Schlaganfall: Fatale Mangelversorgung im Gehirn

Mit dem Hentschel-Preis 2012 ehrt die Stiftung „Kampf dem Schlaganfall“ zwei Würzburger Forschungsarbeiten.

Am 20. Oktober 2012 luden das Universitätsklinikum Würzburg und die Stiftung „Kampf dem Schlaganfall“ zu einem kostenlosen, öffentlichen Infotag ein. Das Arzt-Patienten-Seminar „Schlaganfall“ informierte nicht nur über die Symptomatik und die Therapiemöglichkeiten der Volkskrankheit, sondern präsentierte laienverständlich auch topaktuelle Forschungsansätze. „Weniger als zehn Prozent der Deutschen kennt die typischen Symptome eines Schlaganfalls – und dabei zählt im Fall des Falles jede Minute“, berichtete Prof. Christoph Kleinschnitz, Oberarzt der Neurologie des Universitätsklinikums Würzburg (UKW), den interessierten Zuhörern im Hörsaal des Zentrums für Operative Medizin an der Oberdürrbacher Straße in Würzburg. „Je früher ein Schlaganfallpatient ins Krankenhaus kommt, desto erfolgreicher kann er behandelt werden. Nur eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung können die schwerwiegenden Folgen verhindern“, betonte Kleinschnitz. Schwerwiegende Folgen bedeuten Tod oder bleibende Behinderungen. Und die Gefahr, selbst zum Opfer zu werden, ist groß: Laut dem Würzburger Schlaganfall-Spezialisten liegt die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, bei etwa 1:6500 ? an einem Schlaganfall zu sterben jedoch bei 1:500!

Beste Versorgung auf „Stroke Units“

Im optimalen Fall werden die Schlaganfall-Warn-Symptome ? wie eine kurzzeitige Erblindung auf einem Auge, die flüchtige Lähmung eines Armes, einer Hand oder eines Beines oder plötzliche Sprachstörungen ? schnell erkannt und unverzüglich ein Rettungsdienst informiert. Nach dem bevorzugten Transport ins Zielkrankenhaus mit Vorankündigung startet eine sofortige, zielgerichtete Diagnostik und Behandlung. Hierzu gibt es in knapp 200 deutschen Kliniken – unter anderem am Uniklinikum Würzburg ? Spezialstationen, so genannte „Stroke Units“. Dort stehen Schlaganfall-Patienten die neuesten Diagnose- und Therapiemethoden zu Verfügung.

Forschung an Gerinnungsfaktoren

Ursache eines Schlaganfalls ist die Störung der Blutversorgung eines Gehirnareals. Meistens beruht die Mangeldurchblutung auf einer Verhärtung und Verengung von Blutgefäßen. Bei der Behandlung werden die Blutgerinnsel – die Thromben – in der Regel medikamentös aufgelöst. „Bisherige Medikamente ‚erkaufen‘ sich die Thrombolyse oder den Thromboseschutz allerdings durch eine erhöhte Blutungsneigung“, gibt Dr. David Stegner vom Lehrstuhl für Experimentelle Biomedizin des UKW zu Bedenken. Als zweiter Referent des Arzt-Patienten-Seminars schilderte er aktuelle Ansätze der Grundlagenforschung zum Schlaganfall. „Eine Reihe von Arbeitsgruppen des Würzburger Universitätsklinikums versucht, mit Hilfe von Mausmodellen neue Erkenntnisse über die an der Entstehung von Schlaganfällen beteiligten Schlüsselmoleküle zu gewinnen“, sagte der Biomediziner. „Auf diese Weise konnten wir schon einige neue Ansatzpunkte für anti-thrombotische Therapien identifizieren.“ Ein prominentes Beispiel ist laut Dr. Stegner der Gerinnungsfaktor XII, auch Hageman-Faktor genannt. Gerinnungsfaktoren sind Eiweißkörper im Blut, die ? wenn sie aktiviert sind ? bestimmte Reaktionen beschleunigen. Der Verlust oder die Blockade des Hageman-Faktors verlängern die Blutungszeit nicht, verhindern aber die Entstehung größerer Thromben. „Auf Basis dieses Wissens könnte es eventuell in Zukunft gelingen, das Auftreten bestimmter Schlaganfall-Typen noch besser zu verhindern und zu behandeln“, hofft Dr. Stegner.

Europäische Schlaganfallversorgung vergleichbar machen

Neben den beiden Experten-Vorträgen mit anschließender Diskussion war die Verleihung des diesjährigen Hentschel-Preises ein weiterer Programmpunkt des Infotages. Mit dieser Auszeichnung ehrt die Stiftung „Kampf dem Schlaganfall“ thematisch passende wissenschaftliche Arbeiten aus der Grundlagen- oder klinischen Forschung, einschließlich Prävention, Diagnostik und Therapie. In diesem Jahr erhielten zwei Würzburger Forscherinnen jeweils 2.000 Euro Preisgeld. Dr. Silke Wiedmann vom Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie der Uni Würzburg hat sechs europäische Schlaganfallaudits hinsichtlich ihrer Methoden, Inhalte und Charakteristiken verglichen. „Auf dieser Grundlage haben wir dann Empfehlungen für die Ausarbeitung einheitlicher Qualitätsindikatoren entwickelt, die zukünftig Vergleiche auf europäischer Ebene zulassen“, beschrieb Dr. Wiedmann bei der Preisübergabe. Europaweite Vergleiche der Behandlungsqualität könnten laut der Forscherin dazu beitragen, erfolgreiche Komponenten in der Schlaganfallversorgung zu identifizieren. Letztendlich könnte dies zur Verbesserung der Versorgungssituation von Schlaganfallpatienten im Sinne der evidenzbasierten Medizin beitragen.

Kann man Kininogen hemmen?

Die zweite Hentschel-Preisträgerin 2012 ist Dr. Friederike Langhauser von der Neurologischen Klinik und Poliklinik des UKW. Im Fadenkreuz ihrer Forschungsaktivität steht unter anderem das Blutprotein Kininogen. „Dieser Stoff schädigt das Gehirn nach einem Schlaganfall auf mehreren Wegen: Er fördert die Bildung weiterer Blutgerinnsel im Gehirn, er steigert die Durchlässigkeit des Gefäßsystems und er stößt Entzündungsreaktionen an“, listete Dr. Langhauser auf. Mäuse, denen das Gen für Kininogen fehlt, zeigten laut der Forscherin nach einem Schlaganfall einen deutlich milderen Krankheitsverlauf als die Kontrolltiere. Im nächsten Schritt sollen Antikörper, die Kininogen pharmakologisch hemmen, zum Einsatz kommen. „Solch eine Blockade mit Antikörpern könnte in Zukunft auch beim Menschen eine vielversprechende Therapie nach einem Schlaganfall darstellen“, sagte Friederike Langhauser.

Zur Stiftung „Kampf dem Schlaganfall“

Um die Schlaganfall-Forschung zu unterstützen, hat Günter Hentschel, der ehemalige Leiter des Würzburger Gewerbeaufsichtsamts, im Jahr 2009 die Stiftung „Kampf dem Schlaganfall“ ins Leben gerufen. Der Kapitalgrundstock der gemeinnützigen Initiative stammt aus seinem Privatvermögen. Die Motivation für Hentschels Engagement war eine einschneidende persönliche Erfahrung: Seine Schwiegermutter war nach einem Schlaganfall bis zu ihrem Tod eineinhalb Jahre ans Bett gefesselt und musste künstlich ernährt werden. „Ich hoffe auf die Entwicklung eines Medikaments, das Schlaganfall-Risikopatienten prophylaktisch einnehmen können“, beschreibt Hentschel seine Vision. Um auch in Zukunft den Kampf gegen den Schlaganfall vorantreiben zu können, freuen sich Günter Hentschel und seine Stiftung über Spenden auf das Konto: Kampf dem Schlaganfall, HypoVereinsbank Würzburg, BLZ 790 200 76, Konto-Nr. 347 390 402. Die Stiftung ist vom Finanzamt Würzburg unter der Steuernummer 257/147/00343 als gemeinnützig anerkannt. Zustiftungen und Spenden sind daher steuerlich absetzbar.

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