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Zahnfleischentzündung – was tun? Vorsorge und Behandlung

Zahnfleischerkrankungen sind häufig. Prof. Dr. Michael Haas von der Universitätszahnklinik in Graz erklärt die Gefahren einer unbehandelten Parodontitis.

80 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Zahnfleischerkrankung. Einer Behandlung unterzieht sich nur ein geringer Teil der Betroffenen. Die Autorin bat Univ.-Prof. Dr. Michael Haas – von der klinischen Abteilung für Prothetik, Restaurative Zahnheilkunde und Parodontologie der Universitätszahnklinik Graz – zum Interview. Sie sprach mit ihm über das unterschätzte Gesundheitsrisiko einer Zahnfleischentzündung und über effektive Vorsorge- und Therapiemaßnahmen.

Herr Prof. Haas, warum bleiben Zahnfleischerkrankungen oft so lange unerkannt?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind die Grundsymptome einer Zahnfleischerkrankung ja im wesentlichen Blutungen und Schwellungen im Mundbereich, nicht immer verbunden mit Schmerzen. Daher werden sie sehr oft lange Zeit ignoriert.

Zum zweiten hat es in Österreich Tradition zu sagen: Irgendwann verliert man seine Zähne. Der Großvater hat die Prothese, die Großmutter hatte sie…. Die Aufklärung darüber, dass man vorbeugen kann, ist mangelhaft. Es wird ja zum Beispiel auch nach wie vor oft fälschlicherweise der Begriff Parodontose für Zahnfleischerkrankungen verwendet. Dieser vermittelt, es würde sich um degenerative Erkrankungen handeln. Tatsächlich beruhen sie im Wesentlichen auf Entzündungen, weshalb der richtige Ausdruck Parodontitis lautet.

Ein drittes Problem ist, dass in Österreich die Parodontitis-Behandlung leider noch immer nicht von den Zahnärzten im Rahmen des Kassenvertrags erbracht werden kann. Dadurch ist sie eine Privatleistung, die sich nicht jeder leisten kann und will…

Gibt es besondere Faktoren, die eine Parodontitis begünstigen?

Die Parodontitis wird von Mikroorganismen, in erster Linie Bakterien, ausgelöst. Das heißt wir haben es mit einer Infektionskrankheit zu tun. Der Ausbruch einer Parodontitis wird durch einige Faktoren begünstigt, der wichtigste ist das Rauchen. Zusätzlich wissen wir heute, dass Stress, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Osteoporose, HIV-Infektionen, aber auch gewisse genetische Veranlagungen unterstützend bei dieser Zahnfleischerkrankung wirken können.

Was ist besonders gefährlich daran, wenn man eine Parodontitis ignoriert?

Neben dem Zahnverlust, der natürlich Auswirkung auf die Verdauung etc. hat, sind im Wesentlichen die Wechselwirkungen der Parodontitis mit anderen Erkrankungen und Organsystemen nicht zu unterschätzen. Als wissenschaftlich erwiesen gelten heute Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gefäß- und Lungenveränderungen sowie Diabetes. Auch ein Zusammenspiel mit einer erhöhten Frühgeburtenrate von Kindern, deren Mütter an Parodontitis leiden, wird heftig diskutiert.

Das heißt nun aber nicht, dass jeder Parodontitis-Patient eines der genannten Probleme früher oder später bekommen wird. Vielmehr ist die Parodontitis als einer von mehreren Risikofaktoren für diese Erkrankungen zu sehen, wie das Rauchen, ein hoher Alkoholkonsum, erhöhte Cholesterinwerte und Bluthochdruck.

Mit welchen einfachen Maßnahmen kann man einer Zahnfleischentzündung vorbeugen?

Ein wichtiger Eckpunkt in der Prophylaxe einer Parodontitis ist die möglichst gute häusliche Hygiene. Das heißt die mechanische Reinigung, das Putzen aller Zahnflächen, auch der Zahnzwischenräume, mit unseren herkömmlichen Hilfsmitteln: Zahnbürste, Zahnpasta, Zwischenraumbürstchen, Zahnseide, … Wer manuell weniger begabt ist, für den ist ein elektrisches Bürstensystem empfehlenswert.

Ein zweiter wichtiger Eckpunkt wäre die Fluoridierung, die nicht nur für die Karies-, sondern auch für die Parodontitis-Prophylaxe von Bedeutung ist.

Wenn der Patient selbst merkt, dass sein Zahnfleisch beim Putzen blutet, dass er Schwellungen und vielleicht sogar Schmerzen hat, sollte er unbedingt einen Zahnarzt aufsuchen. Dieser kann nach der zahnärztlichen Diagnostik einen individuellen Behandlungsplan erstellen. Ein Bestandteil der Parodontitis-Therapie ist ein auf den Patienten zugeschnittener Hygieneplan mit Auswahl der entsprechenden Hilfsmittel wie Zahnpasta oder Mundspülung. Zum selektiven Einsatz gegen Parodontitis-Bakterien kommen hier zum Beispiel Chlorhexidin-Präparate zum Einsatz.

Welche Vorteile haben spezielle Zahncremes fürs Zahnfleisch?

Für Parodontitis-Patienten gibt es eine Reihe von empfehlenswerten Zahnpasten. Die wichtigsten Merkmale einer guten Zahnpasta sind die Abrasivität – das bedeutet, wie schädigend sie auf den Zahnschmelz und die Wurzeloberflächen wirkt -, bzw. ihr Fluoridgehalt.

Die Abrasivität wird mit dem RDA-Wert angegeben. Für einen Patienten mit gesundem Zahnfleisch sind hier Werte um die 80 zu empfehlen. Für einen Parodontitis-Patienten – der freiliegende Zahnhälse und Wurzeloberflächen hat, die besonders schonend zu behandeln sind – sollte der RDA-Wert um die 50 oder niederer sein.