X

Epilepsie – Erkrankung des Nervensystems

Eva S. (27) aus Berlin leidet seit ihrer Kindheit an Epilesie und muss regelmäßig Medikamente nehmen, um Anfälle zu verhindern.

„Wenn plötzlich eines meiner Körperteile anfängt zu kribbeln, werde ich ganz nervös!“, erzählt die 27-jährige Rechtsreferendarin Eva. Denn oft ist dieses Kribbeln der Vorbote eines drohenden Grand-mal-Anfalles: Eva leidet an Epilepsie.

Manchmal hat sie Glück und ihr ist einfach nur der Arm eingeschlafen. Doch wenn sie das kribbelnde Körperteil nicht bewegen kann, bleiben ihr nur noch zehn bis fünfzehn Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit. „Ich kann dann gar nicht mehr reagieren und niemanden mehr warnen!“ Die Krampfanfälle, die Eva während ihrer Bewusstlosigkeit hat, bekommen nur die anderen mit. „Das muss schrecklich sein, wenn ich da so um mich schlage und kreische. Aber ich selbst merke nichts davon – ich bin einfach nur weg.“

So ein Anfall kann bis zu zwei Minuten dauern. „Ich wache wieder auf, bin aber zunächst noch nicht richtig da und kann mich meist auch an die nächste Stunde kaum erinnern. Richtig zu mir komme ich dann meist in einem Krankenhaus.“

Epilepsie ist die häufigste Erkrankung des Nervensystems

Epilepsie ist eine Erkrankung des Nervensystems. Wenn Nervenzellen des Gehirns überregt sind und sich gleichzeitig und unkontrolliert entladen, so kann das einen epileptischen Anfall zur Folge haben.

Etwa fünf Prozent aller Menschen haben einmal im Leben solch einen Anfall, meist im Anschluss an eine akute Erkrankung wie z.B. einen Schlaganfall, eine Unterzuckerung oder in Verbindung mit Alkohol. Ein äußeres Trauma, eine organische Verletzung am Kopf, ein Tumor oder auch eine Hirnhautentzündung können mögliche Ursachen für Epilepsie sein.

Die meisten Menschen verbinden Epilepsie direkt mit der schwersten Form des epileptischen Anfalls, dem Grand-mal. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Anfallsformen, die oft lange unbemerkt bleiben. Hier ist Aufklärung wichtig.

Erste Anfälle im Alter von zwei Jahren

Als Kind hatte Eva viele epileptische Anfälle „Alles fing an, als ich zwei Jahre alt war. Als sich die Anfälle häuften, brachten mich meine Eltern zu einem Neurologen.“ Er stellte gleich die richtige Diagnose: Epilepsie. Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen, war Evas Epilepsie nicht genetisch bedingt. „Vermutlich lag es an der schwierigen Geburt,“ mutmaßt sie. „Die Nabelschnur hatte sich dabei kurz um meinen Hals gelegt und für wenige Momente bekam das Gehirn keinen Sauerstoff mehr. Dabei wurden wohl Teile beschädigt.“

Bis zu ihrem 12. Lebensjahr musste Eva dreimal täglich Medikamente nehmen. „Ich weiß noch, wie sehr ich es hasste, wenn meine Mutter mittags über den gesamten Spielplatz rief: ‚Eva komm nach Hause, es ist Zeit für deine Tablette!’“ Eva war stets peinlich berührt, zumal die Medikamente auch Nebenwirkungen haben: Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und depressive Verstimmungen.

Eva setzt eigenmächtig ihre Medikamente ab

Eva wurde älter und ein richtiger Teenager: „Ich wollte Freundschaften schließen, auf Partys gehen, meinen politischen Standpunkt finden und mich verlieben! Damals fühlte ich mich stark, frei und unabhängig: nichts konnte mich aufhalten!“ Dabei verdrängte Eva sogar ihre schwere Krankheit und nahm ihre Medikamente nicht mehr. Das Resultat war ein schwerer Anfall während eines Schulausflugs. „Ich habe diesen Anfall als einen der schlimmsten in Erinnerung!“

Danach war Evas Epilepsie kein Geheimnis mehr. „Die Reaktionen meiner Klassenkameraden waren unterschiedlich: meine Freunde unterstützten mich und fragten, warum ich nichts gesagt hätte. Andere machten sich über mit lustig und nannten mich behindert!“

Noch einmal versucht Eva, ohne Medikamente aus zu kommen

Nach dem Abitur fing Eva an, Jura zu studieren. Ein Jahr darauf beschloss sie mit ihrem Neurologen, die Medikation zu reduzieren. „Ich war mir ganz sicher, dass sich meine Epilepsie nun ‚ausgewachsen‘ hätte und ich frei davon wäre!“ Eva plante bereits eine Feier, um ihre Genesung zu zelebrieren. Doch dann passierte es erneut. Eva saß in einer Vorlesung und hörte noch die Worte des Professors „Meine lieben Studenten, vergesst niemals: ein Vertrag braucht in der Regel zwei übereinstimmende Willenserklärungen.“ Das war das Letzte, was sie hörte, bevor sie bewusstlos zu Boden fiel. 300 Kommilitonen und ein völlig überraschter Professor konnten beobachten, wie der epileptische Anfall Kontrolle über Evas Körper gewann.

„Ich muss zugeben, dass ich unglaublich enttäuscht war. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich nicht mehr unter der Krankheit litt. Aber ich habe immer noch Epilepsie. Es hat Wochen gedauert, bis ich mich nach diesem Anfall sowohl psychisch als auch körperlich wieder erholt hatte.“

Heute akzeptiert Eva die Epilepsie

Eva war nun gezwungen, ihre Epilepsie zu akzeptieren. „Jeder hat doch irgendetwas in seinem Leben, dass er gern ändern würde, aber nicht kann. Und ich habe nun mal Epilepsie. Jetzt ist sie zum Teil meines Lebens geworden. Sie hat mich gelehrt, zu mir selbst zu stehen und ich muss zugeben, ich bin an dieser Krankheit gewachsen!“

Über die Jahre hinweg hat Eva gelernt, dass ihr die Epilepsie Grenzen setzt, die sie ohne Wahl zu respektieren hat. „Ich muss meine Medikamente regelmäßig nehmen, auf genügend Schlaf achten und Dauerstress vermeiden. Aber innerhalb dieser Grenzen und Regeln bin ich frei!“ Eva ist mit ihren Medikamenten so gut eingestellt, dass sie seit mehr als fünf Jahren keinen Anfall mehr hatte. „Ich habe mittlerweile das Staatsexamen bestanden und kann anfangen, als Anwältin zu arbeiten. Ich kann Auto fahren und ich kann reisen. Was will ich mehr?“