Soll und darf der Arzt auf Alzheimer-Gen im Körper hinweisen?

Dank neuer Methoden lässt sich eine spätere Alzheimer-Erkrankung sehr frühzeitig feststellen. Das ethische Dilemma dabei: Sagt man’s dem Patienten?

Es gibt inzwischen sehr zuverlässige medizinische Untersuchungen und Analysen, die andeuten, dass ein entsprechend getesteter Patient in seinem späteren Leben einmal an noch immer unheilbaren Alzheimer-Symptomen leiden wird. Zu mehreren neuen Techniken, die eine derartige Prognose erlauben, gehört auch die Frage, ob der Patient über das Risiko-Gen APOe4 verfügt. Ist das der Fall, kann Alzheimer im weiteren Verlauf des Lebens kaum ausgeschlossen werden. Womit sich eine sehr vielschichtige Frage stellt, durch die auch die Ethik gefordert wird: Soll und darf der Arzt den Patienten auf die ihn bedrohende Krankheit aufmerksam machen? Zweifellos: Jeder Arzt steht in solchem Falle vor einem moralischen Dilemma.

Erbgut der Mütter und Großmütter

In den USA ist eine von mehreren Universitäten initiierte Studie im Gange, die sich mit diesem gesamten Komplex – von der medizinische Analyse bis hin zu ethischen Problemen – befasst. Hunderte Patienten im Alter zwischen 55 und 90 Jahren nehmen freiwillig an diesem gigantischen Unterfangen teil. Zu den involvierten Universitätsexperten gehört Dr. Mony de Leon von der New York University. Er ist aufgrund seiner Patientenstudien zu der Überzeugung gekommen, dass Alzheimer und verwandte Demenzia, Geistesschwächen also, durchaus auch vererbbar sind. Dabei spielen die weiblichen Familienmitglieder eine herausragende Rolle: Hatte ein Mutter Alzheimer, sind deren Kinder bedroht, trifft das auch noch auf vorangegangene Generationen zu, Großmutter und Urgroßmutter, steigt die Gefahr der Vererbung beträchtlich.

Das Alzheimer-Gen APOe4

Die „New York Times“, die sich ausführlich mit der andauernden Studie (Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative) auseinandersetzte, nennt nach Interviews mit einigen der beteiligten Neurologen erste Ergebnisse. Die erste Überraschung: Etwa ein Viertel der beteiligten Patienten wollte den Gentest haben, der am ehesten auf eine zukünftige Alzheimer-Erkrankung schließen lässt. „Wir hatten einen sehr viel geringeren Prozentsatz erwartet“, meint dazu einer der beteiligten Wissenschaftler – Dr. Green –, und er erläutert das mit den Worten: „Alzheimer ist schließlich eine furchterregende Krankheit, es gibt kaum eine schrecklichere – und trotzdem wollten die Leute den entsprechenden Gentest“. Nachdem den Test-Personen mitgeteilt wurde, ob sie durch das Alzheimer-auslösende Gen – APOe4 – bedroht sind oder nicht, wurden sie psychologisch untersucht – ob im Falle der Alzheimer-Gefährdung Depression zu erwarten sei oder gar Selbstmordgedanken aufkommen würden. Nichts dergleichen ergab sich.

Betroffene widmen sich häufig mehr geistigen und körperlichen Aktivitäten

Eine Variante zwischen beiden Test-Gruppen erscheint besonders interessant: Jene Personen, die von APOe4 bedroht sind, waren schneller dabei, längerfristige Vorsorgeversicherungen abzuschließen, sie drängten sich außerdem geradezu nach Sport, zu körperlichen Übungen, und sie begannen schnell mit der Einnahme von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln – obwohl es keine wissenschaftlichen Hinweise darauf gibt, dass damit Alzheimer vermieden werden kann. Der 83-jährige Robert Stuart-Vail, bei dem das gefährliche Gen entdeckt wurde, hat sich mit seinem Schicksal abgefunden: „Ich habe eben die schlechteren Karten“ – aber er gibt die Hoffnung nicht auf: Er will sich verstärkt geistigen und körperlichen Aktivitäten widmen, um den Ausbruch der Krankheit hinaus zu zögern. Bei dem Radioastronomen Alan Whitney (66) wurde das gefährliche Gen nicht gefunden. „Hätte ich es“, sagt er nach Erhalt der günstigen Nachricht, „wäre ich sofort in den Ruhestand und auf Reisen gegangen“.

„Zur Medizin gehört auch die Information“

Amerikas Mediziner, auch die an der Studie beteiligten, sind sich uneins, wenn sie die Frage beantworten sollen: Soll und darf der Arzt dem Patienten die erkannte Alzheimer-Gefahr nennen? Der Neurologe Dr. de Leon, der vom Ethikausschuss seiner Universitätsklinik zu strenger Zurückhaltung verpflichtet wurde, kommt dem nicht völlig überzeugt nach: Immer mehr Patienten wollen voll informiert sei, stellt er fest, „über kurz oder lang müssen wir dem nachgeben“. Dr. Lawrence Honig von der Columbia University will „ehrlich sein“, wenn er selbst von den Tests „völlig überzeugt ist“ – aber auch dann bevorzugt er einen Konjunktiv: Es könnte der Fall werden. Anders denkt der Neurologe Dr. Green: „Zur Medizin gehört auch die Information“.

Es gibt also unter US-Medizinern keine einheitliche, schon gar keine vorherrschende Meinung, wie angesichts der neuen Diagnosetechniken für Alzheimer-Erkrankungen dem Patienten gegenüber reagiert werden soll. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Sachlage entwickelt – auch in Europa, natürlich. Denn auch hier werden die neuen Diagnosemethoden angewandt, die neueste MRI (Kernspinnresonanztomographie), spinale Muskelatrophie und die Gentests.

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