Milliarden Euro. Warum genau steigen die Kosten im Gesundheitswesen trotz Gesundheitsfond?

Gerade wurde bekannt, dass für 2010 rund 7,5 Milliarden Euro im Gesundheitswesen fehlen. Wie ist das möglich, wo doch vor der Wahl von der Politik das Gegenteil verkündet wurde? Nun, in der deutschen Gesundheitsreform steckt ein gravierender Denkfehler: Die Krankenkassen erhalten mehr Geld, wenn sie überproportional viele chronisch Kranke als Mitglieder haben und die Ärzte erhalten mehr Geld, wenn sie mehr chronisch Kranke als Patienten haben. Es entsteht folglich ein Wettbewerb ausgerechnet um die Kranken, obwohl es im Gesundheitswesen vor allem darum gehen sollte, möglichst viele Gesunde zu haben. Das jetzige System verführt zu einer Überversorgung und zum verstärkten Lobbyismus der Beteiligten, also der Patienten, der Krankenkassen, der Ärzte, der Krankenhäuser, der Apotheker und der Pharma-Industrie. Gesundheit kann jedoch, wenn es sozial gerecht zugehen soll, keine Ware im marktwirtschaftlichen Sinne sein, schon gar nicht, wenn das unerwünschte Gegenteil, also Krankheit, zum einzigen Wettbewerbsziel wird.

Die kostentreibende Rolle der Patienten

In Deutschland gehen Patienten sehr viel häufiger zum Arzt als in den anderen europäischen Ländern, nach den Unterlagen der Krankenkassen 18 mal im Jahr. Und sie gehen eben auch wegen Erkältungskrankheiten hin, die mit Arztbesuch genauso lange dauern wie ohne, aber erhebliche Kosten verursachen. Außerdem gehen die meisten nicht zum Hausarzt, der ihnen bei Bedarf einen Facharzt empfiehlt, sondern gleich zum Facharzt. Im Durchschnitt gleichzeitig zu vier verschiedenen Fachärzten. Es gibt also in Deutschland so etwas wie den selbsternannten Intensiv-Patienten, der gar nicht unter einer schweren, lebensbedrohenden Krankheit leidet und vom Hausarzt gut versorgt werden könnte.

Weshalb die Krankenkassen auch mehr Kosten verursachen

Es gibt mehr als 250 verschiedene gesetzliche Krankenkassen sowie etliche Privatkassen in Deutschland. Alle haben einen eigenen, selbstverständlich Kosten verursachenden Apparat, der eigentlich im Zeitalter der EDV gar nicht notwendig wäre. Außerdem wird, da die Kassen ja untereinander in Wettbewerb stehen, viel Geld für die einzelnen Werbekampagnen ausgegeben. Experten sagen, der Mitgliederwechsel sei gering und stünde in keinem Verhältnis zu den Marketingkosten.

Die kostentreibende Rolle der Ärzteschaft

Noch 2008 haben ein Teil der Ärzte demonstriert, weil sie befürchteten, durch die Gesundheitsreform weniger zu verdienen. Heute sind diese Stimmen verstummt, weil die Kassenärztlichen Vereinigungen einige Milliarden Euro mehr an die Ärzte verteilen können. Im Grunde kann den Ärzten, so sie denn das System legal nutzen, kein Vorwurf daraus gemacht werden, dass sie darauf bedacht sind, durch Zusatzleistungen zu höheren Gewinnen kommen zu wollen. Ob es allerdings richtig ist, dass der Arzt überhaupt als Unternehmer tätig sein sollte und damit die Gesundheit zur Ware wird und die Praxis zum Geschäft, ist zumindest aus der Sicht der Patienten die Frage. Zudem beklagen die Kassen, dass mit der Ärztedichte nicht etwa die Anzahl der Patienten abnimmt, sondern zunimmt, weil jeder niedergelassene Arzt einen Patientenstamm aufbaut.

Weshalb die Krankenhäuser ebenfalls zu Kostensteigerungen beitragen

Die Bettenanzahl in den deutschen Krankenhäusern wurde zwar reduziert und die Verweildauer der Patienten auch. Trotzdem stiegen die Kosten weiter. Für die Krankenhäuser wird etwa ein Drittel des Gesamtbudgets ausgegeben. Als Ursache für die Steigerungen gilt unter Gesundheitsexperten die Tendenz, erstens weiter die vorhandenen Betten möglichst komplett zu belegen und zweitens durch mehr Untersuchungen diese Tatsache zu rechtfertigen.

Die kostentreibende Rolle der Apotheker

In Deutschland dürfen nur Pharmazeuten eine Apotheke führen und nicht mehr als vier Apotheken besitzen, die ebenfalls von studierten Pharmazeuten geleitet werden müssen. Apotheken-Ketten, die den Pharmagroßhandel nicht brauchen würden, sondern mit den Herstellern direkt Preisverhandlungen führen könnten, wie dies in den meisten EU-Ländern möglich ist, sind nicht erlaubt. Bei den verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ist die Vergütung festgelegt, aber bei den rezeptfreien Produkten können die Apotheker den Preis selbst kalkulieren.

Die Medikamenten-Hersteller

Wer schon einmal im Ausland ein Medikament eines deutschen Pharmaherstellers gekauft hat, wird sich wahrscheinlich gewundert haben, warum der Preis oft deutlich niedriger ist. Nun, in vielen anderen Ländern ist es üblich, sich an dem deutschen Marktpreis zu orientieren und ihn dann oft um zweistellige Prozentraten herunter zu setzen. Patentgeschützte Arzneimittel haben in Deutschland keine Preisgrenzen und sind oft im Inland unverhältnismäßig teuer, während Nachahmerprodukte (Generika), die erst zwanzig Jahre nach der Markteinführung des Originalproduktes von anderen Herstellern auf den Markt gebracht werden dürfen und identische Wirkstoffe enthalten, im Preis auch hierzulande relativ günstig sind.

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