Krebsforschung im Umbruch

Studien zeigen: Biopsie birgt Risiken, Tumorzellen säen sich selbst. Eine Biopsie ist oft unerlässlich für eine Krebsdiagnose, birgt jedoch Risiken. Nun ist bewiesen, dass manche Tumore sich durch Selbstaussaat gegen eine Therapie wehren.

„Immer wieder mache ich dieselbe Beobachtung bei Prostatakrebs“, berichtet Dr. Vincent Gammill vom Center for the Study of Natural Oncology (CSNO) in Solana Beach, Kalifornien. „Fernmetastasen sehe ich höchst selten, bis eine Biopsie vorgenommen wird – danach taucht [der Krebs] praktisch überall auf, auch in den Knochen.“ (Healing Cancer Naturally) Fernmetastasen beschreiben die Ansiedlung von bösartigen Zellen fernab vom eigentlichen Tumor. Ursache ist eine „Ausschwemmung“ von Tumorzellen, die dann über Blut oder Lymphflüssigkeit in andere Körperregionen gelangen. Die Gefahr einer solchen Ausschwemmung besteht beispielsweise, wenn Gewebeproben entnommen werden oder der Tumor nur teilweise entfernt wird. Die Beobachtung, dass ein Zusammenhang zwischen einer Biopsie – der Entnahme von Zellproben oder des kompletten Herds zu Diagnosezwecken – und der Streuung von bösartigen Tumorzellen bestehen könnte, ist nicht neu. Bereits im Jahr 2002 berichtete das American Journal of Surgical Pathology von einer Studie, die zu dem Schluss gekommen war, dass die Entstehung von Metastasen vermehrt bei Patienten auftritt, bei denen zuvor eine Biopsie vorgenommen wurde (The American Journal of Surgical Pathology, 2002/26:14-24).

Durch Biopsie können sich Tumorzellen lösen

Eine Zelle durchläuft verschiedene Stadien der Mutation, bevor sie zu einer Krebszelle wird. Eine Fähigkeit, die sie bei dieser Entwicklung einbüßt, ist die Anhaftung an Nachbarzellen. Krebszellen lösen sich relativ leicht aus dem sie umgebenden Gewebe, weshalb es bei einer Biopsie oder einem chirurgischen Eingriff vorkommen kann, dass sie wandern und entweder über die Kapillargefäße in den Blutkreislauf oder über die Interstitialflüssigkeit ins Lymphsystem gelangen (Leiomyosarcoma.org).

Dabei ist eine Biopsie meist unerlässlich, um die Art des Tumors zu diagnostizieren – und sollte keinesfalls umgangen werden. Denn es gibt Formen der Biopsie, die als relativ sicher angesehen werden, was das Risiko einer Tumorstreuung angeht. Die Feinnadelbiopsie beispielsweise stellt einen minimalinvasiven Eingriff unter Ultraschallkontrolle mithilfe einer dünnen Hohlnadel dar (Medführer.de). Vorteil dieser Methode ist, dass der Tumor kaum „gestört“ wird; der Nachteil ist die Gefahr, dass ein negatives Ergebnis nicht unbedingt verlässlich ist – in etwa 20 Prozent der Fälle ist es nicht möglich, anhand des entnommenen Zellmaterials eine eindeutige Diagnose zu stellen (Keiko Nagira, M.D., Tetsuji Yamamoto, M.D., Toshihiro Akisue, M.D., et.al.: „Reliability of fine-needle aspiration biopsy in the initial diagnosis of soft-tissue lesions”; in Diagn. Cytopathol. 2002/27:354-361). Eine andere Alternative, die jedoch nicht in jedem Fall möglich ist, stellt die sofortige vollständige Entfernung des gesamten Tumors dar, wobei das den Tumor unmittelbar umgebende Gewebe großzügig mit entfernt wird. A. Pelloni und P. Gertsch vom Ospedale San Giovanni in Bellinzona, Schweiz, gehen gar davon aus, dass eine präoperative Biopsie den Erfolg einer anschließenden chirurgischen Entfernung des Tumors gefährden kann (Pelloni, A., Gertsch, P.: „Risks and consequences of tumor seeding after percutaneous fine needle biopsy for diagnosis of hepatocellular carcinoma”; in Schweiz Med Wochenschr 2000/10;130(23):871-7).

Selbstaussaat von Tumorzellen verblüfft Wissenschaftler

Eine neue Studie deutet allerdings darauf hin, dass das erneute Auftreten eines Tumors nicht unbedingt mit einer eingriffsbedingten „Ausschwemmung“ von bösartigen Zellen oder einer unvollständigen Exzision (Entfernung) zusammenhängen muss. Im Dezember 2009 haben Wissenschaftler des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York Licht in das Dunkel der Frage gebracht, warum manche Tumore nachwachsen, auch wenn sie vollständig entfernt wurden. Die verblüffende Antwort: Tumore können sich selbst aussäen. „Wir gehen davon aus, dass in einigen Fällen nach der Behandlung befallenes Gewebe zurückbleibt, in dem sich diese [zirkulierenden Tumor-]Zellen eingenistet haben“, erklärt Joan Massague, Forscherin am Cancer Center sowie am Howard Hughes Medical Institute, im Rahmen eines Artikels im Fachjournal Cell. „In den Wochen und Monaten nach einer Operation könnten sie erneut in den Blutkreislauf gelangen und sich durch den Prozess der Selbstaussaat wieder am Ausgangsort einnisten und den Tumor reproduzieren.“ Verkompliziert wird die Lage noch dadurch, dass sich der neu gebildete Krebstumor meist als stärker und aggressiver als sein Vorgänger erweist (Reuters).

Krebszellen können sich im Körper „verstecken“: Herkömmliche Therapieformen unwirksam

Bislang war die Medizin davon ausgegangen, dass das Wiederauftreten eines Tumors auf Rückstände am Ort des Eingriffs zurückzuführen sei. Die Studie des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center zeigt jedoch, dass sich Tumorzellen im gesamten Körper „verstecken“ können – ein Aspekt, der die Krebsforschung im Hinblick auf neue Therapieformen vor ungeahnte Schwierigkeiten stellt, da herkömmliche Behandlungsmethoden wie Operation und/oder Chemo- oder Strahlentherapie diesen langfristigen, den gesamten Körper betreffenden Prozess kaum unterbinden können. Damit gesellt sich zu den drei großen Nachteilen herkömmlicher Krebstherapiemethoden – hohe Kosten, starke Nebenwirkungen und eine mangelhafte Erfolgsquote – nun noch ein vierter, der die Indikation einer medikamentösen und/oder chirurgischen Behandlung von Krebs gänzlich ad absurdum führen könnte.

„An mir würde ich eine solche Therapie nicht vornehmen lassen“

Nicht dass dies nicht bereits geschehen wäre – eine US-amerikanische Studie von 2006 über den Erfolg der Chemotherapie, durchgeführt an über 100.000 Krebspatienten, kam zu dem Ergebnis, dass die Erfolgschancen bei nur zwei bis drei Prozent liegen. Und der Epidemiologe Ulrich Abel vom Krebsforschungszentrum Heidelberg kam schon 1995 nach monatelangen Untersuchungen an tausenden Patienten zu dem Schluss, dass die Behauptung, eine Chemotherapie verlängere die Lebenserwartung von Krebspatienten, nicht haltbar sei. Und noch einmal zehn Jahre zuvor, 1985, stellte Klaus Thomsen, ehemaliger Direktor der Gynäkologischen Abteilung der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf fest: „Es sollte uns nachdenklich stimmen, wenn eine zunehmende Zahl von Ärztinnen und Ärzten sagt: ‚An mir würde ich eine solche Therapie nicht vornehmen lassen.’“ (Spiegel)

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