Orakel – der Blick in die Zukunft

Die Sehnsucht der Menschen, einen Blick in die Zukunft zu werfen, war und ist zu allen Zeiten und in allen Kulturen präsent.

Schon immer sah sich der Mensch als Teil eines Großen und Ganzen, welches durch die Götter oder (in monotheistischen Religionen) durch Gott bestimmt wurde. Der Lebensweg des Einzelnen, ganzer Völker oder sogar die ganze Welt unterliegt danach einem göttlichen Masterplan. Einen Blick auf diesen Plan zu werfen, war zu allen Zeiten ein ehrgeiziges Ziel, um auf Grund des so erlangten Wissens dem vorgesehenen Schicksal durch entsprechendes Handeln begegnen und ggfls. einen anderen Verlauf geben zu können – eigentlich ein Widerspruch in sich.

Wahrsagen in der Antike

Den göttlichen Willen zu erkunden, lag in der Antike in den Händen der Priester, welche sich zu diesem Zweck zahlreicher Praktiken und Hilfsmittel bedienten, hierbei in erster Linie der Orakel. Betrachtungen des Vogelfluges, der Eingeweide von Opfertieren, meteorologischer Erscheinungen oder der Konstellation der Gestirne (Horoskope) dienten als Grundlage für ihre Prophezeiungen. Verborgene Zusammenhänge versuchte man mit Hilfe von Traumdeutungen oder Visionen durch Ekstase (Mantik oder Divination) auf den Grund zu gehen.

Orakelstätten

Fest in der griechischen Mythologie verankert waren lange Zeit heilige, bestimmten Göttern zugeordnete Stätten oder Wohnsitze von Wahrsagern und Sibyllen. Dodona, Olympia, Didyma und Delphi waren jahrhundertelang Heimat der Sehergeschlechter der Iamiden und Klytiaden. Am bekanntesten war die Pythia von Delphi, deren nebulöse Weissagungen der Auslegung von Priestern bedurften. Durch griechische Kolonisierung anderer Mittelmeerländer verbreitete sich dieser Kult über Griechenlands Grenzen hinaus, z. B. das Sibyllenorakel in Cumae (Kyme) im Golf von Neapel. Sowohl Delphi als auch Kyme, beide dem Gott Apollon geweihte Orte, liegen in erdbebenreichen Gebieten, woraus sich ein Grund für stetige und intensive Mythisierung jahrhundertealter Traditionen herleiten lässt.

Alles nur Hokuspokus?

Obwohl das Wahrsagen in aufgeklärten Zeitaltern als Aberglaube und Hokuspokus kritisiert wurde, hat sich die Praxis der Zukunftsdeutung bis in unser weitaus rationaleres, von Naturwissenschaften und Technik beherrschtes Leben erhalten. Weise Frauen, Hexen und Wahrsagerinnen nutzten und nutzen gewerbsmäßig die Lebensangst, Wundersucht und Naivität von Menschen in unklaren Lebenssituationen aus. Oft kamen Hilfsmittel wie Kartenlesen (Tarot), Pendeln oder das Lesen aus dem Kaffeesatz zum Einsatz. Sensitiv Begabte nutzen hypnotische oder telepathische Tätigkeiten, um ihr Klientel auszuhorchen und so glaubhafte Auskünfte erteilen zu können. Das Lesen aus der Hand (Chirologie) und die Deutung der Sterne (Astrologie) gehen von festen Deutungsregeln aus und gelten deshalb als besonders objektiv.

Orakelpflanzen

Im Volksglauben wurden Pflanzen nicht nur heilende, sondern auch mystische Fähigkeiten nachgesagt. So glaubte man an apotropäische Pflanzen, welche Dämonen, Hexen und Teufel bannen sollten. Zauberpflanzen sollten den Menschen Kraft, Gesundheit, Reichtum und Liebeszauber bescheren. Um einen Blick in die Zukunft zu werfen, bediente man sich einiger Pflanzen als Orakel. Sie waren für jedermann leicht und überdies gratis erhältlich. „Er liebt mich, er liebt mich nicht …“, mit dieser Frage ging das Auszupfen der Blütenblätter von Gänseblümchen und Margeriten einher. Löwenzahn Pusteblume gaben neben der Anzahl der Kuckucksrufe Auskunft darüber, wie lange ein Mensch noch zu leben hatte, oder eine nicht aufgegangene Petersiliensaat kündete den baldigen Tod des Gärtners an. Getrocknete Kräuter, welche an bestimmten Tagen, z. B. an Johanni (24.06.), dem Thomastag (21.12.) oder Silvester (31.12.) unter das Kopfkissen junger Frauen gelegt, ließen im Traum den zukünftigen Bräutigam sichtbar werden.

Silvesterbrauch

Ein uralter Brauch am letzten Tag des Jahres ist das Bleigießen. Aus dem geschmolzenen und in kaltem Wasser erstarrten Blei soll aus den dabei entstandenen Figuren eine Aussage für das kommende Jahr erstellt werden. Diesem Spiel wird wohl niemand eine Bedeutung zumessen. Was auf jegliche Orakel, Wahr- oder Weissagungen zutreffen dürfte.

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