Die speziellen Reize einer Deichwanderung

Vom Zecheriner Hafen bis Peenemünde schützt der Peenestromdeich den Norden der Ostseeinsel Usedom vor feuchten Überraschungen.

Irgendwie faszinierend so ein Deich. Landschaftlich ist der oft kilometerlange Wall eigentlich ziemlich langweilig. Ein künstlich aufgeschütteter Sandkern, abgedeckt mit Kleiboden und von einer dichten Grasnarbe überwuchert, zieht sich stur und gleichmäßig hoch zwischen Land und Wasser dahin. Vielleicht trifft man hier und da ein paar Schafe, die ebenso gleichmütig und stur den Rasen kurz halten und die Erde feststampfen.

Auf der Landseite begleitet am Fuß des Deiches ein Weg den wie tot daliegenden sandigen Lindwurm. Am Peenestromdeich trennt außerdem ein Wassergraben den Wall vom Hinterland. Nur an einigen, speziell dafür vorgesehenen Stellen ist der Übergang möglich und erlaubt. Von der Deichkuppe aus eröffnet sich im Osten ein weiter Blick über Wiesen und Felder. Im Westen fließt der Peenestrom. Ein Fischerboot ist zu entdecken, ab und zu schippert ein dickes Frachtschiff Richtung Ostsee oder Oder. Im Sommer flattern unzählige weißen Seegel der Freizeitschiffer vorbei. Aber vor allem im Februar oder März, wenn der Peenestrom vom geschmolzenem Schnee- und Eiswasser besonders voll ist, ahnt man erst mit welcher Kraft der Deich das Land vor Überschwemmungen schützt.

Die Deichwanderung beginnt in Zecherin

Die Wanderung beginnt in Wolgast. Über die Brücke geht es direkt auf die Insel Usedom. Ein Fußweg parallel zur Gleisstrecke der Usedomer-Bäder-Bahn (UBB) führt vorbei an der Gaststätte Schwedenschanze im Wolgaster Ortsteil Mahlzow und weiter auf der halbbefestigten Landstraße zum Nachbardorf Zecherin. Leider gibt es keinen Weg direkt am Peenestrom. Grundstücke mit schönen Häusern und Bootsstegen, aber auch das schilfige Ufer verhindernden einen solchen Wanderpfad. Nach drei Kilometern etwa, am Hafen Zecherin beginnt die eigentliche Deichwanderung. Von der Deichkrone aus schweift der Blick noch einmal zurück nach Wolgast. Die moderne blaue Zugbrücke, die Silhouette der Altstadt mit dem gedrungenen Turm der Petrikirche, die Peenewerft und ihre hohen Kräne zeichnen sich klar ab vor blauem Hintergrund. Das Auge wandert weiter über den Peenestrom. Von der gegenüberliegenden Landseite grüßt von Weitem auch schon die Kirchturmspitze von Kröslin. Kommt man etwas näher, ist die ausgedehnte Anlage der Krösliner Marina auszumachen. Landwärts breitet sich Endmoränenlandschaft, typisch für die Ostseeinsel Usedom, aus.

Gute dreieinhalb Kilometer geht es nun weiter auf dem Deich bis zum Hafen Karlshagen. Hier kann man eine Pause einlegen, auf einer Bank das Leben im Hafen beobachten, mit dem Gedanken spielen, eine der schicken Ferienwohnungen zu kaufen oder wenigsten zu mieten, im Hafenrestaurant Labskaus genießen oder Interessantes im Bettenmuseum erfahren.

Kultur- und Museumslandschaft hinterm Deich

Hinterm Hafen Richtung Karlshagen geht’s über den Parkplatz links wieder zurück zur Deichlandschaft. Diesmal bleibt der Wanderer auf dem Feldweg nach Peenemünde.

Der Deich zwischen Zecherin und Pennemünde existiert so erst seit 80 Jahren. Verheerende Sturmfluten überraschten 1872, 1874 sowie 1904 und 1905 die Menschen im Inselnorden, so dass 1908 ernsthaft daran gearbeitet wurde, Nordusedom von der Peenestromseite her zu schützen. Anfang der 1930er Jahre war der Deich von Süden bis zum Hafen Karlshagen fertig. 1936 kam die Heeresversuchsanstalt Peenemünde als Deichbauer und Geldgeber mit ins Spiel. Dabei wurde eine ehemalige Peenestrombucht abgetrennt. Es entstand der Cämmerer See. Bauliche Überreste aus der Zeit des Wunderwaffenwahns säumen heute den Weg zwischen Karlshagen und Peenemünde. Das Historisch-Technische Museum hat informative Tafeln dazugestellt, so dass der fünf Kilometer lange Wanderweg gleichzeitig zu einer Geschichtsstunde unter freiem Himmel wird.

Der Feldweg von Karlshagen nach Peenemünde ist trocken. Linkerhand steckt der Deich den Horizont ab, auf der Rechten Seite ein ausgedehnter Wald. Zwischen Weg und Deich sowie Weg und Wald erstrecken sich mit Meliorationsgräben durchzogene und trotzdem vor Nässe beinahe überschwappende Wiesen. Da kann man schon demütig werden gegenüber dem Deich und seiner schützenden Stärke.

Drastische Strafen für Deichfrevler

Allerdings ist solch ein Menschenwerk auch gefährdet. Ohne Pflege kann es seiner Pflicht, vor Hochwasser zu schützen, nicht gerecht werden. Im Mittelalter drohten säumigen Deichhaltern drastische Strafen. Nach dem Stedinger Deichrecht von 1424 wurde demjenigen, der zum Beispiel Deichbäume beschädigte, die Hand abgeschlagen. Wer seine Deichfläche in schlechtem Zustand hielt und damit Verderben übers Land brachte, wurde lebendig samt Holz und Stein seines Hauses im Deich begraben. Wer mutwillig den Deich beschädigte, wurde verbrannt. Wer seiner Pflicht zum Unterhalt des Deiches nicht nachkam, musste sein Land aufgeben.

Heute ist der Hochwasserschutz eine Aufgabe der Landespolitik. Um Nordusedom rundherum vor Sturmfluten und Hochwasser zu schützen, steht noch der Bau eines Riegeldeichs zwischen Peenestromdeich und Zinnowitzer Düne auf dem Plan. 2014, so wurde es jedenfalls versprochen, soll die letzte Lücke geschlossen werden. Ob es bis dahin allerdings noch einen Peenestromdeich gibt oder bereits Feuchtwiesen die Landschaft beherrschen, ist zurzeit fraglich. Wurde doch die Kulturlandschaft im Inselnorden zum Kompensationsflächenpool Cämmerer See deklariert und soll als Ausgleichsfläche für Investitionen am Industriestandort Lubmin dienen. Ein entsprechendes Projekt sieht die „Renaturierung“ und damit das Verschwinden des Peenestromdeichs vor. Allerdings wehren sich die Bürger dagegen und wollen den Deich retten.

Noch ist aber die beschriebene Deichwanderung möglich. In Peenemünde lockt außerdem eine spannende Museumslandschaft mit Historisch-technischem Museum bis zum Spielzeugmuseum. Danach freut man sich auf eine entspannte Zugfahrt mit der UBB bis Zinnowitz, dort umsteigen und zurück nach Wolgast.

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