Wann und wie sollte man sich entschuldigen?

Übertriebene Höflichkeit oder richtiges Benehmen. Zu oft um Entschuldigung zu bitten, ist nicht etwa besonders höflich, sondern bedeutet, nicht ausreichend konfliktfähig und selbstbewusst zu sein.

Es gibt eine Sprechakttheorie, die zwischen Semantik und Pragmatik angesiedelt ist und sich mit der Sprache als kommunikativem Handeln befasst. In ihr gibt es nun eine Klassifikation der Sprechakte in fünf Gruppen und eine davon ist die so genannte Expressiva, zu der Danksagungen und Klagen gehören, aber auch Entschuldigungen. Die Expressiva zeigen die positive oder negative Reaktion eines Sprechers auf ein Ereignis. In diesem Zusammenhang ist es psychologisch wichtig, sich zu überlegen, ob und wann Entschuldigungen eine sinnvolle Reaktion darstellen.

Übertriebene Höflichkeit

In Gottfried Seumes Gedicht „Der Wilde“, entstanden Ende des 18. Jahrhunderts, lauten die Anfangszeilen: „Ein Amerikaner, der Europens/ Übertünchte Höflichkeit nicht kannte,/ Und ein Herz wie Gott es ihm gegeben,/Von Kultur noch frei im Busen trug …“ Schon damals wurde die künstliche, heuchlerische formelle Höflichkeit kritisiert, hinter der jemand seinen wahren Charakter und seine Absicht verbarg.

Auch heute treffen wir überall Leute, die das Entschuldigen inflationär ausüben und mit fast schon religiöser Inbrunst missverstehen. Auf den Tennisplätzen dieser Welt findet man diese Spezies geballt, die sich für jeden raffinierten oder misslungenen Ball beim Gegner entschuldigt, weil sie es für höflich hält. Als ob jemand annehmen würde, die Spieler würden absichtlich Netzroller produzieren oder hätten sie gar trainiert.

In Goethes Faust sagt ein Student zu dem als Professor verkleideten Mephisto: „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist!“ Es ist die gleiche Unsitte wie bei Briefeschreibern, die gleich am Anfang um Verzeihung für ihre Impertinenz bitten und dann über Gebühr unverschämt werden. Es gibt einfach Menschen, die sich aggressiv gebärden, um sich ausführlich entschuldigen zu können. Sie haben Spaß an diesem Spiel.

Richtiges Benehmen

Seine Rechte kennen und wahrnehmen ist aus psychologischer Sicht eine Kunst. Viele Menschen sind sich nicht sicher, was richtiges Benehmen ist, weil sie in ihrer Kindheit Rechte und Pflichten vermittelt bekamen, die für Erwachsene nicht gelten. Sie müssen sich nicht rechtfertigen oder entschuldigen, wenn Sie es nicht wollen. Eine Entschuldigung ist ausschließlich dann angebracht, wenn Sie einem anderen in Wort oder Tat wirklich Unrecht getan haben. Um unnötige Konflikte zu vermeiden, können Sie natürlich erklären, warum Sie dies oder jenes gesagt oder gemacht haben. Aber Ihr Handeln sollte aus Überzeugung geschehen und nicht, weil Sie Ihre Ruhe haben wollen, die Sie dadurch nämlich psychisch in gar keiner Weise haben, denn im Unterbewusstsein nagt Verdrängtes weiter.

Es sollte auch gelernt werden, eine Bitte abzuschlagen, ohne durch diese Verweigerung Schuldgefühle zu entwickeln. Nein zu sagen, ist nicht immer einfach. Doch die Ablehnung mit einer falschen Entschuldigung zu begründen, ist deshalb unangebracht, weil sie einen immer wieder ins Kindheits-Ich zurückwirft und Ihrem Selbstbewusstsein als Erwachsener schadet. Gutmütigkeit ist, im Gegensatz zur Güte, nicht unbedingt ein Zeichen von Charakterstärke.

Konfliktfähig werden

Wenn Sie bereit sind, die Verantwortung für Ihre Fehler zu übernehmen, haben Sie auch das Recht welche zu machen, ohne sich schuldig zu fühlen und entschuldigen zu müssen. Schuld hat mit Fehlern nichts, aber auch gar nichts zu tun. Der Begriff „Schuld“ ist ausschließlich an objektive Vergehen gebunden. Für die Folgen seiner Fehler einzustehen, bedeutet die Achtung vor sich selbst weiter zu entwickeln. Also die Basis für mehr Selbstsicherheit und Selbstverwirklichung zu legen.

Es gehört einfach zum Leben dazu, Konflikte auszuhalten und sinnvoll zu beenden. Konfliktfähig, man könnte auch kommunikationsfähig sagen, sind Sie dann, wenn Sie in der Lage sind, zunächst einmal Konflikte zu vermeiden. Und wenn es eben nicht anders geht, mit einem angemessenen psychischen und sozialen Aufwand durchzustehen. Wenn Sie diese Kunst beherrschen, brauchen Sie in Zukunft nicht mehr als notwendig um Entschuldigung zu bitten.

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