Flugzeugversteigerung in Duxford – Rush hour hinterm Tower

Flugzeuge unter dem Christie’s-Hammer im Imperial War Museum in Duxford

Eigentlich ein ganz gewöhnlicher Schraubenschlüssel. Nicht mal neu, ziemlich abgewetzt und silbrig glänzend überall da, wo fünf Finger zupacken können. Offensichtlich ein häufig benutztes, recht wichtiges Werkzeug. Rund 50.000 Euro hängen gerade dran. „Zum Ersten, zum Zweiten und… zum Dritten!” Auktionator Robert Brooks knallt den kleinen Schraubenschlüssel aufs ehrwürdige Holz des uralten Rednerpodiums…

Die Delle wird noch ein wenig tiefer, das Haupt des Herrn Christie auf dem angenagelten Plastikbildnis schüttelt sich leicht – und der Star der Versteigerung bei Christie’s South Kensington, Abteilung Flugzeuge und Zubehör, ist verkauft: eine bildschöne, stratosblaue North American T6G-NT, Baujahr 1941. Publikumsapplaus zwischen Neid und Begeisterung.

Paul Shipton lächelt. Er hat den großen, blauen Donnervogel noch bis vor zehn Sekunden besessen. „Nur so zum Spaß”, meint der junge Direktor des Number-One-Hangars.

Hört der Spaß jetzt auf?

Hinter dem Tower ist Rush-Hour. Direkt neben einer betagten B 737 steht eine Concorde in Warteposition, auf den elegant geschwungenen Tragflächen glitzern Regentropfen. Da warten eine Boeing B 52, eine Vickers Viscount und noch zwanzig Maschinen mehr in Sichtweite. Genug fliegendes Material auf einmal, um einen Durchschnittsfluglotsen geradeswegs in die Frühpension zu treiben. Doch es ist still im Tower. Nichts rührt sich morgens um acht auf Duxford-Airfield. Auch nicht um zehn oder zwölf – die Maschinen hinter dem Tower von Duxford starten nie mehr.

Dicht an dicht rosten die fliegenden Meilensteine der Luftfahrtgeschichte, außen notdürftig ausgebessert, ein paar davon gegen Eintrittsgeld zur Schau gestellt, vier Euro kostet der Durchmarsch durch die Concorde, hinten rein und durch, meingott-ist-das-aber-eng-hier. Gleich in der Nachbarschaft, in einigen hundert Quadratmetern Hangar die tarnfarbenen Überbleibsel aus zwei Weltkriegen, Marke Großbritannien, hier und da ein erbeuteter Feindpanzer mit penibel nachgemalten Hakenkreuz. Die Luft stinkt nach Schmieröl und Frittenbude.

Jetzt gießt es in Strömen vor dem Imperial War Museum in Cambridgeshire, direkt an der Autobahn M 11 von London nach Cambridge. „It’s a bit wet, isn’t it”, meint der Pförtner. Doch darüber lachen heute nicht mal die Engländer. Auch nicht im Christie’s-Container am hinteren Hangar. Dort hat die Firma an der Halle ein großes Zelt aufgestellt, den Büro-Container auf Rädern davor geparkt und alles fein säuberlich mit roter Kordel am Messingstab für Neugierige abgesperrt. „Ich fürchte, ich kann Sie hier nur mit gültiger Eintrittskarte durchlassen”, flötet es nach meinem flotten Sprung darüber. Ich habe eine, antworte ich der jungen Christies-Angestellten, thank you.

Die Eintrittskarte mißt 62 Seiten zwischen Glanzkarton und verweist neben der Anfangsuhrzeit („at 2.00 p.m. precisely”) auf die zur Versteigerung anstehenden Gegenstände. „Ein deHavilland Ghost turbojet-Triebwerk, vermutlich ex-Royal Navy, Zustand unbekannt, keine Dokumentation verfügbar, Schätzpreis 800 bis 1200 Euro.” Der gewichtige Gegenstand wartet draußen, auf einem Sattelschlepper. Im Zelt steht weniger Immobiles. Die Geschichte der Luftfahrt beispielsweise. Zweihundert Reproduktionen in schwarzweiß und Farbe, Auflage 325 Stück, in Kalbsleder gebunden. Das gute Stück hat die Nummer 175 und stammt aus dem Jahre 1909. „Histoire Aeronautique par des Monuments peints, sculptés, dessinés et gravés” hat Francois-Louis Breul sein Werk genannt. Ein Buch über die Luftfahrt, bevor sie eigentlich begonnen hatte, farbenprächtige Bilder von Ballonen und mutigen Heizern. Bei einer Auktion in Paris hat Nummer 162 glatt 3000 Euro gebracht. Jetzt hofft man bei Nummer 175 auf ein ähnlich gutes Ergebnis.

Auch zur Freude des Klienten natürlich. Acht Prozent kassiert Christie’s zusätzlich zum ersteigerten Kaufpreis vom Käufer – als Provision für die Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage. Die genauen Konditionen stehen in den „Conditions of Sale”, zehn kleingedruckten Punkten, die sich vornehm vor jeglicher Verantwortung distanzieren.

Nur nicht vorm Geldverdienen.

Schon seit Jahren stehen die Umsätze des Hauses Christie’s deutlich über einer halben Milliarde Euro, hauptsächlich den knochenharten Geschäften in Sachen Kunst zu verdanken. Dort geht es häufiger um Millionen als in der fliegenden Abteilung. Und nur einen „winzigen, aber ausreichenden Anteil” davon findet James Knight als Entlohnung auf seinem Bankkonto wieder. Er ist bei Christie’s als Träger in der Möbelabteilung ein- und recht fix aufgestiegen. Jetzt zeichnet er für „Motoring, Aeronautical und Railway-Collectables” verantwortlich. Also für alles, was sich irgendwie auf Straßen, Schienen oder in der Luft vorwärtsbewegt. Oder irgendwie dazugehört.

James Knight ist gerade 22 Jahre alt. Und er ist stolz auf seine Firma. Viele Stücke hat er selbst aufgetrieben. Die „Manual Instructions for the Tiger Moth” zum Beispiel. Auf nur 26 Seiten erläutert die deHavilland Company, Hatfield Aerodrome, Herts/England, wie es um „Operation, Maintenace and Rigging of the Tiger Moth” steht.

Eine Tigermotte war eben doch noch relativ einfach zu zähmen. Bei einem halben Quadratmeter Spitfire in Öl auf Leinwand zuckt James Knight dann leicht mit den Augenbrauen. Erst beim zweiten Hinschauen wird klar, warum: Künstler Alan Fearnley hat zwar die Dämmerstimmung im Hangar prächtig getroffen, dafür aber die Propeller der beiden Spitfires ziemlich danebeninterpretiert. Mit dermaßen schiefen Blättern hätten auch 10.000 PS niemals abgehoben. „Aber bitte erzählen Sie’s niemandem. Sonst fällt das Bild womöglich im Preis.”

Es ist 14 Uhr. Auf die Sekunde genau um 2.00 p.m. precisely hebt Auktionator Robert Brooks Stimme und Schraubenschlüssel. „Ladies and Gentlemen, im Namen von Christie’s South Kensington…”

Die Ladies and Gentlemen, etwa 200 an der Zahl haben es sich auf Plastikstuhlreihen im Hangar so gemütlich wie eben möglich gemacht. Der Rest steht. Zwischen acht Videobildschirmen und vier Lautsprecherboxen auf augen- und ohrenhohen Standbeinen, über welche die kleineren Exponate im Zelt direkt in den Auktionshangar übertragen werden. Drumherum die wichtigeren Stücke, neun ausgewachsene Flugzeuge.

„Zum Dritten…!” Lautsprecherverstärkt donnert der Zehner-Schraubenschlüssel aufs Antikholz. Erst ist der Kleinkram dran, eins nach dem anderen bitte! Stück Nummer 12 mit dem schlichten Titel „Wir”. Die Story eines Mannes, der ganz allein mit einer einmotorigen Maschine den Atlantik überquert hat. Die Geschichte von Charles Lindbergh und seinen Hoffnungen für die Zukunft der Fliegerei, handsigniert vom Autor und dem Herausgeber, gewidmet einer Madame Jean-Pierre le Mer, Paris, Januar 1939. 400 Pfund unterm Schraubenschlüssel, inklusive Buchzeichen: einer Silhouette Lindberghs, mit einer feinen Klinge und viel Geduld aus einem filigranen Lindenblatt herausgeschnitten.

Bücher, Bilder, Bücher, Hauptsache, irgendwas drauf oder drin fliegt. Aber alles, aber auch wirklich alles findet einen Käufer. 10 Euro, 23 Euro, 3000 Euro… gesteigert wird in großen Schritten, ab zehn Euro geht’s in Zehnersprüngen. Wer bietet, gibt Zeichen. Ein Wink, eine Handbewegung genügt. Unbedarfte wedeln mit dem Nummernschild, das Kaufwillige am Eingang erhalten haben. „Den Zuschlag erhält Nummer 263”. Das geht schneller. Rund eine Minute braucht Robert Brooks pro Angebot. Dann fällt der Zehnerschlüssel. Nur manchmal drängt sich ein Ausreißer in die ungefähren Preisvorgaben. Die Fotografien und handgeschriebenen Notizen von Piloten des Ersten Weltkriegs, gesammelt in den siebziger Jahren, insgesamt acht Schachteln voll, Grundpreis 20 Euro. „Keiner für zwanzig, doch da hinten, der Herr mit der Nummer 265, jemand 15, zum ersten, moment 20, 30 Euro, 40, 60, 80, 90 zum Ersten…”

Nach siebeneinhalb Minuten schlägt der Schlüssel bei 360 Euro zu. Auktionsfieber in extremis. Obwohl nur wenige Besucher tatsächlich mitbieten. Der Rest schaut zu, erzittert leicht, wenn die Summen rasend schnell steigen. Der Herr vorne, im besten Alter, mit weißen Schläfen und silbergrauem Haar gehört zu den Professionals. Zwei Tigermotten hat er schon, jetzt möcht’ es eine dritte sein. Dabei fährt er schon äußerst standesgemäß: eine 900er Kawasaki in weiß-rot, stilecht bis auf die Socken, links weiß, rechts rot. Man kennt sich, ist fast „unter sich”, Nichtflieger und Schaulustige werden würdevoll ignoriert.

Das hat Tradition.

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