Die Suche nach den Verhaltensmustern

Profiler bei der Fahndung nach Verbrechern

Ein Täter hinterlässt nicht nur materielle sondern auch viele „psychische“ Spuren. Ein Profiler erstellt daraus ein psychologisches Profil.

Selten ist die Arbeit von Profilern oder Fallanalytikern, wie man sie in Deutschland nennt, so spektakulär wie in der Verfilmung des Kriminalromans von Thomas Harris „Das Schweigen der Lämmer“. Obwohl die fiktive Person des Leiters der FBI Abteilung, Jack Crawford, ein lebendiges Vorbild hat: John Douglas.*) Der weltbekannte amerikanische FBI-Profiler startete 1979 ein Interviewprojekt mit überführten Serienmördern, um mehr über die Persönlichkeit dieser Täter zu erfahren. Seine Arbeit hat zur Unterscheidung zwischen planenden und nicht planenden Sexualmördern beigetragen.

Faszination und Wirklichkeit

Die Tätigkeit der Profiler begleitet von Beginn an eine ununterbrochene Faszination. Dazu tragen wesentlich die Literatur und der Film bei. Nicht wenige Leser und Zuschauer sehen sich selbst in dieser Rolle und suchen nach Informationen, wie man zum Profiler wird. Sodass sich das Bundeskriminalamt gezwungen sah, eine ausführliche Broschüre darüber zu verfassen. Darin ist zu lesen, dass man bei der Ausbildung zum Fallanalytiker mit einer Zeitspanne von ungefähr 15 Jahren rechnen muss.

Die Wirklichkeit ist nicht nur aus diesem Grund ernüchternd. Die fallanalytischen Verfahren spielen lediglich eine ergänzende Rolle in den Ermittlungen. Laut einer Studie aus Großbritannien führte das Profiling nur bei 2,7 Prozent der untersuchten Fälle zur Identifizierung des Täters. Eine interne FBI-Umfrage ergab eine etwas höhere Zahl von fast 8 Prozent. **)

Trotzdem schätzen die Polizeibeamten diese Unterstützung in hohem Maße. Über 90 Prozent der britischen Ermittler wollen in der Zukunft mit einem Profiling-Experten zusammenarbeiten. Ähnlich hohe Zahlen brachte eine Umfrage in den Niederlanden.

Die befragten Polizisten erklärten, dass die fallanalytischen Gutachten ihnen „ein tieferes Verständnis für den Fall gegeben“ hatten. Darüber hinaus erfuhren sie viel Neues über den Fall und gewannen dadurch „neue Handlungsmöglichkeiten“**).

Die Ersten

Der erste Profiler hieß C. Auguste Dupin und war ein Amateurdetektiv. Er versetzte sich als Analytiker „in den Geist seines Gegners“, um das Verbrechen aufzuklären. Dies ermöglichte ihm ein Täterprofil zu erstellen. Die wenig bekannte Figur dieses Detektivs erschuf in seiner Kurzgeschichte „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) Edgar Allan Poe.

Ein Nachfolger von Auguste Dupin, ebenso ein fiktiver Detektiv namens Sherlock Holmes, erlangte einen größeren Weltruhm als sein Schöpfer – Arthur Conan Doyle.

Zu den ersten Profilern aus Fleisch und Blut zählte ein amerikanischer Psychoanalytiker, stellvertretender Leiter einer Abteilung für psychische Erkrankungen in New York, Dr. James A. Brussel. Er wurde 1956 von der Polizei in New York um Hilfe bei der Fahndung nach einem Bombenleger gebeten. In sechzehn Jahren verübte der Täter über dreißig Attentate an den öffentlichen Orten wie Bahnhöfe oder Veranstaltungshallen.

Der Fall des Bombenlegers aus New York

Doktor Brussel sah sich genau die Fotos der Tatorte an und las aufmerksam die Briefe des Bombenlegers an die Zeitungen, um die dahinter verborgenen Verhaltensmuster zu begreifen. Der Täter zeigte vor allem seine Wut. Zwar ärgert sich jeder Mensch über andere Personen, Ereignisse und Situationen, aber mit der Zeit lässt die Wut nach. Nicht jedoch in diesem Falle. Daher erkannte Dr. Brussel in dem Täter einen Paranoiker.

Seine Beschreibung verblüffte mit Details: Es sollte sich um einen unverheirateten höfflichen Mann mittleren Alters handeln; mit guter Schulausbildung. Einen, der bemüht war, anständig und gewöhnlich zu wirken. Der Täter liebte Ordnung und plante alles sorgfältig. Dr. Brussel vermutete darum einen beispielhaften Angestellten. Er wurde wahrscheinlich im Ausland geboren oder lebte in einer Ausländerkolonie. Ferner sollte er als Einzelgänger ohne Freunde mit einer älteren Verwandten, die an seine Mutter erinnert, zusammenleben und der römisch-katholischen Kirche angehören. Zur Legende wurde die Vorhersage von Dr. Brussel, die die Bekleidung des Täters betraf: „Wenn sie ihn verhaften, trägt er bestimmt einen zweireihigen Anzug… Und das Jackett ist zugeknöpft“. **)

Als die Polizei später den in Amerika geborenen und in einer Ausländerkolonie lebenden Bombenleger George Metesky festnahm, bestätigten sich die Annahmen. Er hatte sogar einen Zweireiher an.

Nach einem Arbeitsunfall stellte Metesky einen Auftrag auf Rente, der abgelehnt wurde. Das löste seine Wut aus. Für seine Vorgesetzten galt er bis zu diesem Zeitpunkt als vorbildlicher, zuverlässiger Angestellter.

Die Methode

Seine Methode erklärte Dr. Brussel folglich: Gewöhnlich befragte er seine Patienten genau und formulierte Vorhersagen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten könnten. Bei der Erstellung des Täterprofils, drehte er diesen Vorgang um: Anhand der greifbaren Hinweisen versuchte er einen Menschen „vorherzusagen“.

Im Allgemeinen gilt das bis heute. Denn die moderne Fallanalyse rekonstruiert und interpretiert das Verhalten des Täters und stellt Hypothesen über Hintergründe der Tat auf. Dabei verfolgt sie das Ziel „polizeitaktisch relevante Informationen“ zu verfassen. Auch wie damals bildet die Grundlage der Analyse „die vorhandene objektive Spurenlage eines Falls, wie sie sich etwa am Fundort einer Leiche oder in Form eines Erpresserschreibens darbietet.“ Das Verhalten des Täters wird meist „in chronologischer Reihenfolge des Tatgeschehens“ **) nachgebildet.

In der Literatur nennt man diesen Vorgang „Verhaltens-Fingerabdruck“, „Täterbild“, „Tätertyp-Rekonstruktion“ oder „Versionsbildung“.

Ein Täterprofil enthält gewöhnlich „Angaben über Geschlecht, Alter, Familienstand, Wohnort, Ausbildung und Beruf, mögliche Vorstrafen, Persönlichkeitsstruktur, Erscheinungsbild und eventuell über das prä- und postdeliktische Verhalten des Täters“. **)

Aber eine einheitliche Theorie oder Methodik gibt es nicht. Vielmehr werden Ansätze aus verschiedenen Disziplinen herangezogen: wie Kriminologie, Psychologie, Psychiatrie und Soziologie.

In Deutschland nutzt man die Fallanalyse und Täterprofile meist bei der Bearbeitung der Fälle von Sexualmorden, Entführungen und Erpressungen.

Zitaten und Quellen:

*) John Douglas, Mark Olshaker, Die Seele des Mörders. 2002

**) Jens Hoffmann, Cornelia Musolff, Fallanalyse und Täterprofil, in: BKA-Forschungsreihe. 2000

 

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