Ein Urvogel aus Deutschland

Archaeopteryx lithographica.

Er ist das berühmteste Fossil des fränkischen Jura. Aus den Steinbrüchen des Altmühltals kamen in den vergangenen 147 Jahren zehn Exemplare des ältesten Vogels.

Im Jahr 1861 beschrieb Herman von Meyer in einer kurzen Notiz den Fund einer Feder aus dem Solnhofener Lithographischen Schiefern. Er gab ihr den Namen Archaeopteryx lithographica. Die Übersetzung dieses griechischen Begriffs bedeutet soviel wie „Alte Feder in den Stein geschrieben“. Im darauf folgenden Jahr gelang ein weitaus aufregender Fund. Ein vollständiges Skelett tauchte in den Plattenkalken auf. Hätten sich nicht die Federn deutlich im Gestein abgezeichnet, wäre der Vogel für einen kleinen Raubsaurier gehalten worden. Denn erst kurz vorher hatten Arbeiter das Exemplar des Raubsauriers Compsognathus entdeckt. Dieser flinke Jäger sieht einem Archaeopteryx ohne Federn sehr ähnlich.

Viel Geld im Spiel

Das zuerst gefundene Exemplar ist im Besitz des Natural History Museum in London. Der damalige Kurator Sir Richard Owen erkannte den Wert des Tieres für die gerade von Charles Darwin formulierte Idee der Evolution und sicherte es für sein Haus. Owen selber war jedoch ein erklärter Gegner von Darwins Theorie. Gut zehn Jahre später fanden Arbeiter in der Nähe von Eichstätt ein weiteres Skelett von Archaeopteryx. Durch ein großzügiges Darlehen über 20.000 Goldmark des Industriellen Werner von Siemens konnte das Berliner Museum für Naturkunde das Stück ankaufen.

Zehn Urvögel bis heute gefunden

Neben der ebenfalls in Berlin zu sehenden Feder haben die Wissenschaftler bis 2005 zehn mehr oder weniger vollständige Fossilien des Archaeopteryx gefunden. Nicht alle weisen Federabdrücke auf. Sie sind nach ihrem jeweiligen Aufbewahrungsort benannt. Das Natural History Museum in London ist die Heimat des „Londoner Exemplars“, im Museum für Naturkunde in Berlin liegt das Berliner Exemplar. Letzteres ist das am vollständigsten erhaltene Fossil des Urvogels. Das 1855 entdeckte „Haarlemer oder Teyler Exemplar“ hielt man zunächst für einen Flugsaurier. Erst 1970 erkannte der amerikanische Paläontologe John Ostrom, dass es sich bei dem Stück um einen Urvogel handelt.

Die weniger bekannten

Die Liste komplettieren das „Eichstätter Exemplar“, das „Solnhofener Exemplar“ und das „Münchner oder Solnhofener-Aktien-Verein Exemplar“. Seit 1991 verschollen ist das „Maxberg Exemplar“. Dazu kommt noch zwei fragmentarische Stücke. Das erste wurde 1997 entdeckt und zeigt nur einen Teil des Schultergürtels. 2004 kam ein isolierter Flügel in einem Steinbruch ans Tageslicht. Ihn kann man im Bürgermeister-Müller-Museum besichtigen. Etwas weiter muss man fahren um das letzte Archaeopteryx-Exemplar zu sehen. Es ist im Besitz des Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis, Wyoming.

Vogel oder Raubsaurier?

Der Archaeopteryx vereint in seinem Skelett die Merkmale von Vögeln und Raubsauriern. Charakteristisch für letztere sind:

  • Kiefer mit scharfen Zähnen
  • Drei Finger mit Krallen
  • Einen langen Schwanz aus einzelnen, nicht mit einander verwachsenen Wirbelknochen
  • Eine extrem aufwärts gebogene („hyperextende“) zweite Zehe
  • Diverse weitere Merkmale etwa an den Füßen und im Schädel

Insgesamt zeigen die Fossilien eine engere Verwandtschaft zu den Dinosauriern als zu modernen Vögeln. Denn alle Merkmale moderner Vögel bei Archaeopteryx zeigen auch die theropoden Saurier dieser Zeit. So hat man in Nordostchina und der Mongolei befiederte bipede (=sich auf zwei Beinen fortbewegende) Dinosaurier aus derselben Zeit gefunden. Die Befiederung der verschiedenen Arten zeigen alle Stadien der Federentwicklung von der Reptilienschuppe über zerfranste Daunen hin zu voll ausgeprägten Schwungfedern.

Das Leben im Meer

Im Oberen Jura lag das heutige Altmühltal in Höhe des Äquators. Das Klima war entsprechend warm und ohne ausgeprägte Jahreszeiten. Die Vegetation setzte sich zum großen Teil aus Palmfarnen, Koniferen und Samenfarnen zusammen. Die Landschaft war flach und bestand aus einer Unzahl von kleinen Inseln. Wie die heutigen Südseeinseln ragten sie kaum über den Meeresspiegel hinaus. Auf ihnen gediehen nur wenige, besonders an die unwirtliche Umgebung angepasste Pflanzen. Das tierische Leben spielte sich zum Großteil in den Lagunen zwischen den Inseln ab. Hier gediehen Fische, Tintenfische, Krebse, Seelilien und andere Bewohner des Flachmeeres.

Alles nur gefälscht?

Der Fund des Archaeopteryx lithographica geschah kurz nach der Erstveröffentlichung von Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“. In einer späteren Auflage erwähnte er auch kurz den Fund des Urvogels. Darwin sah in ihm ein wichtiges Indiz für die Richtigkeit seiner Überlegungen zur Evolution der Arten. Seit dieser Zeit ist der Archaeopteryx lithographica aber auch ein beliebtes Ziel von Angriffen christlicher Fundamentalisten und anderer Evolutionskritiker. Ihrer Behauptung nach ist das Fossil eine geschickte Fälschung. Doch alle vorgebrachten Argumente wie nachträglich am Fossil eingegipste Federn oder die gute Erhaltung des Fossils auf nur einer Gesteinsplatte konnten von den Paläontologen widerlegt werden.

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