Das Problem mit dem Problem

Von den Wegen, etwas Entgegengeworfenes zu lösen

Gedanken über die Funktionalität von Problemen, ihren Lösungsmöglichkeiten und die unverzichtbare Rolle, die sie in vielen sozialen Systemen spielen.

Für den modernen Menschen gehört ein Wort zum Kernbestand des Alltagslexikons, und zwar das Problem. Wohin wir auch sehen – überall türmen sich die Schwierigkeiten: die Gasrechnung ist zu hoch, der Supermarkt schließt in drei Minuten, wir haben uns versehentlich auf die Brille gesetzt, der Älteste hat eine 5 in Mathe geschrieben, der Kleine schreit die ganze Nacht. Manche dieser Probleme sind lösbar; andere nicht. Zum Beispiel, dass die Welt ungerecht ist.

Die Begriffsgeschichte des Problems

Etymologisch betrachtet ist das Wort „Problem“ eine aus dem Griechischen entlehnte Bezeichung für etwas Vor-, Entgegengeworfenes – ein Hindernis, das uns von einem erstrebten oder erwünschten Zustand trennt – also Geld zu sparen, noch rasch etwas einkaufen zu gehen, klare Sicht zu haben, ein gutes Schulzeugnis in den Händen zu halten, die Nacht durchzuschlafen. Nun gibt es einen unüberschaubaren Markt an Problemlösungsliteratur, Ratgebern in Sachen Lebenshilfe. Am interessantesten erscheinen dabei die Ansätze, die in Erinnerung rufen, dass es per se keine Probleme gibt. Die Welt ist, wie sie nun einmal ist. Und es ist zunächst nicht ihre Sache, wenn sie uns nicht passt. Das heißt.: Probleme werden von uns erst erzeugt, indem wir sie wahrnehmen. Wir vergleichen einen Soll- mit dem Ist-Zustand, und nach der Differenz dieser beiden bemessen wir die Lösung.

Analytisches, synthetisches und dialektisches Problemlösen

Kognitionswissenschaftliche Ansätze unterscheiden dabei verschiedene Arten des Problemlösens, und zwar die analytische, die synthetische und die dialektische Methode. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Frage, ob Ziele und Mittel der Problemlösung bekannt sind. So stehen beim analytischen Problemlösen sowohl das Ziel als auch das Mittel zu dessen Erreichung fest. Das synthetische Problemlösen dagegen verfügt zwar über das Ziel, doch die Mittel sind offen, d. h., können im Verlauf des Problemlösungsprozesses noch ergänzt, erweitert werden. Hier spielen dann sogenannte funktionale Äquivalente eine Rolle. Am flexibelsten erweist sich wiederum das dialektische Problemlösen, das sowohl die Mittel als auch das Ziel als veränderlich ausweist.

Funktionale Äquivalente

Eine systemische Sichtweise bemüht sich darum, verschiedene Handlungsmöglichkeiten ausfindig zu machen, die unter dem Gesichtspunkt ihres Problemlösungspotenzials miteinander vergleichbar sind. Beispielsweise kann man das schreiende Kind beruhigen, es ablenken, ihm seine Lieblingsgeschichte vorlesen, darauf verweisen, dass sein Teddy auch schläft oder Ohropax verwenden. Insbesondere in diesem Feld operierende psychotherapeutische Ansätze raten dazu, den Blick weniger auf die Probleme, sondern vor allem auf ihre Lösungswege zu richten – ihnen zufolge verfügt der Klient bereits über ein Set von Ressourcen, mit denen er Herr des Problems werden kann. Eine womöglich noch verblüffendere Einsicht gewinnt man, wenn man das Problem in den Raum der Lösungsmöglichkeiten einführt. Dann erkennt man, dass Probleme neben ihrer schädlichen auch eine funktionale Seite haben. Soll heißen: Ein Problem P1 ist oft die Lösung eines vorangehenden Problems P0, deren Nebenwirkungen sich als unerwünscht herausgestellt haben. Um beim Beispiel zu bleiben: Das Kind schreit vielleicht, weil es auf diese Weise einen Albtraum verarbeitet bzw. signalisieren will, dass es der Aufmerksamkeit der Eltern bedarf.

Das Problem – ein notwendiges Übel

Man kann also die beruhigende Gewissheit gewinnen, dass Probleme niemals aussterben, sondern allenfalls punktuell gelöst, d. h. verschoben werden. Ansätze in der Organisationsforschung greifen dies auf und vertreten die Ansicht, dass eine Behörde oder ein Unternehmen unerreicht darin ist, sich seine eigenen Probleme zu kreieren, zu schaffen, um nicht den Betrieb einstellen zu müssen. Probleme sind für Organisationen also so etwas wie lästige Notwendigkeiten, ohne die nichts vorangeht – ganz gleich, wie unerfreulich der Lösungsprozess auch sein mag. In diesem Sinne: Halten wir Ausschau nach den nächsten Schwierigkeiten!

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