EWS: Die Schwarzwälder Stromrebellen

Elektrizitätswerke Schönau – saubere Energie aus Bürgerhand. Erschüttert von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl treten engagierte Schönauer Bürger 1986 gegen ihren Stromversorger an. Es folgt ein jahrelanges Ringen um Konzession und Netze, doch am Ende tragen die Stromrebellen den Sieg davon – und gründen mit den Elektrizitätswerken Schönau einen bürgereigenen Ökostromanbieter.

Die Entstehungsgeschichte der Elektrizitätswerke Schönau hat alles, was eine gute Story braucht: Gewitzte Helden, mächtige Widersacher, Wendepunkte und ein Happy End. In den Hauptrollen: Eine engagierte Initiative, ein Energiekonzern, ein gespaltener Gemeinderat und die Schönauer Bürgerschaft. In einem Poker um die Stromversorgung der Stadt treffen Idealismus und Mut auf Monopolinteressen und ein zementiertes Weltbild. Es geht um Geld – viel Geld, zumindest für eine kleine Gemeinde im Schwarzwald. Es geht um Macht. Und es geht um Politik.

Von der Bürgerinitiative zur Netzkauf Schönau GbR

Am 26. April 1986 kommt es in Tschernobyl zur Kernschmelze: Das Atomkraftwerk explodiert, Strahlungspartikel werden kilometerweit in die Atmosphäre geschleudert und ziehen in den Folgetagen als radioaktive Wolke über weite Teile Europas. Süddeutschland ist ebenfalls betroffen. Überall in der Republik werden Rufe nach dem Ausstieg laut, und auch in der kleinen Gemeinde Schönau regt sich Widerstand. Einige engagierte Bürger schließen sich zur Initiative „Eltern für atomfreie Zukunft e. V.“ zusammen.

Zunächst berät der Verein, gibt Tipps zum Energiesparen und organisiert Stromsparwettbewerbe. Bis 1990 eine atomfreie Stromversorgung in greifbare Nähe rückt: In vier Jahren läuft der Konzessionsvertrag zwischen der Stadt Schönau und den Kraftübertragungswerken Rheinfelden (KWR) aus. Diese wollen sofort eine Verlängerung und bieten der Stadt bis dahin jährlich 25.000 D-Mark. Doch die Bürgerinitiative will kein Geld. Sie fordert eine ökologische Stromversorgung oder einen neuen Netzbetreiber.

Ökostrom? Energiesparen? Der Energiekonzern schaltet auf stur. Daraufhin gründet die Bürgerinitiative im November 1990 die Netzkauf Schönau GbR. Die Gesellschaft erklärt sich bereit, denselben Betrag zu zahlen, wenn die Stadt den Vertrag vorerst nicht verlängert. Man hofft inzwischen auf ein stadteigenes Elektrizitätswerk. Das gab es bereits vor 1973 und dafür wollen 280 Bürger tief in die Tasche greifen. Sie sichern zu, der Stadt die insgesamt 100. 000 D-Mark bezahlen.

Die Gründung der Elektrizitätswerke Schönau

Dennoch entscheidet sich der Gemeinderat 1991 für eine Verlängerung des Konzessionsvertrages. Die Gesellschafter der Netzkauf wollen es nun genau wissen und initiieren einen Bürgerentscheid. Mit Erfolg: 56 Prozent der Bürger stellen sich auf ihre Seite; Der Gemeinderatsbeschluss ist damit hinfällig. Die Stromrebellen haben nun endgültig genug von den KWR. Bis Juli 1991 erarbeiten sie ein Konzept für die Übernahme des Netzes.

Zunächst werden im Januar 1994 die Elektrizitätswerke Schönau GmbH gegründet. Am 20. November 1995 erhält das frisch gebackene Unternehmen die Konzession der Stadt.

Solidarität mit den Stromrebellen

Die Gegner des Projekts versuchen die Konzessionsvergabe nun ihrerseits mit einem Bürgerentscheid zu kippen. Vergebens: Am 10. März 1996 entscheidet sich die Mehrheit der Bürger für eine Stromversorgung durch die EWS. Derweil müssen die KWR eingestehen, den Netzpreis zu hoch angesetzt zu haben. Zwar ist der neue Preis von 6,5 Millionen D-Mark immer noch völlig überzogen. Die vom Gutachter errechneten rund 4 Mio DM haben die Stromrebellen als Beteiligungen schon lange zusammen, doch der überhöhte Teil des Kaufpreises kann nur über Spenden realisiert werden.

Es folgt eine Welle der Solidarität: Greenpeace, BUND, NABU und WWF rufen zu Spenden auf. Die GLS-Bank legt einen Fonds auf. Unternehmen wie Ritterschokolade schießen Geld zu, und die Kampagne „Ich bin ein Störfall“ wird von vielen Medien kostenlos beworben. Die von der KWR nochmals auf 5,7 Millionen gesenkte Kaufsumme kommt zusammen, das Netz geht in die Hände der EWS über. Zur Mittagsstunde des 1. Juli 1997 wird die Stromversorgung von 1.700 Schönauer Bürgern ökologisch. Und nach der Liberalisierung des Strommarktes 1998 erhalten Bürger bundesweit Schönauer Rebellenstrom.

Die Klage gegen die KWR ging übrigens gut aus: Im Sommer 2005 ermittelte ein Gutachter einen Wert von 3,5 Millionen D-Mark für das Schönauer Stromnetz, der Energiekonzern musste die Differenz zurückzahlen. Und heute? Heute beliefern die EWS mehr als 115.000 Kunden in ganz Deutschland mit sauberer Energie ohne Kohle und Atom. Die besten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben…

Sauberer Strom aus Wasserkraft und Kraft-Wärme-Kopplung

Der Schönauer Ökostrom ist frei von Öl, Kohle und Atomkraft. Er besteht zu 99,5 Prozent aus Wasserkraft, davon 70 Prozent aus Neuanlagen, die nicht älter als sechs Jahre sind – dies fördert den Bau neuer Anlagen und garantiert strenge Naturschutzauflagen. Zudem achten die EWS darauf, dass keine Atomkraftwerksbetreiber an den Anlagen beteiligt sind.

Und die restlichen 0,5 Prozent? Die stammen aus klimaschonender Kraft-Wärme-Kopplung. Mit Erdgas betriebene KWK-Anlagen sind sehr effizient, lassen sich dezentral nutzen und leisten mittelfristig einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Die EWS gleicht mit der Kraft-Wärme-Kopplung Ungenauigkeiten der Stromprognose aus und kann so garantieren, dass nicht eine Kilowattstunde Atom-oder Kohlestrom im Strommix enthalten ist.

Sonnencent für saubere Kraftwerke

Wer EWS-Strom nutzt, senkt seinen CO2-Ausstoß um mehr als 99 Prozent im Vergleich zum deutschen Strommix. Und nicht nur das – durch den Sonnencent trägt er zusätzlich zum Aufbau einer dezentralen Versorgung bei.

Die EWS fördern mit dem im Stromtarif enthaltenen Sonnencent umweltfreundliche Kraftwerke in Bürgerhand. Jeder Kunde kann wählen, ob er pro verbrauchte Kilowattstunde zusätzlich einen halben, einen oder zwei Cent bezahlt. Dieses Geld fließt vollständig in die Förderung von Rebellenkraftwerken, in CO2-Sparprojekte oder Kampagnen zur Energiewende. Bis Mitte 2011 entstanden so rund 1.800 neue ökologische Stromversorgungsanlagen. Darüber hinaus engagieren sich die EWS mit Veranstaltungen, Tipps und Aktionen fürs Energiesparen und treten für ihre Vision einer besseren Energiezukunft ein: Atomfrei, klimafreundlich, ökologisch. Und bürgereigen.

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