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Vorsicht, falsche Freundlichkeit!

Der schmale Grat zwischen Hilfsbereitschaft und Ausnutzen. Manche Kollegen machen sich, um lästige Aufgaben zu umgehen, das Sprichwort „Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln“ zunutze.

Vor dem Hintergrund, dass man mindestens acht Stunden des Tages am Arbeitsplatz verbringt, ist ein kollegiales und offenes Miteinander extrem wichtig für die eigene Motivation, die zur Erhaltung oder Steigerung der Produktivität und Arbeitsleistung führt. Adäquate Mittel hierzu sind die Pflege von persönlichen Beziehungen untereinander, Humor, Freundlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft.

Freundlichkeit als reines Mittel zum Zweck

Leider gibt es auch einige Kollegen, bei denen Freundlichkeit lediglich als Mittel zum Zweck dienen soll, um ungeliebte Aufgaben an andere weiterzudelegieren. Häufig folgen Schmeicheleien wie „Du kannst das doch so toll“ oder „Es ist einfacher, wenn du das machst“. Die Frage hierbei ist nur, für wen es dann einfacher ist, wenn der Kollege alle ungeliebten Aufgaben oder Dinge, die er (noch) nicht beherrscht, an andere weiterdelegiert.

Solche Mitarbeiter setzen Freundlichkeit gezielt ein, da sie an den Anstand der Kollegin, die die Arbeit erledigen soll, appellieren – viele haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie eine nett vorgetragene Bitte ablehnen. Genau darauf spekuliert der betreffende Mitarbeiter jedoch und kann so ungehindert weiterhin für ihn unangenehme Aufgaben delegieren, meist ohne Rücksicht darauf, ob der Kollege oder die Kollegin, an den er die Arbeit weitergegeben hat, unter Umständen vielleicht selbst schon einiges zu tun hat. Hier ist ein nettes, aber klares „Nein“ wichtig. Es spricht nichts dagegen, einen Kollegen zu entlasten, wenn der nicht mehr weiß, welche Aufgabe er zuerst erledigen soll und wenn man selbst freie Kapazitäten hat – allerdings sollte diese Hilfsbereitschaft auf Gegenseitigkeit beruhen. Vielfach ist jedoch festzustellen, dass solche Mitarbeiter gerne die Hilfsbereitschaft ihrer Kollegen in Anspruch nehmen, es trotz freier Kapazitäten aber umgekehrt ablehnen, den Mitarbeitern zu helfen, die ihm sonst häufig unter die Arme greifen.

Passive Aggressivität, die als Freundlichkeit getarnt wird

Die Bitte, die auf den ersten Blick freundlich und nett erscheint, soll jedoch unterschwellige Aggressionen verschleiern. Da gerade im Berufsleben eine offene Arbeitsverweigerung nachteilige Konsequenzen für den Mitarbeiter haben kann, sagt er nicht offen, dass er keine Lust zu dieser Tätigkeit hat – sei es, weil sie stupide ist oder er sie noch nicht beherrscht, aber keine Lust hat, etwas Neues hinzuzulernen. Stattdessen bringt er seine Aggressionen nur in getarnter Form zum Ausdruck – etwa durch Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, absichtliches Vergessen oder das freundliche Weiterdelegieren (Abwälzen) von ungeliebten Aufgaben an Kollegen.

Interessanterweise ist bei solchen Mitarbeitern das Phänomen zu beobachten, dass sie beim Chef um freundliche, beflissene Unauffälligkeit bemüht sind, während sie jedoch die Schuld für das Misslingen einer Teilaufgabe gerne auf die Kollegen abzuwälzen versuchen, die ihnen oft helfend unter die Arme gegriffen haben. In solchen Momenten bricht dann das eigentliche Wesen, das sich hinter der überfreundlichen Maske verbirgt, offen durch.

Mangelnde Eigeninitiative

Häufig ist die Arbeitsweise jener Mitarbeiter, die sich mit Freundlichkeit und Abwälzen von ungeliebten bzw. unbeherrschten Aufgaben durch den Berufsalltag zu mogeln versuchen, von mangelnder Eigeninitiative in Verbindung mit geringer Lernbereitschaft und stark begrenzter Fachkompetenz geprägt. Verständlich sind Fragen neuer Kollegen zu organisatorischen Abläufen im Betrieb wie etwa die Frage nach zuständigen Stellen für die Beschaffung von Kopierpapier, Tonern oder Reisedevisen, da dies naturgemäß von Unternehmen zu Unternehmen variieren kann. Problematisch wird es jedoch, wenn beispielsweise eine Assistentin über zehn Jahre Berufserfahrung verfügt und entsprechend in ihrer Bewerbung angegeben hat, mit allen gängigen MS-Office-Programmen bestens vertraut zu sein, die Richtigkeit dieser Behauptung jedoch dadurch falsifiziert wird, dass sie ständig ihre Kolleginnen fragt, wie eine unerwünschte Zeilenschaltung in Word entfernt oder wie ein einzelnes Serienelement einer Terminserie im Outlook-Kalender gelöscht wird.

Tipps für den Umgang mit solchen Kollegen

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, eine gesunde Distanz zu dieser Person zu wahren. Fragen zu betrieblichen Abläufen sollten freundlich beantwortet werden, aber wenn sich die Fälle häufen, in denen der neue Mitarbeiter stets ungeliebte Aufgaben mit vermeintlich freundlichem Lächeln auf andere abwälzen will, sollte sich der Betroffene durch ein höfliches, aber bestimmtes „Nein“ abgrenzen, bevor der neue Mitarbeiter die Hilfsbereitschaft seiner Kollegen als selbstverständlich und naturgegeben ansieht, so dass man in diesem Zusammenhang eher von Ausnutzen sprechen kann.