Bewusstsein und Sprache als Ausdruck von Intelligenz im Tierreich

Tiere zeigen oft außergewöhnliches Verhalten. Mit der Entwicklung von Sprache und der Fähigkeit zur bewussten Täuschung offenbaren sie ihre Intelligenz.

Die Vielfältigkeit des Tierreichs zeigt sich nicht nur in der äußeren Erscheinungsform. Viele Spezies sind auch zu herausragenden kognitiven Leistungen imstande. Sie entwickeln komplexe Sozialstrukturen und verfügen über eine Sprache, die sie wie das richtige Jagdverhalten erst erlernen müssen. Das ist mehr, als ein genetisch programmiertes Instinktverhalten ausmacht.

Bewusstes und intelligentes Handeln bei Tieren

Bewusstsein und Intelligenz entziehen sich einer präzisen wissenschaftlichen Definition. Das erschwert die Einstufung von Verhaltensweisen bei Tieren unter dem Gesichtspunkt einer nicht vom Instinkt ausgehenden Steuerung. Dennoch liefert die Verhaltensforschung Beobachtungen, die dem nahe kommen, was beim Menschen mit bewussten Entscheidungen und intelligenten Schlussfolgerungen verbunden wird. Natürliche Handlungen wie das Schlagen von Beute, das Gewinnen von Paarungspartnern oder das alltägliche Konkurrenzverhalten um die vorhandenen Ressourcen sind von außergewöhnlichen Verhaltensmustern geprägt. Was bei der Interaktion mit Artgenossen oder artfremden Vertretern oftmals zutage tritt, sind keine sturen, regelmäßig wiederkehrenden Muster, sondern situationsbedingte Fallentscheidungen. Diese setzten ein bewusstes Wahrnehmen der äußeren Umstände voraus sowie ihre Einordnung und Bewertung unter dem Aspekt der Zielerreichung.

So kommt es beispielsweise dazu, dass ein Artgenosse getäuscht wird, um vor ihm an eine entdeckte Beute zu gelangen oder entgegen bestehender Gruppenregeln nicht teilen zu müssen. Dieses Verhalten haben Forscher bei Primaten und Vögeln entdeckt. Sowohl in Versuchen bei in Gefangenschaft lebenden Kolkraben und Affen als auch durch Beobachtungen dieser Tiere in freier Wildbahn hat sich dieses zielgerichtete Vorgehen gezeigt.

Zum Beispiel wandte ein einzelnes Exemplar einer Kapuzineraffen-Gruppe eine besondere List an, um sich ein Vorteil zu verschaffen. Das zum Schutz der Gruppe abgestellte Tier, das nach möglichen Feinden Ausschau hielt, während die anderen sich über eine besondere Mahlzeit hermachten, setzte einen Warnschrei ab. Bis auf den Wachhabenden flüchteten alle Artgenossen unverzüglich auf nahe gelegene Bäume. Als der flüchtenden Gruppe klar wurde, dass es sich um einen Fehlalarm handelte, hatte der Panik auslösende Primat sich bereits einen Leckerbissen erobert, den er sonst als rangniederes Tier nicht für sich hätte beanspruchen können.

Kommunikation im Tierreich über die Sprache

Die Natur kennt viele Möglichkeiten der Kommunikation. In Fischschwärmen verständigen sich die Mitglieder untereinander über elektrische Impulse. Weit verbreitet im Tierreich ist das Signalisieren bestimmter Zustände durch farbliche Veränderungen der äußeren Gestalt und Insekten tauschen sich über chemische Botenstoffe aus. Die Entwicklung der menschlichen Sprache brachte eine äußerst effektive Form von Kommunikation in die Natur. Mit der Ausbildung eines hervorragend geeigneten Stimmapparates waren die anatomischen Voraussetzungen dafür ideal. Jedoch haben auch andere Tiere ein ausdifferenziertes lautbares System hervorgebracht. Was beim Mensch durch eine Resonanzkammer im Schädel und die gegebene Lage der Stimmbänder funktioniert, erreichen auch viele weitere Tiere auf andere Weise. So erzeugen Wale 36 bislang unterscheidbare Klicklaute, die in verschiedenen Abfolgen ausgesendet werden. Diese Laute entsprechen einzelnen Wörtern und steigern ihren Informationsgehalt noch, indem sie in verschiedenen Tonlagen, mal schnell und mal langsam wiedergegeben werden. Über dieses System variierender Klicklaute stimmen unter anderem Orcas ihr Jagdverhalten ab. Das ist etwas völlig anderes als das ähnlich betriebene Echoortungssystem, mit dem Wale sich über tausende Kilometer hinweg auf ihren Wanderrouten orientieren oder über weite Distanzen paarungswillige Partner finden.

Über eine noch viel komplexere Sprache verfügen Landsäugetiere wie Erdmännchen und sämtliche Primaten. Für beide Gruppen ist nachgewiesen, dass sie über ein umfangreiches Vokabular verfügen. Anders als bei den Meeressäugern lassen sich Laute bei diesen Tieren sogleich auch übersetzen. Für das menschliche Gehör oft nicht wahrnehmbar unterscheiden sie sich nach wiederkehrendem Muster in feinen Nuancen, so dass eine Weitergabe detaillierter Informationen möglich ist. Ein Warnruf etwa kündigt nicht nur allgemein die Gefahr eines herannahenden Feindes an, sondern präzisiert zudem noch die Art des Räubers und die Richtung, aus der er kommt – aus der Luft, aus dem Wasser oder von offener Fläche.

Verhalten und Leistungen der Tiere im Vergleich zum Mensch

Bei dem Aspekt der bewussten Täuschung kann es darum gehen, sich die besten Futterquellen zu erschließen, die am besten geeigneten Nistplätze zu sichern oder einem Feind zu entkommen. Ganz allgemein hat ein Täuschungsmanöver also das Ziel, den persönlichen Energieaufwand für den Erwerb überlebenswichtiger Ressourcen zu verringern. Dieses Ziel ist bei jeder Art genetisch bedingt und bringt Verhaltensweisen hervor, die einem natürlichen Selektionsdruck unterliegen und dadurch geformt werden. Die Fähigkeit, mögliche Strategien differenziert anzuwenden und einander abzuwägen, macht jedoch den Unterschied zwischen genetisch bestimmtem Instinktverhalten und einem bewussten, planmäßigen Vorgehen aus. Das Zurechtlegen eines situationsspezifischen Täuschungsmanövers ist ein Ausdruck für das auf Intelligenz basierte Handeln. Weitere Formen sind der Gebrauch von Werkzeug sowie die Entwicklung von Sprache.

In vielen Fällen erreicht Sprache im Tierreich eine Struktur, dessen Komplexität sich aus zahlreichen Abstufungen der Laute ergibt. Ein wesentlicher Unterschied zu den heutigen menschlichen Sprachen ist neben der ungleich vorhandenen Fülle an Vokabeln das Fehlen einer grammatikalischen Konstruktion. Vermutlich erst durch ihre Entstehung wurde aus dem Kommunikationsmodell der Frühmenschen eine moderne Sprache, aus der sich das hohe Sozialleben von Homo sapiens entwickeln konnte. Dennoch hat die Evolution auch bei etlichen anderen Arten etwas Vergleichbares hervorgebracht – weil es überlebenswichtig war, mit Artgenossen zu kooperieren und sich als Gruppe zu verteidigen. Je größer der Sozialverband war, desto bedeutender wurde eine Spezifizierung der Ausdrucksform. Mit den fein abgestimmten Klick-, Grunz-, Quiek- oder sonstigen Lauten haben viele Säugetiere Sprachen entwickelt, die sicherlich nicht an das riesige Repertoire menschlichen Ausdruckvermögens heranreichen. Doch sie haben ein sprachliches Verständigungssystem errichtet, das alle für sie wichtigen Gegebenheiten mit einer Begrifflichkeit belegt, womit sich ihnen ihre ganze Welt erschließt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.