Sexuelle Übergriffe vermeiden

In den wenigsten Fällen ist es so, dass ein Triebtäter sein Opfer rein zufällig auswählt und dieses unter einer Verkettung unglücklicher Umstände zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist. In über 90 Prozent der Fälle kannten sich Täter und sein späteres Opfer vorher, und sei es nur vom Sehen. Häufig lernen sich Täter und Opfer auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit kennen, beispielsweise auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, wobei die Umstände, die zur späteren Tat führen, an sich harmlos erscheinen.

Mögliche Bedingungen im Vorfeld einer Sexualstraftat

Oft dauert es Wochen oder gar Monate, bis der Täter in einem für ihn geeigneten Moment zuschlägt. Der Anfang dieser verhängnisvollen „Beziehung“ zwischen Täter und Opfer ist meist harmlos. Beispielsweise muss eine Frau jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit an einer Dauerbaustelle vorbei und erregt aus irgendeinem Grund die Aufmerksamkeit des späteren Täters oder sie stellt sich per Zufall häufiger in der Straßenbahn neben ihn, ohne sich irgendetwas dabei zu denken.

Häufig wird sowohl Opfern von Stalking als auch von Sexualstraftaten mehr oder weniger offen eine Mitschuld an dem suggeriert, was passiert ist. Selbst das engste Umfeld stellt sich in einer solchen Situation häufig die Frage, ob das Opfer den Täter nicht in irgendeiner Form provoziert hat – sei es durch aufreizende Kleidung, Anlächeln, kurze Gespräche, die Erwiderung einer Begrüßung et cetera. Abgesehen davon, dass all diese Aspekte keine Entschuldigung für sexuelle Übergriffe oder Stalking aller Art sind, ist es sehr häufig der Fall, dass keins der genannten Kriterien zutrifft und der Täter sich aus allen möglichen Gründen ausgerechnet die betroffene Frau als späteres Opfer auswählt. Die Gründe hierfür sind genauso vielfältig wie die Täter selbst.

Die Struktur und Denkweise der Täter

Es würde den Rahmen sprengen, alle möglichen intrapsychischen Konstellationen eines Stalkers oder Sexualstraftäters zu beleuchten, deshalb werden ausschließlich beispielhaft einige Aspekte aufgegriffen, die einen Mann – der nicht unbedingt bereits polizeibekannt sein muss wegen sexueller Übergriffe oder Stalkings – zum Stalker oder Vergewaltiger werden lassen.

  • An dem Zitat von Dr. Hannibal Lecter alias Anthony Hopkins in dem Psychothriller „Das Schweigen der Lämmer“ ist durchaus einiges dran: „Suchen wir uns Dinge zum begehren aus? Nein, wir begehren das, was wir sehen – jeden Tag.“ Mit anderen Worten: Der Täter fühlt sich aus etwaigen Gründen von dem Typus einer Frau angesprochen, die er jeden Tag auf der Straße oder in der Bahn sieht.
  • Gerade wenn junge Mädchen zwischen 13 und 20 in das Visier eines Stalkers oder potentiellen Triebtäters geraten, suchen sich solche Männer vielfach Mädchen aus, die einen schüchternen, eventuell auch einzelgängerischen Eindruck machen – auch wenn dies eigentlich nicht zutrifft. Auch wenn ein Teenager alleine zur Schule fährt, sagt dies noch nichts über die Größe und Stabilität ihres Freundeskreises aus. Eventuell wohnen ihre Freunde in anderen Stadtteilen und fahren deshalb nicht gemeinsam mit ihr in der Bahn.
  • Stalking und Sexualstraftaten haben aus Sicht des Täters immer etwas mit Macht und Kontrolle zu tun. Macht und Kontrolle sind für ihn die primären Ziele, der eventuelle spätere sexuelle Übergriff bis hin zur vollendeten Vergewaltigung ist an sich – so grausam es klingt – für den Täter eher reine Nebensache.

Die hohe Dunkelzifferproblematik bei Sexualstraftaten

Nicht alle sexuellen Übergriffe werden zur Anzeige gebracht, wobei die Gründe hierfür sehr vielfältig sein können – Scham der Opfer und/oder ihrer Familien (insbesondere, wenn der Täter aus dem Bekannten- oder Kollegenkreis stammt), der Täter begeht seine Verbrechen in Kreisen, in denen das Anzeigeverhalten der Opfer meist gegen Null tendiert (zum Beispiel auf dem Drogen- oder Kinderstrich) und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass nicht alle Vergewaltiger bereits mindestens einmal wegen eines Sexualdelikts in den Polizeiakten geführt werden. Oft stammen die Täter sogar aus „gutbürgerlichen“ Kreisen, in denen vielfach gar keine kriminellen Energien in der Hinsicht vermutet werden.

Wie können Sexualstraftaten im Vorfeld verhindert werden?

Abgesehen von den sehr globalen Regeln, dass keine Frau einen ihr unbekannten Mann direkt am ersten Abend mit in ihre Wohnung nehmen sollte und sich nicht zu später Stunde alleine in Parks, Wäldern oder abgeschiedenen Gegenden aufhalten sollte, ist es umso wichtiger, dem eigenen Instinkt zu vertrauen. Wenn eine Frau das Gefühl hat, dass ein täglicher Mitfahrer in der U-Bahn oder ein Bauarbeiter an der Straße, die sie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit überqueren muss, besonders aufdringlich ansieht, sollte sie diesem Gefühl auch vertrauen. Dies gilt analog auch für Kinder und Teenager.

Wichtig ist, sich jemandem anzuvertrauen, wenn man das Gefühl hat, von einem Mann besonders aufdringlich beäugt und taxiert oder gar verfolgt zu werden – dabei ist es unerheblich, ob es die Eltern, Geschwister, gute Freunde, Kollegen oder der Partner sind. Im nächsten Schritt sollte die Vertrauensperson dann Flagge zeigen und gemeinsam mit ihrer Freundin, Tochter und so weiter zur Haltestelle oder zu der Stelle gehen, wo der potentielle Täter für gewöhnlich auf sie wartet. Die Frau, die in das Visier des Mannes geraten ist, sollte ihrer Begleitung ganz deutlich zeigen, wer der Mann ist, von dem sie sich bedrängt fühlt. Wenn derjenige wirklich fiese Hintergedanken hat, wird es abschreckend auf ihn wirken, wenn er mitbekommt, dass auch andere von seiner Existenz wissen. Ihm wird dann klar, dass er als Erster der Tat verdächtigt würde, wenn der Frau, die er sich ausgesucht hat, tatsächlich etwas zustößt.

Den Aussagen einer Frau Glauben schenken

Grundfalsch ist es, den Berichten einer Frau, die sich von einem Mann verfolgt oder bedrängt fühlt, pauschal keinen Glauben zu schenken und ihre Schilderungen mit pauschalen Äußerungen wie „Ach, das bildest du dir nur ein – Bauarbeiter gucken doch alle Frauen hinterher!“ oder „Du fühlst dich ja auch von jedem angemacht.“ abzutun. Stattdessen sollte sich die Vertrauensperson, wie zuvor beschrieben, selbst ein Bild von der Situation machen.

Leider ist es in der Vergangenheit häufig vorgekommen, dass das spätere Opfer zwar im Familien- oder Freundeskreis Andeutungen gemacht haben hinsichtlich eines Mannes, der sie bedrängt oder verfolgt, die Familie oder Freunde den Aussagen jedoch keinen Glauben geschenkt haben. Umso bestürzender war es jedoch in der Folge, wenn die Frau wenig später zum Opfer eben jenes Mannes geworden ist, bei dem sie rein instinktiv schon ein ungutes Gefühl hatte.

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