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Was ist depressives Verhalten?

Depressive zwischen Verlustangst und Schuldgefühlen. Nach Erkenntnissen des Psychotherapeuten Riemann fehlt Ich-Stärke bei depressiven Menschen, die aufgrund starker Minderwertigkeitsgefühle eigene Bedürfnisse verdrängen.

In seiner tiefenpsychologischen Studie “Grundformen der Angst” (überarbeitete Fassung 1975) beschreibt der Psychotherapeut Fritz Riemann (1902-1979) die Entstehungsursachen depressiver Verhaltensformen. Er schildert ihren Ursprung in der Angst vor Isolation und Einsamkeit.

Das “Ich” wird zu wenig beachtet, die Ich-Werdung vermieden. Das “Du” bekommt einen unverhältnismäßig hohen Stellenwert, Menschen mit depressiven Tendenzen missachten ihre eigenen Bedürfnisse und versuchen “durch den Anderen” zu leben.

Die depressive Abhängigkeit

Depressive Menschen sind überdurchschnittlich stark auf einen Partner angewiesen – “Ich brauche dich, weil ich dich liebe und ich liebe dich, weil ich dich brauche” (Erich Fromm in “Die Kunst des Liebens”). Sie leiden an jeder trennenden Distanz, quälende Trennungsangst und Verlustangst macht ihnen jede Entfernung unerträglich.

Depressive versuchen sich selbst abhängig zu machen oder Nahestehende von sich abhängig werden zu lassen. Sie verzichten entweder selbst auf individuelle Entwicklung und Bedürfnisse oder gestehen es den Menschen, an denen sie sich klammern, nicht zu. Die Verlustangst lässt sie Selbstständigkeit so weit es geht vermeiden.

Die übertriebene Tugend des Depressiven

Menschen mit depressiven Verhaltensformen neigen dazu, jeder Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen und können nicht “Nein“ sagen. So entwickeln sie überakzentuierte Tugenden, sind betont selbstlos, verzichtsbereit, mitfühlend oder friedfertig. Sie entwickeln betonte Bescheidenheit bis zur Selbstaufgabe, im Extremfall kommt es zu masochistisch-hörigem Verhalten.

Auch neigen sie zu gefährlichen Selbsttäuschungen, machen aus den übertriebenen Formen von Anpassung und Unterordnung eine Art eigener Ideologie und fühlen sich so moralisch überlegen. Depressive sind unfähig nach ihren Bedürfnissen zu agieren und sich zu nehmen, was sie wollen. Sie hoffen, zu bekommen. Diese passive Erwartungshaltung wird oft enttäuscht, da sie ihre Anliegen nicht äußern.

Selbstmitleid depressiver Menschen

Depressive neigen dazu, ausgeprägtes Selbstmitleid zu haben. Oft sind sie fest davon überzeugt, immer Pech zu haben, vom Leben fortlaufend benachteiligt zu werden. Es gibt bei ihnen nur eine schmale Grenze zu möglichem Suchtverhalten aller Art, um damit Ersatzbefriedigung und Weltflucht zu finden.

Sie neigen zu Gedächtnisschwächen, da sie Eindrücke und Informationen nicht vollständig aufnehmen, weil sie nur wenig Interesse und Aufmerksamkeit entwickeln. Sie schalten vor viele Außenreize eine Art Filter und resignieren früh. Es gelingt ihnen nicht, ohne Schuldgefühl und Angst ihre Bedürfnisse und Neigungen auszuleben.

Depressives Verhalten in der Liebe

Depressive neigen in der Partnerschaft zum übertriebenen “Festklammern”. Versucht der Partner, sich von zu engen Umklammerungen zu befreien, reagieren sie oft panisch und auch mit erpresserischen Mitteln. Angedrohte oder auch versuchte Selbstmorde sind in diesem Zusammenhang nicht selten.

Sie möchten nicht nur selbst keine eigenständige Persönlichkeit entwickeln, sie stehen diese Neigung auch ihrem Partner nicht zu. Daraus ergibt sich ein hohes Konfliktpotential. Hinter Überbesorgtheit verbirgt sich oft Herrschsucht. Auch Krankheit wird als erpresserische Waffe genutzt. Die schöpferische Distanz einer dynamischen Beziehung wird durch sie zerstört.

Depressive Menschen und die Aggression

Auch die ständig gegenüber anderen Menschen offen oder verdeckt ausgespielte Form eingebildeter moralischer Überlegenheit ist eine sublime Form aggressiver Verhaltensweisen. Als “Leidender” hält sich der Depressive “für den Besseren” und vermeint, an nichts schuldig werden zu können. Schuld sind immer nur die Anderen, die ihn nicht genügend verstehen oder berücksichtigen.

Seine duldende Demut erweckt ständig Schuldgefühle bei Nahestehenden. Auch das bei Depressiven häufig vorkommende Jammern, Klagen und Lamentieren ist eine weitere versteckte Aggressionsform. Aus Selbstmitleid kann Selbsthass werden, da Depressive kein Ventil haben, um sich von negativen Gefühlen zu befreien.

Selbsthass kann Selbstzerstörung bedingen

In der Kindheit konnten Depressive nicht lernen, Ablehnung sowie Hass- und Neidgefühle zu verarbeiten. So lenken sie diese negativen Gefühle nach innen. Verlustangst und Ungeborgenheit wurden nicht zu gesunden Aggressionen nach außen, sondern zu bewussten oder unbewussten Formen der Selbstzerstörung gegen sich selbst entwickelt.

Unterdrückte Aggressionen sind bei depressiven Menschen die Wegbereiter schwerster Depressionen, die sich von einem lamentierenden Jammern bis zu ungerechten Selbstvorwürfen, Selbstanklagen und Selbstbestrafungen steigern. Affekte und Aggressionen, die der depressive Mensch sich nicht gestattet zu zeigen, führen zu Antriebschwäche und Passivität.

Lebensgeschichtlicher Hintergrund depressiver Menschen

Neben erblich bedingten Anlagen, die zu verursachenden Stoffwechselstörungen im Gehirn führen, kann Depressivität auch durch die lebensgeschichtliche Entwicklung entstehen. Eine harte und ablehnende Mutter vermittelt dem Kind, sich für nicht liebenswert halten zu müssen. Erste Eindrücke von Menschen prägen die Basis für das eigene Selbstwertgefühl.

Zwei Fehlhaltungen von Müttern, die übertriebene Verwöhnung oder Versagung, begünstigen bei Kindern das Entstehen depressiver Verhaltensstrukturen. Es gibt kaum Belastenderes für ein Kind, als eine Erziehung mit Schuldgefühlserweckungen ertragen zu müssen. Ungeliebte, isolierte und überforderte Kinder werden oft depressive Menschen, da sie überwiegend gelernt haben, durch ständiges Ertragen und Verzichten zu resignieren.

Schwere Minderwertigkeitsgefühle bieten die Grundlage für Depressivität. Das Gefühl, eigentlich kein Lebensrecht zu haben und nur in seiner Existenz berechtigt zu sein, wenn man für Andere lebt, erzeugt starke innere Anspannung und Leid. Schuld zu haben ist ein prägendes Grundgefühl aus der Kindheit, das auch depressive Erwachsene ständig begleitet.