Sprache und Kultur

Mitmachen bei der Magellan-Studie. Wissenschaftler erforschen den Einfluss von Kultur auf die Emotionen.

Jeder Mensch fühlt. Aber kommt das, was er fühlt, von seinem biologischen Erbe oder von seiner Kultur, in der er aufgewachsen ist? Inwiefern bestimmt Kultur die Art und Weise, wie ein Mensch seine Gefühle mitteilt? Fragen wie diese werden von Wissenschaftlern kontrovers diskutiert.

Charles Darwin und Paul Ekman

Im 19. Jahrhunndert war der Evolutionsforscher Charles Darwin fest davon überzeugt, dass die fast alle Emotionen angeboren und erblich seien. 100 Jahre später ging der US-amerikanische Psychologe Paul Ekman nur noch von menschlichen Grundgefühlen aus, deren Ausdruck in allen Kulturen gleich sei.

Modell zur Entstehung von Emotionen

In ihrem Modell zur Entstehung von menschlichen Emotionen gehen Prof. Albert Newen und Alexandra Zink von der Ruhr Universität Bochum von vier kultur-unabhängigen Basis-Gefühlen aus: Angst, Freude, Ärger und Trauer. Diese Gefühle werden unter anderem durch den Gesichtsausdruck kommuniziert und verstanden – und zwar unabhängig von der Kultur.

Über die Basis-Emotiionen hinanus gibt es nach dem Modell von Newen und Zink die sogenannten komplexen Emotionen: Sie basieren auf den Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben gemacht hat, und auf seinen daraus resultierenden Überzeugungen von sich selbst und der Welt. Komplexe Emotionen spiegeln daher Grundstimmungen wider und repräsentieren das Selbstkonzept des Menschen: verinnerliche Normen und Werte, Hoffnungen und Erwartungen an die Zukunft. Solche Gefühle müssen eng mit Kultur verbunden sein, denn Kultur prägt wesentlich die Erfahrungen eines Individuums. Prof. Newen und Alexandra Zink nennen Scham und Stolz als Beispiele für komplexe Gefühle: Für Menschen in westlichen und in asiatischen Kulturen haben demnach Scham und Stolz einen völlig unterschiedlichen Stellenwert und werden auch verschieden erlebt.

Sprache schafft Emotionen

Bei der Entstehung und Vermittlung von Gefühlen nimmt die Sprache einen zentralen Stellenwert ein: Begriffe wie Treue, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit stehen für Werte, nach denen ein Mensch sein Leben ausrichtet. Darum rufen solche Begriffe bei unterschiedliche Gefühle hervor – je nachdem, was die eigenen Werte sind.

Bisher spielte in der Emotionsforschung die Sprache nur eine untergeordnete Rolle – umgekehrt wurden in den Sprachtheorien die Emotionen kaum berührt. Eine neue Cluster-Studie der Freien Universität Berlin will diesen Bogen nun spannen – in 20 verschieden Fachgebieten: von A wie Anthropologie bis T wie Theaterwissenschaft. .

Triebfeder für menschliche Entwicklung

Die Grundannahme bei der Cluster-Studie ist, dass die Triebfeder für menschliche Entwicklung und Kultur in der Fähigkeit des Menschen zur Symbolisierung, also zur Sprache, liegt. Da Sprache der Verständigung von Mensch zu Mensch dient und menschliche Beziehungen immer emotional sind, lautet eine weitere Grundannahme: Das menschliche Gefühlsverhalten ist nur in Verbindung mit Sprache zu verstehen.

Das Magellan-Projekt

Teil der Cluster-Studie ist das Magellan-Projekt der Humboldt Universität Berlin und der Indiana-University (USA). Wie kann es sein, dass zum Beispiel Deutsche und US-Amerikaner zwar dasselbe sagen, aber dennoch unterschiedliche Dinge meinen? Fragen wie diese stehen im Zentrum des Magellan-Projekts, das die Verbindung von Sprache, Kultur und Gefühlen untersucht. Neben der europäischen und nordamerikanischen Kultur stehen die arabische, japanische und afrikanische Kultur im Zentrum der Forschung.

Gefühlslexikon

An der Magellan-Studie, benannt nach dem berühmten Weltumsegler des 15. Jahrhunderts, kann sich jeder im Internet beteiligen: Die Teilnehmer beantworten 60 Fragen, bei denen sie einen jeweilige Aussage gefühlsmäßig einordnen. Die Studie ist anonym. Die Teilnehmer bekommen am Ende die Ergebnisse der Studie und nehmen an einer Verlosung mit Preisgeld teil. In etwa eineinhalb Jahren soll ein Gefühlslexikon herauskommen: Ein Wörterbuch, das die häufigsten Gefühlsreaktiionen auf die genannten Wörter auflistet. In Japan, Kanada und den USA gibt es bereits ein solches Gefühlslexikon.

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