Der Verlust der Sprachkultur

„Die Pistole ist das Schreibgerät der Analphabeten“. Gedanken zur Notwendigkeit der Alphabetisierung auf Grundlage des Buches „Der Verlust der Sprachkultur“ von Barry Sanders.

Als in seiner Regierungserklärung vom 19. Juni 1996 Ministerpräsident Erwin Teufel eine Initiative der Landesregierung zur Lese- und Literaturförderung in Baden-Württemberg ankündigte, entstand die Aktion “Orte für Worte, Literatur lesen”. Es ist eine essentielle Maßnahme, die weiter fortgesetzt wurde und wird.

Sie richtet sich an alle Menschen, denen das Lesen nicht gleichgültig ist, denn Sprichwörter, Redensarten und Geschichten stehen für uns wie Goldkörner der Wahrheit im Strom der Zeit vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Lesen und eine anschließende Kommunikation verhindert Gewaltanwendungen, so Barry Sanders in seinem Buch „Der Verlust der Sprachkultur“.

Die Analphabeten sind in der Überzahl

Die Lese-und Schreibkundigen bilden in der Weltbevölkerung nur eine kleine Minderheit. Nach Zählungen der UNO haben von den 3 000 Sprachen, die heute in der Welt gesprochen werden, ganze 78 eine Literatur. Von diesen erfreuen sich klägliche 5 oder 6 einer internationalen Resonanz. Deutsch ist eine der meistgesprochensten Fremdsprachen.

Aber Lese- und Schreibkenntnisse befähigen Menschen ihre Meinung so auszudrücken, wie es schriftlosen Völkern nie möglich sein wird. Wer nicht lesen kann und will, der ist in unserer modernen Welt auf eine besondere Weise einsam.

Viele Menschen haben heute die Möglichkeit in jene andere Welt, die Einbahnstraße des Lesen- und Schreibenkönnens, schon als Kind hinüberzuwechseln.

Kinder sind die Lehrer mit den nachdrücklichsten Erfolgen

Nicht lesen zu lernen, hat in der Regel nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun; das Gegenteil ist eher der Fall. Es gehört schon etwas dazu, den Pädagogen durch die Maschen zu schlüpfen. Oft fehlen einfach die weiterreichenden Überlegungen, um die Wichtigkeit des Leses im Alltag zu erfassen. Aus dieser Blockade heraus sind die Versuche der Lehrer mit Hilfe von Computern und deren Software ihre Schüler aus den Klauen des Analphabetismus zu befreien, vielfach nur mit mäßigem Erfolg gekrönt. Die Schüler sehen Sinn und Zweck des Ganzen nicht ein, zumal einige Lehrer nicht berücksichtigen, dass die Anfänge des Lesens in der mündlichen Überlieferung, weit vor der Zeit der ersten Schrift liegen und ihre Wurzeln im Spaß und Spiel und der Körpersprache haben.

Kinder sind so gesehen die besten Lehrer der Welt. Ohne ein Wort sprechen zu können, bringen sie ihre Eltern dazu, ihre elementaren Wünsche möglichst rasch zu befriedigen. Aus diesem Grunde wäre es logisch, zu erforschen, wie Kinder lesen lernen wollen.

Der Fernseher ist kein Lernapparat

Amerikanische Negativbeispiele sollten uns dabei als Warnung dienen. Der Fernsehapparat ersetzt in diesem Land bei vielen Kindern (besonders von Einwanderern) das Erlernen der neuen Sprache. Dadurch fehlt die Grundlage des Lesens.

Die Sprachwissenschaftlerin Breyne Arlene Moskowitz erklärt: “Als alleiniges Medium zum Erlernen von Sprache ist ein Fernsehapparat ungeeignet, denn wenn er auch Fragen stellen kann, so kann er doch die Fragen des Kindes nicht beantworten.”

Frühmorgens angestellt, plappert der Apparat in manchen Haushalten ohne Unterlass bis spät in die Nacht hinein; denn sein Schweigen bedeutet für die Massenmedien Einnahmeverluste.

Viele Eltern wissen nicht: ”Das Fernsehen verhindert den Kontakt mit sich selbst. Sprechen lernt man durch Sprechen.”

Das Fernsehen schafft ein Klima, das dem Geschichtenerzählen den Garaus macht. Wenn die Spezialisten recht behalten, wird es einem Kind, das mit einer irrealen Welt aufwächst, später einmal schwer fallen, sich eine Welt vorzustellen, in der man ohne Gewalt Überleben kann. Wer nie gelernt hat, sich verbal auszudrücken und von Menschen verstanden zu werden, wird in extremen Situationen auf Gewalt zurückgreifen. Die Erfahrungen hat man sich schon bei der Schulung von Legionären zu Nutze gemacht.

Der Schriftsteller Barry Sanders kommt aus diesem Grund zu der Meinung: “Die Pistole ist das Schreibgerät der Analphabeten”.

Wissbegier festigt die eigene Position

Vordem war „das Geschichten Erzählen“ das Herzblut des Volkes. Zu allen Zeiten bettelten Kinder: ”Erzähl mir was von früher” und erfuhren somit etwas von ihren Vorfahren.

Lesenlernen fängt beim Lebenlernen an

Wer weiß, woher er kommt, was seine Aufgabe im Leben ist, wie er sich nach Sitte und Moral zu verhalten hat und er an irgendeine Art von Religion glaubt, hat die besten Grundvoraussetzungen, ein erfolgreiches Leben zu führen.

Wenn ein Kind von Erwachsenen etwas erzählt oder vorgelesen bekommt, wird es neugierig auf das Leben und das selber Erlesen und Erfahren.

Denkfähigkeit ist Voraussetzung für jedes Lernen. Beim Geschichtenerzählen muss man aufmerksam zuhören, weil Worte schnell davonfliegen. Der Vorgang des Lesenlernens ist so gesehen komplexer als man denkt und nicht durch “Klapse auf den Hinterkopf” zu beschleunigen.

Viele Jugendliche, denen nicht die Ruhe gewährt wurde, eine Problemlösung selber zu finden, sind schnell frustriert, und bekommen das Gefühl, reparaturbedürftig zu sein.

Sie haben es nie erfahren, dass unsere persönliche Leistung nie alle Kritiker zufriedenstellen kann.Zugegebenermaßen sind Lesen und Schreiben unnatürliche Fähigkeiten, aber man kann durch sie die Klippen des Lebens besser umschiffen.

Und: Es gibt noch gute Lehrer.

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