Warum konfrontative Pädagogik zum Scheitern verurteilt ist

Das Hamburger Konzept „cool in school“ versucht mit Härte und Strenge gegen jugendliche Delinquenten vorzugehen, anstatt die Ursachen zu ergründen.

„Cool in school“ ist ein Trainingsprogramm, bei dem Jugendlichen, die im schulischen Umfeld auffällig geworden sind, in vier Phasen (Integration-Konfrontation-Kompetenzphase-Reflexion) ihr Fehlverhalten vor Augen geführt werden soll, um zu erreichen, dass diese Reue zeigen und ihre Einstellung den Vorstellungen der coaches anpassen.

Kritik an „cool in school“

In seiner Stellungnahme macht Ingo Diedrich klar, dass die Effizienz dieser Methode bis jetzt nur angenommen und an einzelnen Beispielen bewiesen werden kann, wissenschaftlich belegt ist sie damit jedoch nicht! Zudem basiert sie auf völlig veralteten Gendervorstellung wie der Idee des doing masculinity, was vorallem Frau Voigt-Kehlenbeck kritisiert. Leicht überspitzt kann man den angestrebten Erfolg bei der hier angewendete Taktik als “Armaggedoneffekt“ bezeichnen, was, in Anlehnung an den bekannten Film (Kurz zur Erinnerung: Ein Komet stürzt in diesem Film auf die Erde zu und droht, diese zu zerstören. Ein Rettungsteam fliegt auf den Kometen (Jugendlichen), bohrt ein tiefes Loch hinein und versenkt dort eine Atombombe. Die Zerstörungen der Explosion sollen den Kometen aus der bisherigen Bahn werfen), nichts anderes bedeutet als: „Eindringen und von Innen zur Explosion bringen!“.

Interessanter Weise wurde dieser Vergleich nicht von einem Kritiker, sondern von einem Befürworter angestellt (Weidner)! Ein derartiges Vorgehen entspricht aber doch exakt den Erwartungen von Jugendlichen, die sich mit Recht dagegen wehren, sich von Erwachsenen, speziell Eltern, Pädagogen, Psychologen oder Sozialarbeitern ihrer Identität berauben zu lassen. Gerade in der Pubertät spielt doch die gerne exzessiv zur Schau gestellte Besonderheit der eigenen Identität eine extrem große Rolle und insbesondere bei gewalttätigen Jugendliche, die sich ihrer sozialen Position entsprechend, nur allzu oft einem äußeren Konflikt ausgesetzt sehen, in dem es darum geht, dass sie sich anzupassen und einzugliedern haben – zumeist in Systeme, die ihnen weder positiv noch für sie erreichbar erscheinen und mitunter auch sind – kann ein derartiges Vorgehen doch nur scheitern und erneute Konfrontationen auslösen. Schließlich handelt es sich bei den Regeln und Grenzen zudem auch noch um einzig und allein von den Autoritätspersonen aufgestellte Festlegungen, die starr und von den Schülerinnen und Schülern nicht mitentworfen und damit akzeptiert sind. So wird die bestehende Machtstruktur gefestigt und die Jugendlichen fühlen sich durch die fehlende Demokratie und Mitbestimmung – die stets auch Verantwortung in sich birgt – übergangen und hilflos. Und noch grundsätzlicher: Wie kann man sich gerade als Pädagoge das Recht heraus nehmen, einen Schutzbefohlenen derartig persönlich anzugreifen und zu verletzen? Diese emotionale Provokation, durch Beleidigung und Ausgrenzung geht über die Grenzen einer pädagogischen Erziehung hinaus und erinnert doch stark an amerikanische Bootcamps, in denen den Delinquenten durch gezielte Willensbrechung ein Stück ihrer Persönlichkeit genommen wird, um funktionierende Gesellschaftsmitglieder aus ihnen zu formen.

Stigmatisierung zum Problemschüler

Allein schon die Trennung zwischen normalen und “schwierigen“ Schülerinnern und Schülern kommt einer Stigmatisierung gleich. Es wird implizit vorausgesetzt, die jugendlichen Gewalttäter würden Spaß bei ihren Taten empfinden. Eine solche intrinsische Motivation liegt sicherlich in besonderen Fällen vor, ist aber mit Sicherheit im schulischen Umfeld eher die Ausnahme. Stattdessen geraten die Täter oftmals durch äußere Umstände in Situationen, in denen sie die Kontrolle verlieren. Die noch jungen, oftmals ungefestigten Charaktere wissen dann selbst nicht, was sie treibt. Ihr unreflektiertes Handeln aus Hilflosigkeit geschieht nicht freiwillig. Werden sie nun von fremden Personen und vor der Gruppe, in der kein Vertrauen aufgebaut werden kann, bloßgestellt und an den Pranger gestellt, können sie sich somit mitunter nicht einmal vor sich selbst rechtfertigen. Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, dass Jugendliche Grenzen und Konsequenzen erfahren müssen, aber nur durch Konfrontation allein erzeugt man doch eher eine Mauer aus Trotz und Wut, die zum Selbstschutz von den Jugendlichen aufgebaut wird, was man ihnen auch kaum zum Vorwurf machen kann.

Problematik der einzelnen Phasen

  1. Fünf Stunden mit einander warm werden? Wenn dieses Programm von der sogenannten „Kuschelpädagogik“ wegführen soll, was bedeutet dann eine derart lange Integrationsphase und was macht man während dessen, wenn Empathie, Verständnis, aufeinander eingehen und die Akzeptanz der verschiedenen Charaktere nicht das Ziel sein sollen?
  2. Dies ist die zentrale Phase der Konfrontation und die mit Abstand längste, in der die Delinquenten sich auf dem “heißen Stuhl“ symbolisch die Anklage verlesen lassen müssen und das ohne die Möglichkeit, sich dazu zu äußern, das heißt keine Rechtfertigung, kein Möglichkeit etwas zu korrigieren, falls ein Sachverhalt falsch dargestellt werden sollte und auch keine Chance, sich zu entschuldigen, falls dieser Wunsch in den Jugendlichen aufkommen sollte. Meiner Meinung nach ist das Psychoterror, menschlich entwürdigend und damit absolut unpädagogisch!
  3. Warum sollte es eine Kompetenz sein, keine Schwäche zu zeigen, nur Härte zuzulassen? Niemand ist unangreifbar. Worin kann also der Sinn liegen, so zu tun als ob? Es erscheint mir falsch, Jugendlichen zu vermitteln, es sei erstrebenswert, die eigenen Gefühle zu unterdrücken. Zudem ist erwiesen, dass ein solches Unterdrücken von Gefühlen Eskalationen zur Folge hat. Stattdessen sollten Wege aufgezeigt werden, wie man Emotionen, insbesondere Frustrationen und Aggressionen anders äußern kann als mit Gewalt.
  4. Nachdem nun also auf strengstem Wege Schuld- und Schamgefühle erzeugt wurden und den Jugendlichem im Anschluss vermittelt wurde, dass diese und sämtliche anderen Emotionen nicht nach außen getragen werden sollen, sondern mit sich selbst auszumachen sind und allein die strikte Regelbefolgung und Anpassung zählt, sollen nun die Wertvorstellungen neu ausgerichtet werden. Das klingt für mich nach Gehirnwäsche und “1984“. Es kann doch nicht allen Ernstes das Ziel sein, emotionslose Roboter zu erschaffen, die lediglich noch funktionieren, aber nicht mehr leben.Die jugendlichen Gewalttäter werden in ihrer häufig ohnehin schon erniedrigenden Meinung von sich selbst durch diese harte und gefühllose Konfrontation und die erwartbaren Floskeln bestärkt und mit dieser Verzweiflung wahrscheinlich machenden Erkenntnis letztlich allein gelassen. Das ist psychische Züchtigung und laut Schulgesetz verboten. Und wo bleibt bei alle dem eigentlich die Opferempathie? Es reicht nicht, nur zu veranschaulichen, was der Delinquent falsch gemacht hat. Viel ergiebiger ist es, ihm aufzuzeigen, wie sich das Opfer dabei gefühlt hat, um eine Besserung aufgrund von Verständnis und Erkenntnis zu erzeugen, die dann intrinsisch ist und nicht lediglich indoktriniertes Verhalten ohne jegliche eigene Reflektion!

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