Fünf Jahre Würzburger Stammzell-Transplantationszentrum

Seit fünf Jahren gibt es das Zentrum für Stammzell-Transplantation an der Würzburger Uniklinik. Bisher wurden mehr als 1000 Kinder und Erwachsene behandelt.

Die Kinderklinik und die Medizinische Klinik II des Universitätsklinikums Würzburg führen seit fünf Jahren Transplantationen von Stammzellen unter einem gemeinsamen Dach durch. In dem im Frühjahr 2005 als Neubau in Betrieb gegangenen, hochmodernen Zentrum wurden bislang über 1.000 Patientinnen und Patienten behandelt. Aktuell führen die Würzburger Experten jährlich rund 280 Stammzell-Therapien an Kindern und Erwachsenen durch. Damit rangiert das Stammzell-Transplantationszentrum der Domstadt bundesweit auf Platz zwei hinter Heidelberg.

Hirntumore und akute Leukämien

Die Behandlungsschwerpunkte liegen bei Kindern und Jugendlichen auf Hirntumoren und Leukämie-Rückfällen. Vor allem die Therapie von Hirntumoren ist quasi ein Alleinstellungsmerkmal der Würzburger Uniklinik und unterscheidet das Zentrum von ähnlichen Einrichtungen in Erlangen, München oder Tübingen. Bei der Versorgung der Erwachsenen liegt das Hauptaugenmerk auf bösartigen Erkrankungen des Lymphsystems sowie des blutbildenden Systems, wie zum Beispiel durch akute Leukämien.

Autologe und allogene Stammzellpräparate

Die lebenspendenden Zellen können zum einen aus dem Blut oder dem Knochenmark der Patienten selbst gewonnen werden (autolog). Zum anderen steht der Weg über fremde Stammzellenspender offen (allogen). Seit einigen Jahren dient auch das Nabelschnurblut von Neugeborenen als Stammzellenquelle. In aller Regel geht der Stammzelltherapie eine intensive Chemotherapie voraus. Anschließend injizieren die Ärzte die blutbildenden Zellen in den Blutkreislauf des Patienten, von wo aus sie das Knochenmark besiedeln. Dort stellen sie große Mengen an gesunden roten und weißen Blutkörperchen her.

Eigene Spenderdatei im internationalen Netz

In Deutschland haben sich derzeit knapp vier Millionen potenzielle Stammzellspender registriert und ihr Blut typisieren lassen, weltweit sind es 14,5 Millionen. Das Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Hämotherapie der Uniklinik Würzburg führt unter dem Namen „Netzwerk Hoffnung“ eine eigene Spenderdatei, die mit einem nationalen und internationalen Register in Ulm vernetzt ist. Dadurch ist gewährleistet, dass die Daten der Würzburger Spender anonymisiert weltweit zur Verfügung stehen. Die Wahrscheinlichkeit, einen vollständig passenden Stammzellenspender zu finden, liegt an der Würzburger Uniklinik derzeit bei 70 bis 80 Prozent.

Sollte sich dennoch kein idealer Spender finden, ist das Labor des Stammzellzentrums zusammen mit dem Institut für Transfusionsmedizin in der Lage, suboptimale Spender-Stammzellen aufzubereiten – eine Leistung, die nur sehr wenige Zentren in Deutschland erbringen können.

Hoher Aufwand zum Infektionsschutz

Das Zentrum für Stammzell-Transplantationen hat eine Nutzfläche von 772 Quadratmetern. Die vergleichsweise hohen Gebäudekosten von 7,3 Millionen Euro sind insbesondere auf die großen Investitionen in die technische Ausrüstung zurückzuführen. Grund: Unmittelbar vor und nach der Stammzell-Transplantation sind die Patienten hochgradig infektionsgefährdet. Um sie vor krankheitserregenden Keimen zu schützen, hat die Uniklinik viele technische, bauliche und organisatorische Vorkehrungen getroffen. So werden die Zimmer mit aufwändig gefilterter, nahezu keimfreier Luft versorgt. Zudem herrscht in den Zimmern im Vergleich zu den vorgelagerten Stationsbereichen ein leichter Überdruck. So haben luftgetragene Partikel und Mikroorganismen kaum eine Chance, in die Zimmer zu gelangen. Auch das Trinkwasser wird speziell behandelt: In jeder Nasszelle sind Wasserfilter installiert, die am Waschbecken und in der Dusche praktisch keimfreies Wasser sicherstellen. Die Speisen werden gesondert zubereitet, die Kleidung für Personal, Besucher und teilweise auch für die Patienten wird separat zur Verfügung gestellt.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Bei manchen Krebsarten verbessert die Stammzelltherapie die Heilungschancen auf über 90 Prozent. Allerdings dürfen die Risiken von Infektionen, Abstoßungsreaktion und Krankheitsrückfällen nach wie vor nicht unterschätzt werden. Deshalb müssen Therapie und Transplantationsverfahren weiter verbessert werden. Im Zentrum der Forschungsbemühungen steht, die Abwehrleistung des Stammzelltransplantats gegen Tumorzellen und Infektionserreger zu erhöhen. Das Würzburger Stammzellzentrum koordiniert beispielsweise unter Leitung von Dr. Privatdozent Stephan Mielke eine internationale Studie dies- und jenseits des Atlantiks zum Einsatz von aufgearbeiteten Immunzellen nach nur halbpassender Familienspender­transplantation. Dr. Götz Ulrich Grigoleit gewinnt spezifische Abwehrzellen aus dem Blut des Spenders, die gezielt und ohne Nebenwirkungen gegen Viren eingesetzt werden können. Weitere Impfstudien zur Stärkung der körpereigenen Abwehr gegen Tumorzellen bei Hirntumorpatienten sollen demnächst beginnen.

Das im Zentrum integrierte Stammzelllabor ist bemüht, für jeden Patienten eine optimierte Zellzusammensetzung zu finden und neue Zellprodukte für klinische Studien nach hohen Qualitätsstandards herzustellen.

Ein langer Weg mit vielen engagierten Persönlichkeiten

Der Weg zum Würzburger Stammzellzentrum begann im Jahr 1994, als an der Medizinischen Poliklinik unter der Leitung von Prof. Klaus Wilms das autologe Stammzell-Transplantationsprogramm startete. In den folgenden Jahren zeigte sich bei erwachsenen Patienten ein stetig steigender Bedarf für diese Therapie. Den an der Kinderklinik der Uni Würzburg behandelten Patienten mit bösartigen Erkrankungen konnten jedoch weder autologe noch allogene Stammzell-Transplantationen angeboten werden. Für Kinder und Eltern bedeutete dies, dass sie die mehrere Monate dauernde Behandlung weit entfernt vom Wohnort durchführen lassen mussten. Auch die allogen behandelten erwachsenen Patienten mussten in heimatferne Zentren verlegt werden.

Prof. Christian P. Speer

Vor diesem Hintergrund entschied sich das Uniklinikum, ein Stammzell-Transplantationszentrum einzurichten, in dem interdisziplinär autologe und allogene Transplantationen für Erwachsene und Kinder durchgeführt werden können. Der im Jahr 1999 neu berufene Direktor der Kinderklinik, Prof. Christian P. Speer, hatte dieses Ziel bereits in seinen Berufungsverhandlungen mit Nachdruck verfolgt.

Prof. Paul-Gerhardt Schlegel

Im Oktober 1999 genehmigte das Wissenschaftsministerium den neuen Schwerpunkt „Pädiatrische Stammzelltransplantation“. Die Medizinische Fakultät richtete dann eine neue Professur für Stammzell-Transplantation in der Kinderheilkunde ein. Besetzt wurde sie im Jahr 2001 mit Prof. Paul-Gerhardt Schlegel, einem international ausgewiesenen Experten für Transplantationen bei Kindern. Zu diesem Zeitpunkt entschieden Kinderklinik und Medizinische Poliklinik, die Patienten in einem gemeinsamen Gebäude zu versorgen. Dadurch werden Ressourcen gebündelt und es besteht die Möglichkeit, Behandlungsverfahren gemeinsam weiterzuentwickeln.

Gabriele Nelkenstock

Die Kosten des 7,3 Millionen Euro teuren Neubaus haben sich das Land Bayern und die Bundesrepublik Deutschland hälftig geteilt. Die Finanzierungszusage des Freistaats wurde durch eine außergewöhnliche Spendenaktion angestoßen: Dabei leistete die von der Würzburger Geschäftsfrau Gabriele Nelkenstock ins Leben gerufene „Aktion Stammzelltherapie“ wesentliche Hilfe. In Zusammenarbeit mit der Elterninitiative leukämie- und tumorkranker Kinder Würzburg gelang es ihr, mit vielen Aktionen über 500.000 Euro in der Region zu sammeln.

Prof. Hermann Einsele

Die Berufung von Prof. Hermann Einsele, der seit Dezember 2004 Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II ist, bestätigte die Wichtigkeit, die dem Schwerpunkt Stammzell-Transplantation am Würzburger Uniklinikum beigemessen wird. Einsele gilt als einer der erfahrensten Experten in Sachen Stammzell-Transplantation in Deutschland.

Prof. Matthias Eyrich

Die innovative Ausrichtung des Würzburger Stammzelltherapiezentrums wurde durch die Stiftung einer Forschungsprofessur durch die Elterninitiative leukämie- und tumorkranker Kinder Würzburg weiter gestärkt. Diese Professur ist seit vergangenem Jahr mit Prof. Matthias Eyrich besetzt, der versucht, aktuelle Forschungsergebnisse in klinisch anwendbare Therapien für die Patienten umzusetzen.

Privatdozent Dr. Gernot Stuhler

Unter der fachlichen Leitung von Privatdozent Dr. Gernot Stuhler arbeiten im Bereich Stammzelltherapie bei Erwachsenen derzeit etwa 50 Mitarbeiter aus der Medizinischen Klinik II. Das Zentrum für die Stammzelltransplantation der Erwachsenen hat sich einen internationalen Namen in der Transplantation von alternativen Spenderzellen, wie beispielsweise Nabelschnurblut- und haploidentische Transplantationen, gemacht und nimmt bei der manipulierten Zelltherapie eine Spitzenstellung in Deutschland ein.

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