Neue Diagnostik für Epilepsiepatienten

Neuverfahren hilft, Wechselwirkung zwischen Medikamenten aufzudecken.

In Deutschland ist ca. 1 Prozent der Bevölkerung von Epilepsie betroffen. Häufig noch Tabuthema stellt sich die Frage, wie effektiv Antiepileptika sind.

Epilepsie geht häufig mit Depressionen einher. Dabei kann die Stimmungsschwankung auf das Anfallsleiden folgen oder diesem auch vorausgehen. Viele Erkrankte ziehen sich mit ihren depressiven Verstimmungen allerdings lieber zurück als mit der Familie zu sprechen oder sich ärztlichen Rat zu holen. Wie wichtig aber das Erkennen einer Depression bei Epilepsie ist, zeigt jetzt ein neues Diagnoseverfahren, das Wechselwirkungen beider Krankheiten für die weitere Behandlung aufdecken soll.

Das ist um so wichtiger, da es in der Vergangenheit durch falsche Medikamentegabe häufig zu einer Verschlechterung des Krankheitsbildes kam. „Es gibt auch nicht nur die eine Epilepsie, sondern die verschiedenen Epilepsien“, sagt Prof. Stefan vom Epilepsiezentrum der neurologischen Klinik der Universität Erlangen. Mit seiner neuentwickelten Diagnostik will er jene emotionalen Aspekte berücksichtigen, über die beide Krankheiten sich gegenseitig beeinflussen.

Computertest der Gefühle

Ziel ist es, die kognitive Leistungsfähigkeit und die verschiedenen emotionalen Prozesse unter antiepileptischer Medikation zu erfassen. Über einen Computertest werden Aufgaben an den Patienten gestellt. Diese muss er bearbeiten, auf Bilder, aber auch Geräusche reagieren. Anders als bei üblichen Untersuchungen, ist der Patient nach einer Einweisung auf sich allein gestellt. Ohne Arzt oder Therapeut entsteht so eine anonyme Situation, mit der die Bereitschaft für einen psychologischen Test und dessen ehrliche Beantwortung erhöht werden soll.

Computerized Cognitive Testing in Epilepsy (CCTE) heißt das neue System. Es erfasst die Veränderung von Gedächtnisleistungen wie Merken, Erinnern, Orientieren und vieles mehr. Wer bereits auf ein Medikament eingestellt ist, kann außerdem telemedizinisch betreut werden. Die Diagnostik ist mit einem Touchscreen ausgestattet. So können auch ältere Patienten der Bildschirmpräsentation folgen und die gestellten Aufgaben über Berührung des Bildschirms lösen. Ausgeschlossen ist dabei nicht der mögliche Stressor einer Testsituation, jedoch ist die Gefahr, dass ein Patient das Untersuchungsverfahren nicht versteht, sehr gering.

„Zweigleisig diagnostizieren und effektiv behandeln.“

Zwischen Epilepsien und einer Beeinträchtigung der psychischen Verfassung bis hin zur Depression, herrscht laut Neurologen Stefan ein sehr komplexes Regelkreissystem. So haben die verschiedenen Epilepsieformen eine unterschiedlich hohe Tendenz, mit Depressionen einherzugehen. Soll die Therapie erfolgreich verlaufen, muss genau das berücksichtigt werden. „In der Vergangenheit wurde die emotionale Befindlichkeit bei der Diagnostik und Therapie nicht berücksichtigt, woraus auch eine Medikamentengabe resultieren konnte, die für den Patienten eine Verschlechterung seines Zustandes bedeutete.“, so Stefan. „Wir können jetzt zweigleisig diagnostizieren und effektiver behandeln.“

Komplexe Simulation kognitiver Fähigkeiten

Alle mentalen Prozesse werden veränderungssensitiv im CCTE festgehalten. Dies bedeutet, dass beispielsweise nachvollzogen wird, wie schnell ein Patient bestimmte Informationen verarbeiten kann. Eine Leistung, die in verschiedenen Zeitabständen überprüft wird. Damit wird klar, wie sich unter Medikamentengabe das Reagieren auf eine Information womöglich verlangsamt oder beschleunigt. Wie aufmerksam und konzentriert Übungen ausgeführt werden, ist ebenfalls Gegenstand des Computertests. Dazu kommen Übungen zu räumlichem Vorstellungsvermögen, Imagination und Kreativität sowie Sehen, Hören, Reagieren. Ein Menü führt den Patienten von einer Aufgabe zur nächsten. Insgesamt wird die Arbeit des Gedächtnisses, aber auch der so genannte affektiv-emotionale Zustand, also die Gemütsverfassung, abgebildet. Nach Testende steht eine automatisierte Auswertung mit alters- und geschlechtsspezifischen Normwerten für die weitere Behandlung zur Verfügung.

Komorbiditätstherapie

Fast eine Art Computerspiel also, das auf sanfte Art helfen soll, in der Vergangenheit unberücksichtigte Gemütszustände festzuhalten. So soll vermieden werden, dass Depressionen und depressive Zustände übersehen werden. Deren Berücksichtigung ist nicht nur für die Auswahl des richtigen Medikamentes, sondern auch für die Dosierung relevant. Professor Stefan sieht insbesondere hinsichtlich der Komorbiditätstherapie, also der gemeinsamen Behandlung von Krampfleiden einerseits und Depressionen andererseits, einen günstigeren Ansatz als bisher: „In Einzelfällen kann z. B. auf ein Antikonvulsiva verzichtet und lediglich ein Antidepressiva verabreicht werden, das die Anfallsneigung ebenfalls unterdrückt. Wir können jetzt herausfinden, welche antiepileptische Medikation geeignet ist und welche nicht.“

Ebenso könnte bei den Psychopharmaka die Notwendigkeit einer Alternative zu den so genannten trizyklischen Präparaten ermittelt werden. Diese hemmen die Wiederaufnahme von Botenstoffen in die Nervenzellen des Gehirns. So stehen mehr Botenstoffe zur Verfügung, die den für Depressionen typischen relativen Mangel ausgleichen sollen. Doch sie enthalten bestimmte Substanzen, die eine Anfallsneigung fördern können. Die neue Diagnostik bietet somit wichtige Hinweise dafür, negative Wechselwirkungen bei der Medikamentenauswahl durch den Arzt zu vermeiden bzw. verstärkende Effekte für beide Erkrankungen auszunutzen. Auch in die verhaltenstherapeutische Arbeit mit dem Patienten fließen die Erkenntnisse aus dem CCTE mit ein.

Steigende Zahl an Altersepilepsien

Dass Stimmungen und Gedächtnisleistungen in der Behandlung von Epilepsiepatienten berücksichtigt werden, hält Stefan auch in demographischer Hinsicht für maßgeblich. Da jenseits der 6. Lebensdekade die Neuerkrankungen kontinuierlich zunehmen, ist ein entsprechender Zuwachs an Altersepilepsien bis zum Jahr 2030 zu erwarten. Darüber hinaus sei die aktuelle Entwicklung auch bei den so genannten Gelegenheitsanfällen von Bedeutung. 5 Millionen Menschen sind ein Mal im Leben von einem einmaligen Krampfanfalll betroffen, der altersunabhängig jeden treffen kann.

Die Auslöser sind vielfältig: Störung des neuronalen Netzwerkes, Schlafmangel, Fieber können ebenso Ursache sein, wie Alkohol, Stress oder Depressionen. Unter Umständen resultieren also über das reine Messen von Hirnströmen unauffällige Befunde, weil die Krankheitsursache womöglich auf der psychologischen Ebene liegt. Eine erweiterte Diagnostik rund um psychologische Komponenten, wie sie im CCTE zusammengetragen werden, kann somit wertvolle Hinweise auf Krankheitsauslöser und für die sich anschließende Behandlung geben.

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