Sturzprophylaxe für Senioren – psychische Faktoren

Neben der körperlichen Fitness der Senioren spielen auch angemessene kognitive Einstellungen und Erwartungen eine Rolle in der Sturzverhinderung.

Stürze von Senioren sollten wegen der oft weitreichenden Auswirkungen möglichst verhindert werden. Die Möglichkeit und Notwendigkeit eines körperlichen Trainings, die seniorengerechte Gestaltung des Umfeldes oder der angepasste Alltag werden in solchen Zusammenhängen relativ schnell genannt, da es nahe liegende Komponenten der Sturzvermeidung sind. Darüber hinaus sind aber auch individuelle psychische Faktoren der Senioren eine wichtiges Gebiet in der Sturzprophylaxe. Da gibt es Erwartungen, Einstellungen und Ängste, die manchmal das sichere Gehen verhindern, auch wenn es körperlich oder räumlich möglich wäre. Erkennt man diese Faktoren nicht oder kann nicht angemessen darauf reagieren, werden alle anderen, vielleicht durchaus gut gemeinten, Hilfen keinen Erfolg haben. Daher ist es ratsam, zu wissen, welche Erfahrungen und Ängste die Betroffenen haben, was sie zum Thema Stürzen befürchten und denken.

Realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit bei überschätzenden Gedanken

Durchaus nicht seniorenspezifisch ist die menschliche Schwierigkeit, die eigene Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen, die eigenen Grenzen zu kennen und auch zu respektieren. Bei Senioren ist sicherlich eher nicht der Übermut verantwortlich für Überschätzungen. Ganz im Gegenteil – ältere Menschen haben oft einen reichen Schatz an Lebenserfahrung. Aber die Einschränkungen des Alters in der Wahrnehmung, die Nebenwirkungen von Medikamenten, der Elastizitätsverlust des Bewegungsapparates und die veränderten kognitiven Funktionen treten oft recht unbemerkt auf. Meist können sie lange kompensiert werden und fallen so in einer sich nicht ändernden Umwelt kaum auf. Gibt es dann ungewohnte Hindernisse zu überwinden, wird oft nach dem Motto „das ging doch früher auch“ verfahren und das kann ungewollte Folgen haben.

Daher ist es hilfreich, den Senioren immer wieder möglichst breite Erfahrungsräume zu bieten, in denen sie ihre derzeitigen körperlichen Leistungsgrenzen gefahrlos austesten können. Das kann zum Beispiel in Angeboten für Senioren im Bewegungsbad geschehen. Darüber hinaus ist die Aufklärung der älteren Menschen über die alterstypischen Einschränkungen wichtig und das Einüben einer möglichst wertfreien realistischen Einschätzung dazu. Da viele Menschen Leistungseinbußen als kränkend empfinden und noch mehr das Ansprechen derselben, ist Fingerspitzengefühl in der Vermittlung gefragt.

Realistische Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit bei hindernden Gedanken

Der gegenteilige Effekt kann auch eintreten. Aufgrund von Sturzerfahrung oder dem Erleben des Scheiterns von Bewegungsabläufen bauen sich manche Menschen ein Erwartungssystem auf, das die eigenständige Fortbewegung verhindert. Auch die Angst vor dem Boden, die nicht als Angst erkannt, sondern als wahr angesehen wird, kann bewegungsverhindernd wirken. Glaubenssätze wie „das kann ich ja doch nicht“, „wenn ich hinfalle, breche ich mir mit Sicherheit was“, „wenn ich stürze, wird mir keiner helfen“ sind nicht unbedingt realistisch, aber als verankerte Befürchtung im Kopf sehr wirkungsvoll.

Auch hier gilt es, älteren Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren Spielraum zu erweitern und diese Befürchtungen in der Realität zu überprüfen. Dies sollte in möglichst gefahrlosem Raum in niedrigschwelligen Angeboten wie zum Beispiel einer Hockergymnastikgruppe stattfinden. Es ist hilfreich, die formulierten Ängste und Befürchtungen immer ernst zu nehmen, eine gemeinsame Realitätsüberprüfung zu absolvieren und geduldig in der Erkenntnis zu unterstützen, dass Erwartungen erst mal nichts anderes als Erwartungen sind und im eigenen Kopf entstehen. Kognitive Umstrukturierungen brauchen manchmal etwas Zeit, sind aber bei genügend Motivation und ausreichend kognitiver Funktion gut möglich.

Selbstwirksamkeit erfahren und verankern

Erlebter oder gefühlter Hilflosigkeit setzt man am ehesten die Erfahrung der Selbstwirksamkeit entgegen. Dies gilt nicht nur für Senioren, aber für diese eben auch. Selbstwirksamkeit bedeutet, überzeugt davon zu sein, Fähigkeiten zu haben, die es einem ermöglichen, bestimmte Dinge schaffen oder erlernen zu können. Diese Überzeugung wirkt sich natürlich aus – denken, fühlen, handeln werden davon bestimmt, sich selbst zu motivieren fällt dem selbstwirksamen Menschen sehr viel leichter. Da bei hoher Selbstwirksamkeit auch die gestellten Ziele realistischer ausgewählt werden, erfahren diese Menschen in der Regel große Bestätigung in dem, was sie tun, die eigene Selbstwirksamkeit verankert sich noch weiter. Man kann diese Fähigkeit erlernen, indem man in individuell angepassten Schritten Ziele konsequent verfolgt und diese auch aus eigener Anstrengung erreicht.

Im Sinne der Sturzprophylaxe für Senioren geht es also darum, die individuellen Ziele zum sicheren Gehen sorgsam auszuwählen und deren Umsetzung geduldig zu begleiten. Eigene Vorstellungen und Erwartungen wie „das müsste jetzt doch aber klappen“, „wie oft müssen wir das denn noch üben“ und ähnliches sind letztlich nur Spielarten der eigenen Ungeduld und fehlender Akzeptanz der Situation. Die Veränderung dieser Haltung obliegt aber nicht dem Senioren, sondern dem Ungeduldigen.

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