Die Stellenanzeigen für Sozial- und Geisteswissenschaftler

Was verlangen Arbeitgeber von Sozial- und Geisteswissenschaftlern in ihren Stellenausschreibungen?

In Kooperation mit dem Wissenschaftsladen Bonn hat Manfred Bausch von der Zentralstelle für Arbeitsmarktentwicklung (ZAV) seit dem Jahr 2006 Stellenanzeigen ausgewertet, die sich an Sozial- und Geisteswissenschaftler richten. Die letzte Erhebung liegt für das Jahr 2017 vor. Der Wissenschaftsladen Bonn gibt die Zeitschrift „Arbeitsmarkt BILDUNG KULTUR SOZIALWESEN“ heraus, in der er wöchentlich die aktuellsten Stellenanzeigen für folgende Rubriken veröffentlicht:

  • Journalismus / Öffentlichkeitsarbeit / Verlags- und Bibliothekswesen,
  • Schule / Aus- und Weiterbildung,
  • Kunst und Kultur,
  • leitende Funktionen,
  • internationaler Austausch / Sprachen und Tourismus,
  • Sozialwesen und Psychologie,
  • Wissenschaft / Hochschule / Forschung.

Dafür wertet Wila Bonn 66 Tages- und Wochenzeitungen, 31 Fachzeitschriften und verschiedene Onlineangebote aus.

Mit wem konkurrieren die Sozial- und Geisteswissenschaftler

Stellenangebote für Sozial- und Geisteswissenschaftler werden zum überwiegenden Teil nicht an Absolventen bestimmter Studienfächer gerichtet, sondern zählen Alternativen auf oder nennen ganze Gruppen von Studienfächern. Sozial- und Geisteswissenschaftler konkurrieren somit oft untereinander um dieselben Stellen, häufig aber auch mit Absolventen von Wirtschaftswissenschaften, in Einzelfällen auch mit Naturwissenschaftlern oder Ingenieuren.

Zu den Sozialwissenschaftlern im engeren Sinne zählen neben Sozialwissenschaftlern Soziologen und Politologen. Unter den Geisteswissenschaftlern werden Absolventen folgender Fachrichtungen subsumiert: Germanisten, Historiker, Kunsthistoriker, Philosophen, Anglisten, Kulturwissenschaftler, Archäologen, Ethnologen, Romanisten, Literaturwissenschaftler, Theaterwissenschaftler, Sprachwissenschaftler, Kulturmanager, Theologen, Slawisten, Musikwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Klassische Philologen und Religionswissenschaftler. Geisteswissenschaftler werden noch etwas seltener als Sozialwissenschaftler explizit in Stellenanzeigen genannt.

Wo erscheinen die Stellenanzeigen für Sozial- und Geisteswissenschaftler

Immer mehr Stellen werden online ausgeschrieben und dies zu Lasten der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Große Printmedien werden zusehends nur noch gewählt, wenn Führungspositionen offeriert werden. Daneben veröffentlichen die regionalen Printmedien eine ähnliche Anzahl an Stellen wie früher. Gestiegen ist die Anzahl der Stellenangebote für Sozial- und Geisteswissenschaften in Fachzeitschriften, da offensichtlich die Ansprüche an die Fachlichkeit der Bewerber ungebrochen hoch geblieben oder gar gestiegen ist.

Art der Arbeitsverhältnisse im Sozial- und Geisteswissenschaftlichem Bereich

Die meisten Stellenausschreibungen machen zu den Gehältern, dem Umfang oder zur Befristung einer Stelle nicht viele Angaben. Nachweislich überwiegen jedoch in den Einsatzfeldern der Geistes- und Sozialwissenschaftler befristete Arbeitsverhältnisse und ihre Anzahl ist seit Jahren gestiegen. Neben dem Trend zu immer mehr befristeten Arbeitsverhältnissen beobachtet man auch, dass sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen in Projekte zerlegt und in Kleinaufträge zersplittert sowie ausgelagert werden, um beispielsweise von Honorarkräften oder über Dritte abgewickelt zu werden.

Unbefristete Jobs kommen in textlastigen Berufen mit kärglichen 15,1 Prozent noch am häufigsten vor. Beispielsweise in PR-Agenturen oder in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Unternehmen. Ungefähr die Hälfte der Stellen wird darüber hinaus in Teilzeit ausgeschrieben, wobei hier der Bereich Wissenschaft/Forschung noch am häufigsten Vollzeitstellen zu bieten hat.

Regionale Unterschiede bei der Häufigkeit der Ausschreibungen

Viele Stellen werden für den Postleitzahlbereich 1 ausgeschrieben, da vor allem Berlin inzwischen zum Hauptsitz politiknaher überregionaler Vereine, Lobbyorganisationen, Vertretungen, Verbänden und Stiftungen geworden ist. Stellenanzeigen, welche an die schreibende Zunft gerichtet sind, kommen zum überwiegenden Teil aus dem Postleitzahlbereich 5, also dem Rheinland mit der Medienstadt Köln. Aber auch Frankfurt, Stuttgart, München und Hamburg sind stark vertreten.

Was erwarten die Arbeitgeber von Sozial- und Geisteswissenschaftlern?

In den Stellenausschreibungen lautet die am häufigsten erwähnte Anforderung gute bis sehr gute Englischkenntnisse. Nachfolgend wird die Berufs- und Praxiserfahrung genannt. Viele Stellenanzeigen verlangen einschlägige Berufserfahrungen, womit gemeint ist, dass der Bewerber eine ähnliche oder gar so gut wie identische Arbeit bereits gemacht haben sollte. Nicht wenige Stellenanzeigen erwähnen gar mehrjährige, fundierte Berufserfahrung als Muss-Anforderung. Bei der Häufigkeit der Nennung von Berufserfahrung lässt sich folgende Reihenfolge ableiten:

  • leitende Funktionen (79 Prozent),
  • Journalismus (68 Prozent),
  • Kunst/Kultur (62 Prozent),
  • Internationales (61 Prozent),
  • Sozialwesen (57 Prozent),
  • Wissenschaft (53 Prozent)
  • und am wenigsten in der Bildung, etwa bei den Lehrern (32 Prozent).

Sicherlich dient das Formulieren hoher Anforderungen auch dem Zweck, nicht mit Bewerbungen überschüttet zu werden, doch da es jetzt schon ein Überangebot an berufserfahrenen Bewerbern gibt, ist es verständlich, dass die Arbeitgeber diesen den Vorzug geben und der Status „Berufsanfänger“ häufig zum Anlass genommen wird Bewerbungen der betreffenden Kandidaten schon bei der ersten Durchsicht der Bewerbungsmappen auszusortieren. Das macht den jungen Absolventen das Leben nicht gerade einfach, da es länger dauern kann, bis man die Chance bekommt, Berufserfahrung sammeln zu können.

Der Anforderungskatalog für einzelne Berufsgruppen lässt sich in absteigender Reihenfolge nach der Häufigkeit der Nennung folgenderweise darstellen:

  • Journalisten/PR-Mitarbeiter/Texter: Englisch, Berufserfahrung, journalistische Erfahrung, MS-Office, Fremdsprachenkenntnisse allgemein, spezielle Softwarekenntnisse, Redaktionserfahrung, EDV-Kenntnisse allgemein, kaufmännische Kenntnisse, Praxiserfahrung, abgeschlossenes Volontariat, CMS
  • Internationaler Bereich/Entwicklungshilfe: Englisch, Berufserfahrung, Französisch, Spanisch, MS-Office, Auslandserfahrung, Erfahrung in Projektmanagement, EDV-Kenntnisse allgemein, Marketing, Fremdsprachenkenntnisse allgemein
  • Wissenschaft und Forschung: Englisch, Empiriekenntnisse, Internetkenntnisse, Berufserfahrung, HTML-Kenntnisse, Fremdsprachenkenntnisse allgemein, statistische Methodenkenntnisse, SPSS, Auslandserfahrung, Französisch
  • Leitende Positionen: Englisch, Berufserfahrung, MS-Office, EDV-Kenntnisse allgemein, Qualitätsmanagement, Internetkenntnisse, Erfahrung in Projektmanagement, Fremdsprachenkenntnisse allgemein, statistische Methodenkenntnisse, Empiriekenntnisse.

Soft Skills

Inzwischen gewinnen die Schlüssel- oder auch außerfachlichen Qualifikationen sogar bei den Ausschreibungen aus dem Bereich Wissenschaft und Forschung an Bedeutung, wo sie traditionell am wenigsten eine Rolle spielen und eher fachliche Qualifikationen nachgefragt werden. Teamfähigkeit steht dabei von der Häufigkeit der Nennung überall auf Platz 1 – ein Begriff, der allerdings in fast allen Stellenanzeigen quer durch die Branchen zu finden ist und inzwischen etwas Gebetsmühlenähnliches hat. Häufig genannt werden darüber hinaus solche Begriffe wie Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit, Engagement, Kreativität und Organisationstalent und bei leitenden Funktionen selbstverständlich Führungskompetenz. Wie ernst es dem Arbeitgeber mit der einen oder anderen Eigenschaft tatsächlich ist, sei dahingestellt.

Der Wert des Bachelorstudiums

Für Bachelorabsolventen ist der Markt hart, denn an diese richten sich so gut wie keine Stellenangebote. In Wissenschaft und Forschung wird explizit darauf verwiesen, dass dieser Abschluss als alleinige Qualifikation für eine Bewerbung nicht reicht. Ausnahmen bilden Bachelor-Abschlüsse als Voraussetzung für eine Bewerbung in Bibliotheken, da sich Bachelors als „Nachfolger“ des Diplom-Bibliothekars auf FH-Ebene langsam durchsetzt. Im Kulturwesen werden gelegentlich Kirchenmusiker mit Bachelorabschluss akzeptiert. Außerdem wird der Bachelorabschluss wohl zuweilen als Äquivalent mit dem vormaligen (Diplom-) FH-Diplom gleichgesetzt. So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich die Situation von Bachelorabsolventen verbessert. Hat ein Bewerber nur den Bachelor in der Tasche, kommt es vor allem auf seine Berufserfahrungen an, die aber nicht so einfach zu sammeln sein wird.

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