Langschläfer: Nicht fauler als Frühaufsteher, nur anders getaktet

Marcel (23) hat eine seltene Veranlagung: „Ich stehe jeden Morgen gegen sechs Uhr auf, obwohl ich erst um zwei ins Bett gehe.“ Der BWL-Student aus Bochum freut sich, dass er seinen langschläfrigen Kommilitonen immer einen Schritt voraus ist: „Ich habe selbst in sehr vollen Vorlesungen einen Sitzplatz. Und für die „Red Hot Chili Peppers“ habe ich seinerzeit nur Karten gekriegt, weil ich früher als andere an der Theaterkasse war.“

Christian aus Berlin, für den jede Weckzeit vor zehn Uhr eine Qual darstellt, studiert Journalistik in Leipzig. Seine Veranlagung betrachtet er als ungerechtes Schicksal, das ihn sogar dazu zwang, auf seinen Traumjob zu verzichten: „Eigentlich wollte ich immer Lehrer werden. Aber das würde ich aufgrund der frühen Morgenstunden niemals packen. Ich kann machen, was ich will – selbst zwei Wecker garantieren nicht, dass ich rechtzeitig aufwache. Als Journalist, so hofft er, „kann ich später notfalls auch frei arbeiten und meine Zeit entsprechend einrichten.“

Schlafrhythmus: Es gibt Lerchen und Eulen

Ob auf dem Campus, bei Behörden, im Beruf und sogar in der Freizeit – Langschläfer haben immer das Nachsehen. Denn in der Gesellschaft gilt das ungeschriebene Gesetz: „Früher Vogel fängt den Wurm.“

Eine Redensart, bei der sich Günter Woog die Nackenhaare sträuben. Der freiberufliche Grafiker und bekennende Spätaufsteher sagt: „Ein Kunde wollte sich mit mir immer nur frühmorgens treffen, spätere Termine lehnte er mit genau diesem blöden Spruch ab.“ Woog gründete deshalb einen „Verein für Zweitnormalität“ – sein Name: „Delta t“ (nach dem physikalischen Begriff für Zeitdifferenz).

Anfangs hatte er zehn Mitstreiter aus seinem Freundeskreis, heute sind knapp 150 „zeitversetzt und langschlafende Menschen“ Mitglied. Darunter viele Studierte und Akademiker, auch Prominente wie Jürgen von der Lippe. Sie wollen als Spätaufsteher im Alltag nicht länger als faul geächtet werden. Die Schlafforschung ist inzwischen auf ihrer Seite: Noch Ende der 1990er Jahre waren Wissenschaftler der Meinung, Langschläfer müssten ihren Wach-Schlaf-Zyklus umtrainieren, um sich der „Normalität“ anzupassen.

Heute ist bewiesen, dass Biorhythmen im Körper bestimmen, ob jemand ein Morgen- oder Abendtyp ist. Weshalb Forscher raten, jeder sollte nach seinen Schlafgewohnheiten leben: Morgenmenschen, „Lerchen“ genannt, sollten nicht unbedingt in Diskotheken arbeiten, Abendtypen – „Eulen“ – keinen Job als Zeitungsausträger annehmen.

Diktatur der Frühaufsteher

Doch wer kann schon so über sein Leben bestimmen? Das öffentliche Leben ist dem Diktat der Frühaufsteher unterworfen. Postboten oder Handwerker kennen kein Pardon mit Langschläfern. Die meisten Arbeitsagenturen vergeben Studentenjobs zwischen sieben und neun Uhr. Und wer sich für seinen Studienplan nur Nachmittagsseminare herauspickt, wird nie seinen Abschluss schaffen.

Dozenten wie der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Tauchnitz sind eben die Ausnahme: Der Professor der FH Lausitz – auch er Mitglied von „Delta t“ – sagt von sich, er sei „bei Mondschein kreativer“ und hält seine Vorlesungen deshalb vorwiegend abends.

Sein Verein fordert jetzt, dass die Gesellschaft wörtlich von Kindesbeinen an umstrukturiert wird: Der allgemeine Schulbeginn um acht Uhr sei ein „unlauterer Wettbewerb“ zugunsten von Frühaufstehern. Der Leipziger Biologe Christoph Randler fand in einer 2006 veröffentlichten Studie heraus, dass Schüler, die morgens quicklebendig sind, im Schnitt bessere Noten schreiben als Spättypen: „Frühaufsteher sind nicht intelligenter, sondern haben Glück, dann gefordert zu werden, wenn sie munter sind.“

Doch gegen die Diktatur der Frühaufsteher ist sogar die Politik machtlos, wie Günther Oettinger in seiner Zeit als Ministerpräsident von Baden-Württemberg erfahren musste: Sein familienpolitisch begründeter Vorstoß, den Schulbeginn um eine halbe bis ganze Stunde nach hinten zu verlegen, brachte vor allem eins: Spott für den CDU-Politiker.

„Delta t“-Gründer Günter Woog wundert sich, dass Eltern von „Nachteulen“ die Benachteiligung ihrer Kinder einfach hinnehmen: „Das ist ja so, als würde man jemanden, der 1,50 Meter groß ist, zum Basketballspielen zwingen.“

Info: Wer schläft wie lange?

Ein bekennender Langschläfer war Albert Einstein, ganz im Gegensatz zu Napoleon („Vier Stunden Schlaf für die Männer, fünf für die Frauen und sechs für die Dummköpfe“).

Im Laufe des Lebens nimmt das Schlafbedürfnis ab: Während Säuglinge durchschnittlich 15 Stunden pro Tag schlafen, verbringt ein 65-jähriger Mensch damit nur noch sieben Stunden.

Erwachsene nehmen sich durchschnittlich 8,5 Stunden (45 Prozent) oder 7,5 Stunden (35 Prozent) Auszeit. Dies ergibt laut Uni Regensburg eine durchschnittliche Schlafzeit von 6 Stunden und 59 Minuten pro Tag.

Deutschlands Frühaufsteher leben laut einer Forsa-Umfrage in Sachsen-Anhalt, wo die Menschen statistisch gesehen um 6.39 Uhr aufstehen, neun Minuten früher als der Bundesdurchschnitt. Am längsten im Bett halten es die Menschen in Hamburg aus (Aufstehzeit: 7.13 Uhr).

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