Die „Pille“ für den Mann: zuverlässige Verhütung durch Hormone?

Durch Hormone lässt sich die Spermien-Produktion unterdrücken. Doch wie sicher ist dieses Verhütungsmittel? Und gibt es Nebenwirkungen?

Kein bisheriges Verhütungsmittel ist perfekt: Kondome sind nicht besonders sicher und werden oft als störend empfunden, schützen jedoch vor Geschlechtskrankheiten und sollten daher bei flüchtigen Bekanntschaften immer mit dabei sein. Die Antibaby-Pille für die Frau verursacht in vielen Fällen Gewichtszunahme und Stimmungsschwankungen, kann vergessen werden oder durch Durchfall beziehungsweise Erbrechen ihre Wirksamkeit verlieren, und sie erfordert hundertprozentiges Vertrauen des Mannes in die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit der Frau. Andere hormonelle Verhütungsmittel wie Hormonspirale, Dreimonatsspritze und Implanon haben ebenfalls ihre Nebenwirkungen. Natürliche Verhütungsmethoden wie die Messung und Beobachtung der Körpertemperatur zur Bestimmung des Eisprunges sind sehr unsicher. Sterilisierung von Mann oder Frau ist zwar sicher, jedoch ein unumkehrbarer Schritt.

Ein derzeit diskutiertes und getestetes Verhütungsmittel soll viele dieser Probleme (oder sogar alle?) beseitigen können: die Hormonspritze (oder Pille, Pflaster, Gel, Implantat) für den Mann. Durch Unterdrückung der Samenproduktion soll diese Methode sehr sicher sein, praktisch keine Nebenwirkungen haben, und einem zeugungsunwilligen Mann mehr Kontrolle über die Verhütung ermöglichen. Doch bisher sind die entsprechenden Produkte noch nicht auf dem Markt. Eine Einführung wird frühestens für 2012 erwartet. Was sagen aktuelle Studien zu diesem Thema?

Die Funktionsweise der männlichen hormonellen Verhütung

Bereits seit etwa 70 Jahren ist bekannt, dass Testosteron-Gaben die Spermienproduktion vermindern. Jedoch ist dieser Effekt nicht ausreichend, um ihn als Verhütungsmittel einsetzen zu können. Erst durch die Kombination von Testosteron mit Progestogen kann die Methode als sicher angesehen werden. Männliche hormonelle Kontrazeptiva (Verhütungsmittel) vermindern die Ausschüttung von Gonadotropin (Sexualhormon, welches die Keimdrüsen stimuliert). Dadurch wird die Produktion von Spermien so stark minimiert, dass eine Befruchtung beinahe unmöglich ist .

Der Effekt tritt – ebenso wie bei einer Vasektomie (Sterilisation des Mannes) – erst nach etwa zwei bis drei Monaten auf, da die Dauer der Spermatogenese (Bildung von Spermien) etwa 72 Tage beträgt . Die Sicherheit der aktuell getesteten Präparate liegt bei etwa 99 Prozent, und ist somit vergleichbar mit der Antibaby-Pille für die Frau. Wenige Monate nach Absetzen der hormonellen Verhütung sind die Männer wieder zeugungsfähig.

Akzeptanz der hormonellen Verhütung für Männer

Entgegen erster Annahmen stellte sich heraus, dass die männliche Verhütung durch hormonelle Verminderung der Spermienproduktion in allen Kulturkreisen und bei beiden Geschlechtern auf hohe Akzeptanz stößt. Die Gründe dafür: Frauen hoffen auf eine Verhütung, die ihnen selbst die permanente hormonelle Belastung und die volle Verantwortung abnimmt. Männer mögen den Gedanken, dass sie Kontrolle über die Empfängnisverhütung bekommen. Lediglich in einigen streng religiösen Ländern und Gruppierungen ist die Akzeptanz – wie für alle anderen Verhütungsmittel auch – eher gering.

Die Bereitschaft zur Einnahme des Verhütungsmittels ist abhängig von der Verabreichungsform: die orale Aufnahme wird gegenüber der Spritze bevorzugt. Andere Möglichkeiten der Aufnahme umfassen unter anderem transdermale Produkte, die auf die Haut aufgetragen (Gel) oder geklebt werden (Patches) und ihre Wirkstoffe durch die Haut abgeben, und auch Hormon-Implantate wurden bereits getestet [2].

Eventuelle Schwierigkeiten und Nebenwirkungen von hormonellen männlichen Verhütungsmitteln

Bei gleicher Dosierung und Art der Einnahme zeigen verschiedene Ethnien auch verschiedene Wirkungsgrade des Mittels. Asiaten sprechen deutlich besser auf die hormonelle Verhütung an. Die Gründe dafür sind noch nicht hinreichend bekannt, jedoch wird vermutet, dass die Metabolisierung (Verstoffwechslung) von Testosteron je nach ethnischer Herkunft unterschiedlich schnell abläuft.

Die möglichen Nebenwirkungen sind abhängig von der Art der Aufnahme (oral, transdermal, intramuskulär,…), von der Höhe der Dosierung, und von den enthaltenen Wirkstoffen. Bisher ist nicht ausreichend bekannt, bei welcher Verabreichungsform, Dosierung, und bei welchen Wirkstoffen am wenigsten Nebenwirkungen auftreten.

Zu den bisher vermuteten Nebenwirkungen zählen: Erkrankungen der Prostata bis hin zu Prostata-Krebs, Akne, Gewichtszunahme um durchschnittlich etwa vier Kilogramm (durch Erhöhung der Muskelmasse), und Erhöhung des Hämoglobin-Gehaltes im Blut.

Mögliche positive Nebeneffekte der hormonellen Kontrazeptiva für den Mann

Es wird diskutiert, ob eventuell diese Präparate auch die Entstehung mancher Krebs-Arten verhindern könnten. Weiters führt Testosteron zu einer Erhöhung der Muskelmasse und Reduktion des Körperfettes; ein Effekt, der viele junge Männer und deren Hausärzte gewiss freuen würde. Auch die Dichte der Knochenmasse wird üblicherweise durch langfristige Testosteron-Aufnahme erhöht, wodurch das Risiko für Frakturen (Knochenbrüche) und Osteoporose sinken würde.

Warum ist die männliche „Pille“ noch nicht auf dem Markt?

Erstaunlich waren die Ergebnisse einer Studie, die Stimmungsschwankungen und seelische Tiefs bei Männern nach Einnahme des Präparates festgestellt hatte. Denn auch jene Männer, die nur Placebo bekommen hatten, litten daran [4]. Fraglich ist also, inwiefern das männliche Unterbewusste mit der Unterbindung der Fruchtbarkeit zurecht kommt. Einige Pharma-Konzerne zogen sich aufgrund dieser Problematik aus der Forschung und Entwicklung der „Pille für den Mann“ zurück.

Da sie über einen sehr langen Zeitraum von sehr vielen Männern eingenommen werden könnten, müssen diese Verhütungsmittel sehr hohen Ansprüchen gerecht werden: sie sollen sicher verhüten und dürfen selbst bei jahrzehntelanger Anwendung keine Krankheiten und keine schweren Nebenwirkungen verursachen. Beides kann nur in sehr umfangreichen Langzeit-Studien ermittelt werden. Diese Studien sind teuer. In den letzten Jahren haben sich einige große Sponsoren zurückgezogen; daher mussten Studien abgebrochen werden und weitere können nur schwer finanziert werden.

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