Marathon schadet dem Knie nicht

Die langsame Steigerung von Distanz und Lauftempo und der richtige Laufschuh: Wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann seinen Kniegelenken die 42 km durchaus zumuten.

„Langstreckenlaufen ist – zumindest was die Kniegelenke betrifft – durchaus als gesund zu bezeichnen“, sagt Dr. Wolfgang Krampla vom Institut für Röntgendiagnostik am Wiener SMZ-Ost Donauspital. In einer 2008 im Journal of Skeletal Radiology publizierte Langzeitstudie an Langstreckenläufern konnte jedenfalls keine Schäden an den Kniegelenken feststellen. „Unsere Studie ist zwar klein, wir haben nur zehn Läufer untersucht, allerdings war das Ergebnis durchaus beeindruckend“, so Krampla. „Unsere Marathonläufer wiesen nach zehn Jahren keinerlei Dauerschäden am Kniegelenk auf.“ Das vieldiskutierte „Runner`s Knee“ sieht der Radiologe wenig problematisch: „Das ist ein lokaler Überlastungsschaden am patellaren Knorpel, der vor allem Personen nach falschem Training betrifft sowie Personen mit unpassenden Laufschuhen“, erläutert Krampla. „Das tut zwar weh, hinterlässt aber bei rechtzeitigem Trainingsstopp keine Dauerschäden am Kniegelenk.“

Keine dauerhaften Schäden

Eine zweite, bereits 2001 publizierte Studie konnte aufzeigen, dass gut trainierte Läufer auch während eines Marathons keine Kniegelenkschäden entwickeln. In dieser Studie unterzogen sich acht Marathonläufer vor, unmittelbar nach und sechs bis acht Wochen nach dem Wiener City Marathon einer MRT der Kniegelenke. Bei sechs der Läufer zeigten sich keinerlei negative Effekte des Langstreckenlaufs. Ein Läufer wies Meniskusprobleme auf, die allerdings bereits vor dem Lauf bestanden hatten. Bei einem anderen Läufer zeigten sich minimale Signalveränderungen im Knochenmark, die allerdings reversibel waren. Selbstverständlich gehen Langstreckenläufer, die einen Marathon laufen, auch an ihre körperlichen Grenzen. Einer der Studienprobanden von Wolfgang Krampla drückt das so aus: „Der Marathon selbst ist vielleicht nicht gesund, die Vorbereitung darauf allerdings schon.“

Zwei Jahre Vorbereitung

Marathonlaufen schädigt das Kniegelenk also nicht auf Dauer. Die Voraussetzung dafür ist allerdings ein umfassendes und vor allem – über Jahre regelmäßig ausgeübtes Trainingsprogramm: „Innerhalb eines Jahres kann ein ungeübter Läufer sicher keine „Marathonreife“ erlangen“, zeigt sich Wolfgang Krampla überzeugt, der den Zeitraum für ein solches Trainingsprogramm mit wenigstens zwei Jahren ansetzt. Auch der richtige Schuh ist wichtig: „Gute Laufschuhe sind zwar verhältnismäßig teuer, aber für einen Langstreckenläufer unbedingt notwendig“, sagt Krampla. Mehr Ausrüstung sei nicht notwendig, wie der Radiologe angibt.

Doping im „Hobbysport“

Als „Extremsport“ sieht Wolfgang Krampla zwar den wettkampfmäßigen Marathonlauf, nicht aber das Langstreckenlaufen an sich. Für ihn beginnt „Extremsport“ dann, wenn Doping – egal in welcher Form – ins Spiel kommt: „Wenn man darüber nachzudenken beginnt, mit welchen Medikamenten etwa Schmerzen während des Laufens bekämpft werden können, hört der gesunde Sport auf.“ So sei etwa unter Hobbysportlern die Einnahme von Antiphlogistika, um Schmerzen zu betäuben, durchaus üblich, weiß der Radiologe. „Auch die Überwindung, trotz Schmerzen weiter zu laufen, halte ich für ungesund“, sagt Krampla.

Marathonlaufen eignet sich für jeden – soweit er gesund ist und keine bestehenden orthopädischen Probleme aufweist. Gerade für „ältere Semester“ ist der Langstreckenlauf eine besonders gut geeignete Sportart. „Ich würde keine Altersgrenze ziehen“, sagt Wolfgang Krampla: „Wenn es kein gesundheitliches Risiko gibt, kann man in jedem Alter laufen.“ Eine sportmedizinische Untersuchung zum Ausschluss von gravierenden Herz-Kreislauferkrankungen sollte vor Beginn des Trainingsprogramms allerdings durchgeführt werden. Die Notwendigkeit eines Besuches beim Orthopäden sieht Krampla bei Gesunden nicht.

Laufen schützt das Knie

Auch der Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie an der Medizinischen Universität Innsbruck, Univ.-Prof. Martin Krismer, stimmt den Aussagen Wolfgang Kramplas zu: „Ein normales Lauftraining, durchaus auch zur Vorbereitung auf einen Marathonlauf, schadet dem Kniegelenk nicht. Vielmehr“, so der Orthopäde „adaptiert sich der gesamte Körper, inklusive der Kniegelenke, an eine steigende Belastung.“ Einzig häufiges Laufen auf schrägen Böschungen neben der Strasse oder zu schnelle Leistungssteigerungen, die keine Anpassung an den gesteigerten Anspruch ermöglichen, können dem Kniegelenk auf lange Sicht gesehen schaden.

Nicht das Laufen, aber Sportarten, die dem Kniegelenk häufige Stoppbewegungen abverlangen, sind dagegen für Menschen mit bereits vorgeschädigten Kniegelenken, nicht zu empfehlen: „Wenn man Marathonlaufen mit Fußballspielen vergleicht, fällt dieser Vergleich in jedem Fall zu ungunsten des Fußballspielens aus“, formuliert Krismer pointiert.

Vieles deutet sogar darauf hin, dass das Laufen als Ausdauersportart betrieben vor Kniegelenksarthrose schützt: Zwar liegt bisher keine longitudinale Studie zur Prävention von Arthrose durch Ausdauersport vor, vieles deutet aber auf eine protektiven Faktor des Laufens oder Langlaufens auf das Kniegelenk hin: Die Gruppe Health Strategies for Europe, in der auch Martin Krismer mitgearbeitet hat, kam zum Ergebnis: „Trotz der fehlenden Evidenz empfehlen wir Ausdauersport zum Schutz vor Kniegelenksarthrose.“

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