Rolle und Funktion des Erzählers

Das Erzählgerüst in der Epik: Erzählsituation und Erzählperspektive. Erzählende Prosa benötigt immer einen Erzähler. Die Erzählsituation kann jedoch sehr unterschiedlich sein – genauso unterschiedlich wie ihre Wirkung auf den Leser.

Der erzählende Dichter und der Erzähler

Epik zählt zu den drei Gattungen der Literatur. Im Gegensatz zur Lyrik und Dramatik hält der erzählende Dichter jedoch eine epische Distanz zu der fiktiven Welt, von der er erzählt. Er kann das Geschehen von außen betrachten oder aus der Perspektive einer der handelnden Personen, er kann in die Vergangenheit oder Zukunft blicken, Gefühle oder Gedanken der handelnden Personen preisgeben, kommentieren, bewerten oder selbst der Held der Geschichte sein.

Aber immer wird deutlich, dass die Erzählung erzählt wird, immer ist der Erzähler der Vermittler zwischen der Handlung und dem Leser.

Dabei ist der erzählende Dichter nicht zwangsläufig identisch mit dem Erzähler der Geschichte. In den Aufzeichnungen des Harry Haller mag Hermann Hesse wohl seine eigenen Seelenqualen verarbeitet haben – dennoch ist der Steppenwolf eine fiktive Figur – und ein fiktiver Erzähler. Auch die Rahmenhandlung, das Vorwort des Herausgebers, wird von einem fiktiven Erzähler erzählt.

Unterm Strich bleibt jedoch der erzählende Dichter der eigentliche Erzähler. Aber er schafft eine bestimmte Erzählsituation, die von der Funktion des Erzählers abhängt. Ein Kunstgriff des Autors, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Die Funktion des Erzählers (im Sinne von Aufgabe oder Rolle innerhalb der Erzählung) kommt also in typischen Erzählhaltungen bzw. Erzählsituationen zum Tragen.

Die auktoriale Erzählsituation

Der auktoriale Erzähler ist der Allwissende. Er steht über den Dingen, weiß mehr als die Figuren der Handlung. Er plaudert von ihrer Vergangenheit, legt aber auch Hintergründe offen oder nimmt Zukünftiges vorweg. Immer wieder mischt er sich ins Geschehen ein, wertet und kommentiert. Er befindet sich außerhalb des Geschehens, aber er weiß, warum sich jemand gerade so und nicht anders verhält.

Obgleich er also die Außenperspektive einnimmt, weiß er gleichzeitig um die Innenansichten wie Gefühle, Gedanken oder Absichten der handelnden Personen.

Der Bericht über innere Vorgänge und die indirekte Rede sind neben den Einmischungen oder Abschweifungen typische Darstellungsformen auktorialen Erzählens.

Bei der auktorialen Erzählsituation ist der Erzähler als Vermittler der Handlung sehr präsent. Der Leser ist gezwungen, die Handlung durch seine Brille wahrzunehmen. Er befindet sich ebenso wenig mitten im Geschehen, kann sich nur wenig mit einzelnen Figuren identifizieren. Und er wird von der Bewertung des Geschehens oder der Personen durch den Erzähler beeinflusst.

Ein geschicktes Manöver des Autors, dem Leser seine Sicht der Dinge aufzudrängen.

Die personale Erzählsituation

Der personale Erzähler erzählt, in der dritten Person, aus der Sicht einer oder mehrerer Figuren. Er ist unmittelbar am Geschehen beteiligt. Und der Leser sieht das Geschehen aus den Augen eben dieser Person – und hat das Gefühl, er sei unmittelbar dabei, sei „mittendrin“. Vor allem der Dialog, die direkte Rede trägt zu diesem Eindruck bei.

Der Leser ist somit „verdonnert“, alles Geschehen nur aus der Innenperspektive dieser einen Person wahrnehmen und lediglich dessen Außensicht auf die Handlung oder auf andere Personen teilen zu können.

Übrigens: Eine Innensicht der Person, ein Einblick in ihre Gedanken und Gefühle, äußerlich erkennbar an Verben wie „dachte“, „fühlte“, „merkte“ (er, sie), verweist eher auf die auktoriale Erzählsituation.

Die personale Erzählsituation kann den Leser aber auch aufs Glatteis führen. Aus der Perspektive einer Person hat er natürlich keinen Einblick in andere Figuren. Er verbündet sich also zwangsläufig mit dem personalen Erzähler und wird u. U. von den Geschehnissen genauso überrascht wie dieser.

Die personale Erzählsituation ist also ein geeignetes Darstellungsmittel für unvorhersehbare Ereignisse oder schicksalhafte Wendepunkte.

Die Ich-Erzählung

Nur hier tritt der fiktive Erzähler auf, eine individuelle Person, die an den Geschehnissen beteiligt ist. Er gehört in die Handlung, ist ein Teil von ihr und erzählt die Vorgänge aus seiner Sicht. Oder berichtet – innerhalb einer Rahmenhandlung – aus (gut) informierter Quelle darüber.

Die epische Distanz tritt deutlich in den Hintergrund, denn der Ich-Erzähler ist unmittelbar betroffen und erzählt von ureigensten Erfahrungen, Erlebnissen und Gefühlen, von seinen Irrungen und Wirrungen. Seine Innenperspektiveist stark eingeschränkt. Sie beschränkt sich auf eine strenge Außensicht auf Handlungen und Personen, aber eben auch auf eine Innensicht der eigenen Gefühle, Befindlichkeiten, Absichten, Wünsche und Hoffnungen.

So ist die Ich-Erzählsituation von ihrer Struktur her vergleichbar mit einem Wirklichkeitsbericht, vergleichbar mit literarischen Gebrauchstexten wie der Biographie oder Autobiographie.

Häufig findet sich – zumindest in fiktiven Memoiren – das Phänomen von zwei unterschiedlichen Ichs: das im Alter rückblickende, erzählende Ich und das Ich, das diese Geschehnisse erlebte. Zwischen ihnen herrscht meist eine deutliche Diskrepanz, denn das rückblickende, erzählende Ich weiß aufgrund seiner Erfahrungen, seiner größeren Weisheit, seiner möglicherweise veränderten Wertmaßstäbe manches besser als das damals erlebende Ich.

Ich-Erzählungen sind naturgemäß sehr subjektiv, der Leser kann sich also mit dem Ich-Erzähler identifizieren, ihm aber genauso gut distanziert oder kritisch gegenüberstehen.

Neutrale Erzählsituationen und Mischformen

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es – im Prinzip – auch eine neutrale Erzählsituation gibt. Die Geschehnisse werden sachlich, nüchtern und objektiv berichtet, nicht kommentiert oder bewertet und auch nicht aus der Sicht einer bestimmten Person geschildert. Streng genommen wird sie nur äußerst selten vorkommen, denn absolute Neutralität ist wohl nur die absolute Ausnahme.

Auch alle anderen Erzählsituationen kommen in reiner Form nur höchst selten vor.

Erzählende Prosa ist halt kein Musterwerk strikter Formeinhaltung, sondern Fabulierkunst von erzählenden Dichtern, von lebendigen Menschen und ihrer dichterischen Freiheit.

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