Warum verschweigen Menschen ihre Arbeitslosigkeit?

Einige Arbeitslose geben vor, weiterhin erwerbstätig zu sein. Der Weg in ein Lügenlabyrinth mit gravierenden psychischen Folgeschäden.

Die Tatsache der millionenfachen Arbeitslosigkeit ist allgemein bekannt. Doch wiegen sich viele Menschen in einem vermeintlichen Sicherheitsgefühl. Von Arbeitslosigkeit betroffen sind immer nur die anderen. Passiert es dann doch und der Arbeitsplatzverlust wird zur Realität, sitzt bei einigen Betroffenen der Schock extrem tief. So tief, dass sie zunächst mit niemandem darüber sprechen.

Einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen

Der Vater sitzt wie jeden Tag mit Frau und Kindern am Frühstückstisch. Eine Alltagsroutine, die wie am Schnürchen läuft. Dann verabschiedet er sich und steigt in seinen Wagen. Fährt los. Doch dann bricht das Bild. Er fährt zu einem Parkplatz, einem abgelegenen Café oder einem nahegelegenen Ausflugsziel. Menschenleer an einem Wochentag. Er will nicht gesehen, nicht erkannt werden. Niemand soll sehen, das er nicht seiner Arbeit nachgeht. Alles soll so bleiben wie es ist. Er finanziert den Lebensunterhalt aus seinen Rücklagen, meldet sich nicht beim Amt. Erzählt am Abend der Familie von seiner Arbeit, erfindet Geschichten. Verstrickt sich immer tiefer in ein Lügengebäude. Und das Fundament dieses Gebäudes wird schleichend brüchig, die finanziellen Möglichkeiten schwinden.

Arbeitslose im psychischen Ausnahmezustand

Sprachlosigkeit bei Arbeitslosigkeit. Die Dunkelziffer ist vermutlich extrem hoch. Manche verschweigen den Verlust des Arbeitsplatzes nur einige Tage oder Wochen. Andere ziehen dieses Doppelleben gnadenlos in die Länge. Und fühlen sich immer weniger in der Lage darüber zu sprechen. Die innere Blockade wächst und wächst. Das ZDF zeigte am 12. April 2011 eine Dokumentation von Walter Krieg zu diesem Thema. Es werden drei Menschen mit der Kamera begleitet, die der Umwelt die Tatsache ihrer Arbeitslosigkeit verheimlichten.

Der Film schafft es in 30 Minuten, den Zuschauer zu sensibilisieren. Die Betroffenen reden ehrlich über ihr Verhalten, Motivationen, Hintergründe und die schwerwiegenden sozialen Folgen. Jedoch bietet diese Dokumentation keine mundgerecht zubereiteten Antworten. Die Dokumentation zeigt drei individuelle Befindlichkeiten von Menschen, die ein Doppelleben führten, eine Scheinwelt errichteten, die in die Verzweiflung und Depression, in den familiären Zusammenbruch, in Prostitution und zu Kriminalität und einer langen Haftstrafe führte.

Rollenspiele, um nicht als Außenseiter zu gelten

Viele Menschen beziehen ihren Selbstwert größtenteils aus ihrer Erwerbstätigkeit. Sie stellen etwas dar, pflegen ein bestimmtes und fein zurechtgezimmertes Selbstbild gegenüber ihrer Familie, ihren Freunden und Bekannten, ihren Nachbarn. Die Arbeit hat höchste Priorität. Sie sind der Familienernährer, der erfolgreiche Macher, die gut verdienende Geschäftsfrau. Oft widmen sie ihrer Berufstätigkeit so viel Aufmerksamkeit, so dass alle anderen Aspekte ihres Lebens ins Hintertreffen geraten.

Plötzlich ist die Arbeit weg. Die Chancen zum beruflichen Neueinstieg gering. Vielleicht passt das Alter nicht, die Branche, die lokalen Möglichkeiten. Schock, innere Lähmung, existentielle Ängste. Vielleicht ist die ganze Familienidylle nur eine Garnierung der beruflichen Tätigkeit. Weil man eben so lebt, weil es eben so üblich ist. Betroffene verlieren den Boden unter den Füßen, empfinden die Bedrohlichkeit der Situation übermächtig, reagieren mit absoluter Verdrängung, bringen ihren ganzen Willen auf, um weiterhin den Arbeitenden zu spielen. Sie gehen so sehr in ihrer neuen Rolle auf, dass sie fast schon selbst daran glauben. Sie bewegen sich auf immer dünner werdendem Eis. Die finanziellen Tatsachen lassen sich nicht ewig unter der Decke halten.

Arbeitslosigkeit berechtigt nicht zum Rollenspiel

Sicher weckt die persönliche Dokumentation von Heimlichtuern Verständnis. Jedoch braucht es schon individueller Besonderheiten, um solch ein Spiel zu spielen. Es ist extrem unfair und selbstgerecht, die Wahrheit so willkürlich zu verbiegen, sehr feige, sich solchen Tatsachen nicht aktiv zu stellen. Ist man noch nicht einmal in der Lage mit seinem Partner oder Freunden zu reden, besitzt man kein sozial intaktes Beziehungsgefüge zu seinen Mitmenschen.

Arbeitsverlust ist keine persönliche Niederlage, es ist eine Realität der Gegenwart. Es gibt so viele Gründe, warum jemand die Arbeit verliert, zumeist strukturell und wirtschaftlich bedingt. Man gehört als Arbeitsloser nicht zum gesellschaftlichen Rand. Doch es ist eine Situation, die erhöhte Anforderungen an die Belastbarkeit und Flexibilität stellt und die manchmal soziale Bindungen und Partnerschaften in dieser Krisensituation für den Einzelnen als das erkennen lassen, was sie dann schon lange waren – ohne Tiefe, Vertrauen und Verlässlichkeit. Sicher muss viel ausgehalten werden und Kraft für den Neuanfang vorhanden sein.

Doch eine Krise beinhaltet auch immer eine Chance einmal Bilanz zu ziehen, sein Berufsleben neu auszurichten, eine neue Lebenssituation auszuhalten und zu bewältigen. Selbstkritisch und realistisch persönliche Möglichkeiten und Situationen zu nutzen. Ein Doppelleben bei Arbeitslosigkeit ist inneres Weglaufen. Diese Realitätsverdrängung zeigt deutlich den psychischen Notstand des Betroffenen. So wäre der richtige Weg für Heimlichtuer der zeitnahe Gang zu einem guten Therapeuten und die Teilnahme an einer hilfreichen Verhaltenstherapie.

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