Schizophrenie: Theorie und Geschichte

Umgangssprachlich bezeichnet man andere manchmal als schizophren. Doch die wenigsten scheinen zu wissen, dass Schizophrenie eine Krankheit ist.

Immer wieder begegnet uns in der Welt das Wort schizophren oder kurz Schizo. Sowohl die Medien als auch die Bevölkerung scheinen mit diesen Begriffen mittlerweile fast inflationär umzugehen. Und dadurch erhält man den Eindruck, dass die wenigsten noch wissen, was Schizophrenie eigentlich ist.

Wie der Begriff Schizophrenie entstand

Der Psychiater Eugen Bleuler führte den Begriff 1911 ein, nachdem er sich lange mit dem Phänomen beschäftigt hatte, welches bisher als frühzeitige Verblödung bezeichnet wurde. Bleuler kam zu der Erkenntnis, dass dieser Ausdruck dem Krankheitsbild nicht gerecht wurde. Vielmehr veränderte er den Fokus darauf, dass die Krankheit das Denken, Fühlen und Wollen des Patienten sozusagen zersplittert. Aus Bleulers Sicht war die Schizophrenie also keine Verblödung des Patienten, sondern eine krankhafte Form der seelischen Zerrissenheit. Deshalb leitet sich der von ihm eingeführte Begriff wohl auch vom griechischen schizo (gespalten) und phrein (Seele) ab. Somit ließ Bleuler dieser Erkrankung eine umfassendere und seriösere Bedeutung zukommen als es zuvor der Fall war. Die Schizophrenie wurde zu einem umfassenden Krankheitsbild, welches psychiatrisch behandelt werden muss.

Schizophrenie in den Medien

Von dem reinen Krankheitsbegriff scheint sich der Ausdruck Schizophrenie mittlerweile meilenweit entfernt zu haben. Wie sonst ließe sich erklären, dass dieses Wort immer häufiger in den Medien finden lässt? Die Baseler Psychiaterin Ulrike Hoffmann-Richter beschäftigte sich intensiv mit diesem Phänomen. Sie durchsuchte ein Jahr lang sechs deutschsprachige Zeitungen nach dem Wortstamm schizo. Dabei wurde sie über 430 Mal fündig. Doch nur ein Drittel der Artikel, in denen dieser Wortstamm auftauchte, beschäftigte sich mit dem Krankheitsbild Schizophrenie. Die restlichen Artikel benutzten das Wort als abwertende Metapher für Widersprüchlichkeiten oder Persönlichkeitsmerkmale. Dabei war deutlich, dass man hier durch die Verwendung des Begriffes für Aufmerksamkeit sorgen wollte. Aber mit der eigentlichen Bedeutung der Schizophrenie hatte das nichts mehr zu tun. Schauspieler bezeichneten die Situationen zum Beispiel als schizophren, in denen sie zwischen ihrer privaten und öffentlichen Rolle hin- und her wechseln mussten. Politiker hingegen bezeichneten die Opposition immer wieder als schizophren, da ihre Haltung undeutlich sei.

Schizophrenie als Alltagsbegriff

In der Bevölkerung ist Schizophrenie oder kurz Schizo auch in aller Munde und wird teilweise völlig losgelöst von der psychiatrischen Grundlage verwendet. Schizophrenie wird nicht mehr als Krankheit verstanden, sondern als eine Art alternative Persönlichkeit. Wer schizophren ist, hebt sich von der Masse ab und ist individuell. Dadurch wird der Wunsch, etwas Besonderes zu sein, befriedigt. Bei manchen Äußerungen gewinnt man sogar den Eindruck, Schizophrenie sei ein erstrebenswerter Zustand.

Andererseits wird die Schizophrenie fast inflationär als Vokabel zur Hilfe genommen, wenn es darum geht, das Verhalten anderer zu erklären oder zu beurteilen: Die Lehrer sind schizophren, weil sie jeden Schüler anders behandeln. Die Eltern von heute sind Schizo-Eltern, weil sie zwischen Kind und Karriere hin und her springen müssen. Jeder scheint als schizophren oder schizo bezeichnet werden zu können. Und dabei wird offensichtlich, dass den meisten Benutzern gar nicht klar ist, was diese Worte bedeuten. Schizophrenie hat für sie nichts mehr mit einer psychischen Krankheit zu tun, sondern mit einem Verhalten, welches scheinbar jede Berufs-, jede Bevölkerungsgruppe oder eigentlich jeder Mensch im Lauf seines Lebens mal an den Tag legt.

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