Herausforderung Fernbeziehung: So hat die Liebe eine Chance 

Eine sich verändernde Arbeitswelt bringt immer mehr Paare in die Situation, sich nur noch auf Distanz lieben zu können. Kann so eine Beziehung gut gehen?

Flexibel und mobil sein, sich den Herausforderungen der Globalisierung stellen – solche Ansprüche, die moderne Unternehmen an ihre Arbeitnehmer stellen, haben für diese oft ganz konkrete Folgen im Privatleben. Wer für einen Arbeitsplatz lange Pendlerzeiten in Kauf nehmen muss oder von seiner Firma in eine Auslandszweigstelle versetzt wird, kann seine Partnerschaft nur noch als Fernbeziehung führen.

Ganz extrem erlebt dies Stefanie: Sie hat es jeden Nachmittag eilig, von der Uni nach Hause zu kommen, damit sie ihrem Freund wenigstens per Webcam „Gute Nacht“ sagen kann. Denn der lebt knapp 9.000 Kilometer und sieben Zeitzonen von ihr entfernt. Seit dreieinhalb Jahren sind die zwei ein Paar, vor eineinhalb Jahren erhielt er ein Job-Angebot aus Schanghai.

Liebe auf Distanz kostet Geld – und Nerven

Zweimal haben sich die beiden seitdem erst wieder getroffen: Im Sommer verbrachte Stefanie einen dreiwöchigen Urlaub bei ihm, zwischen Weihnachten und Silvester folgte ein zweiter Besuch. Für sie nicht nur eine Frage der Entfernung, sondern auch des Geldes: „Mein letzter Flug hat mich 760 Euro gekostet“, erzählt die Ingenieurwissenschaftsstudentin aus Lemgo. Eine große Belastung für ein schmales Studentenbudget. Doch das ist für die 23-Jährige nicht das Schlimmste: „Furchtbar ist dieses Gefühl der Einsamkeit, gerade an kalten Wintertagen, wenn man nicht kuscheln kann.“

Die 26-jährige Vanessa lebt nur 65 Kilometer von ihrem Freund entfernt. Auch sie muss jedoch einen Mangel an Nähe kompensieren: Die beiden sehen sich nur am Wochenende: Während sie in Hannover Sozialwissenschaften studiert, arbeitet er in einer Zweigstelle seiner Firma. Und das bisweilen sogar im Schichtdienst, was regelmäßige Telefonate unmöglich macht: „Nach einem schlechten Tag nicht seine Stimme zu hören, hat mich am Anfang echt fertig gemacht“, erinnert sich Vanessa. „Jetzt haben wir es zur festen Regel gemacht, uns jeden Morgen und jeden Abend eine SMS zu schreiben. Da steht zwar manchmal nicht mehr drin als ‚Gute Nacht’ – aber ohne die würde mir was fehlen.“

In Fernbeziehungen können Krisen zusammenschweißen

Peter Wendl kennt solche Sorgen aus eigener Praxis. Der Diplom-Theologe betreut als Kommunikationstrainer Soldaten, die an Auslandseinsätzen beteiligt sind, und deren Partner. Regelmäßige Kommunikation ist aus seiner Sicht für das Überstehen einer vorübergehenden Trennung ebenso wichtig wie das zeitnahe Aufarbeiten von Problemen. „Ich halte eine Fernbeziehung nicht für das Ideal einer Partnerschaft“, so Wendl. „Sie kann aber auch eine Chance sein.“

Im besten Fall festigt sie die Bindung sogar noch: „Ob sich ein Studierender auf eine Prüfung vorbereitet, oder ein Soldat in einer bedrohlichen Mission unterwegs ist: In beiden Fällen müssen Paare diese Stresssituation überstehen“, zieht Wendl einen etwas gewagten Vergleich. „Und nichts schweißt so zusammen, wie gemeinsam bestandene schwere Zeiten!“

Architekturstudentin Kirsten (24) aus Münster glaubt sogar, dass sie in ihrer Fernbeziehung weniger eifersüchtig ist: „Wir erzählen uns gegenseitig alles, was der andere wissen sollte“. Für Beziehungsberater kein untypisches Phänomen. Die 22-jährige Claudia, die einen Studienplatz in Innsbruck angenommen hat, sorgt auf ihre Weise dafür, dass ihr Freund im 550 Kilometer entfernten Sachsen nicht an andere Frauen denkt: „Ich schicke ihm oft Nacktbilder von mir“, verrät sie mit süffisantem Lächeln.

Fernbeziehungen halten höchstens drei Jahre

Übertriebene Eifersucht ist für jede Beziehung tödlich, für eine auf Distanz geführte gilt das aber in noch stärkerem Maß. Chancen auf eine langfristige Partnerschaft gibt es, nur bei vollstem gegenseitigen Vertrauen. Selbst dann hält eine solche Liebe selten länger als drei Jahre. Soweit wollen Stefanie, Kirsten und Claudia gar nicht denken. Und Vanessa hat fest vor, nach Studienende mit ihrem Freund zusammenzuziehen. Ihre größte Sorge: „Hoffentlich bin ich mit meinen Gewohnheiten als Alleinlebende dann nicht schon zu schrullig.“

Sieben Tipps für eine erfolgreiche Fernbeziehung

1. Ständig in Kontakt bleiben

Bleiben Sie mit Ihrem Partner regelmäßig in Verbindung, ob durch Telefonate, E-Mails, gegenseitige Besuche oder Treffen auf halber Strecke. Lassen Sie den anderen dadurch an Ihrem Leben teilhaben. Investieren Sie in eine Webcam – so können Sie sich zumindest sehen, was eine gewisse Nähe vermittelt.

2. Gegenseitig Aufmerksamkeiten schenken

Überraschen Sie sich gegenseitig – durch kleine Geschenke oder handgeschriebene Briefe, die Sie sich per Post schicken. Nicht der Wert des Geschenks, die Geste zählt! Solche kleinen Aufmerksamkeiten helfen über die Zeit bis zum nächsten Treffen hinweg.

3. Immer offen und ehrlich sein

Sprechen Sie offen über Ihre Wünsche und Erwartungen, streiten Sie konstruktiv und lassen Sie kein Problem offen schwelen – auch wenn die Zeit, die man gemeinsam verbringen kann, sehr knapp ist.

4. Ablenkungen für sich suchen

Genießen Sie die Zeit, die Sie für sich haben: Treffen Sie sich mit Freunden, gehen Sie Ihrem Hobby nach oder probieren Sie sogar ein neues aus.

5. Auch gemeinsam mal einsam sein

Überfrachten Sie sich und Ihren Partner an gemeinsamen Wochenenden nicht mit zu vielen Aktivitäten! Gönnen Sie sich auch Augenblicke, in denen jeder für sich sein kann – diese Zeit braucht jeder zur eigenen Erholung.

6. Sich beim anderen zuhause fühlen

Deponieren Sie Sachen auch bei Ihrem Partner. Dies vermittelt Ihnen auch an dessen Wohnort das Gefühl, zu Hause zu sein.

7. Fairplay statt Beziehungsspielchen betreiben

Treiben Sie keine Beziehungsspielchen, in dem der eine Partner den anderen unter Druck setzt, ihm nachspioniert oder ähnliches – es belastet Ihre Liebe unnötig. In einer Fernbeziehung zählt nur Vertrauen.

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