Alte Menschen: Wenn Kinder sich um ihre Eltern kümmern

Im Alter verkehrt sich das Mutter-Kind-Verhältnis ins Gegenteil. Das erfordert neue Modelle für ein sozial-verträgliches Miteinander.

Überall ist die Rede von mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit. Städte brüsten sich damit, kinderfreundlich zu sein, wenn sie irgendwo in der Fußgängerzone ein neues Schaukelpferd aufstellen. Gleichzeitig verbieten sie Bolzplätze in Wohngebieten. Gemeinderatsfraktionen versuchen sich bei der Anzahl von Besuchen in Kindergärten und Schulen gegenseitig zu übertrumpfen. Vor allem in Wahlzeiten. In Altersheime gehen sie nicht. In den Familienberatungsstellen geht es um Ehekrisen, Schwangerenberatung oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und in den Arbeits- und Sozialämtern können die Aktenberge, von denen jedes einzelne Blatt eine Lebensgeschichte erzählt, vor lauter Verwaltungs- und Vorschriftenwahn oft nur noch nach Schema F abgewickelt werden. Und mit ihnen das Schicksal der Menschen.

Alte Menschen: Fit oder krank

Doch wo bleiben die alten Menschen? Menschen, die sich außerhalb der Kategorien Kinder und Jugendliche, Schüler, Schwangere oder Alleinerziehende bewegen, die einfach nur am Ende ihres Lebens stehen? Sie sind heute schon in der Mehrzahl und sie werden immer mehr. Aber sie kommen in der politischen Diskussion immer noch nur am Rande vor. Sie werden entweder als Generation 50+ geführt, als fitte Senioren oder als Heimbewohner und Pflegestufenpatienten. Aber was ist mit den vielen Menschen, die in keiner Senioreneinrichtung leben, sondern zuhause. Die nicht krank sind, deren Kräfte einfach nur nachlassen, und die deshalb von Zeit zu Zeit jemanden brauchen, der nach ihnen schaut, ohne dass man sie gleich in Pflegestufen einteilen müsste? Wie geht die Gesellschaft mit diesen Menschen um, die überall mitten unter uns leben. In jeder zweiten Wohnung, in jedem dritten Haus.

Alte Menschen: Wenn Kinder sich um ihre Eltern kümmern

Wenn Kinder da sind, die sich um ihre älter werdenden Eltern kümmern können, ist das für die alten Menschen ein wahrer Segen. Da sind die südländischen Großfamilien unbedingt im Vorteil. Sie würden ihre Angehörigen niemals sich selbst überlassen. Manchmal genügt schon die pure Anwesenheit, um ältere Menschen aus ihrer Isolation zu holen. Und manche vermeintliche Depression ist plötzlich wie verflogen. Vertrautheit und Familie – und sei sie noch so klein – kann so etwas bewirken. Ohne Pillen und Psychopharmaka. In Letztere werden Millionen Summen investiert, aber der Umgang mit den eigenen Eltern gilt von Amts wegen als Privatangelegenheit. Der Begriff des Elterngeldes könnte hier ganz neu diskutiert werden.

Alte Menschen: Neue Modelle für ein sozial-verträgliches Miteinander tun Not

In Deutschland sind viele Kinder berufstätig, wohnen weit entfernt, haben sich in ihrem Leben eingerichtet. Wer sich für seine Eltern entscheidet, ist in Deutschland in (zu) vielen Fällen gezwungen, sich gegen den Beruf und gegen sein ganzes, ein Leben lang aufgebautes soziales Gefüge zu entscheiden. Im Alter verkehrt sich das Mutter-Kind-Verhältnis ins Gegenteil. Das erfordert neue Modelle für ein sozial-verträgliches Miteinander. Um beim Vater zu bleiben, der vielleicht allein lebt, weil die Frau nach 50, 60 gemeinsamen Jahren vor ihm gestorben ist. Oder bei der Mutter, die nicht mehr die Kraft hat, alleine auf die Straße zu gehen, in ihren vier Wänden aber noch gut allein zurecht kommt.

Alte Menschen gibt man nicht wie einen Gegenstand ins Heim

Gib sie doch ins Altersheim, raten dann Freunde und Bekannte. Das hört man oft. Und man müsste eigentlich jedes Mal entsetzt nachfragen, ob sich der- oder diejenige überhaupt Gedanken machen über das, was sie da so sorglos hinausposaunen. Wir geben unsere Kinder weg – in die Kita. Und wir geben unserer Eltern weg – ins Altersheim. Gleichzeitig geben wir auch unsere abgetragene Kleidung weg und Gebrauchsgegenstände, die ihren Dienst getan haben.

Die Entscheidungsträger von heute sind die Alten von morgen

Die Mehrgenerationenhäuser, die sich bundesweit peu à peu etablieren, sind eine gute Lösung. Aber bei weitem nicht für jeden. Selbst Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, die patent auf alles eine Antwort hat, weiss hier (noch) nicht weiter. Obwohl sie selbst mit bestem Beispiel voran gegangen ist, als sie mit ihrer gesamten Familie zurück zu ihrem Vater in ihr Elternhaus zog. Weil der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident, Ernst Albrecht, allein nicht mehr zurecht kommt. Sie kann es sich finanziell leisten und sich entsprechend organisieren. Aber was macht ein Durchschnittsbürger mit einem Durchschnittseinkommen, der um seinen Job bangen muss, wenn er sich das ein oder andere Mal bei seinem Arbeitgeber die Genehmigung holen muss, Vater oder Mutter zum Arzt zu begleiten? Hier ist noch vieles im Argen. Die Entscheidungsträger von heute sind die Alten von morgen. Es ist fast nicht zu verstehen, dass das nicht jeder beizeiten bedenkt.

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